Bamberg
Konzert

Am Rande der Genialität: Gerhard Polt in Bamberg

Die Well-Brüder waren bei ihrem Auftritt in der Bamberger Konzerthalle in sehr guter, Polt war in Höchstform.
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Fast 77 Jahre alt und immer noch stimmgewaltig: Gerhard Polt war am Samstag in der Bamberger Konzerthalle in Bestform.  Fotos: Ronald Rinklef
Fast 77 Jahre alt und immer noch stimmgewaltig: Gerhard Polt war am Samstag in der Bamberger Konzerthalle in Bestform. Fotos: Ronald Rinklef
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Wenn man sich ein Leben lang mit Künstlern beschäftigt hat, die da auf der Bühne stehen, hat das etwas sehr Vertrautes, auch Spannendes, etwa wie bei einem Klassentreffen: Wie haben die sich entwickelt, sind sie noch die Alten oder ganz andere geworden, aus der Zeit gefallen oder langweilig, haben sie sich überlebt? 40 Jahre tritt Gerhard Polt jetzt mit den Well-Brüdern auf, die noch einige Bühnenjahre mehr auf dem Buckel haben.

Die Well-Brüder

Das heißt: Ganz so stimmt das nicht. 2012 trennten sich Christoph "Stofferl" Well und Michael Well von ihrem großen Bruder Hans. Ein bedauerlicher, erbitterter Streit hatte das damals noch unter dem Namen "Biermösl Blosn" firmierende Trio zerstört; sogar Edmund Stoiber hatte seinerzeit Krokodilstränen geweint. Hans Well tourt seither mit seinen Kindern als "Wellbappn" durch die Lande, die Brüder holten sich einfach einen Ersatz aus dem reichen Fundus der 15 Well-Geschwister, und mit Karl "Karli" Well an Klarinette, Quetsche und Alphorn war das neue Ensemble "Well-Brüder" geboren.

Die wie gewohnt häufig mit Gerhard Polt auftreten, wobei sich ebenfalls wie gewohnt mit kritischen Texten verfremdete Volks- und andere Musik und Soli des Sprachkünstlers Polt abwechseln (der eben kein Kabarettist ist, wie so oft aus Denkfaulheit geschrieben wird). In Jahrzehnten Altvertrautes mischt sich mit moderaten Neuerungen.

Eröffnet wurde der satirische Reigen vor seit Monaten ausverkauftem Haus mit lokalen Spitzen, etwa gegen den "Möchtegern-Sonnenkönig" Hans Kalb, einen ubiquitären Stadtmarketing-Chef oder Michael Stoschek: "Wer zahlt, schafft an!" Der weitere Abend ließ den Biermösl- beziehungsweise Well-Kenner aufhorchen. Keine alten - von Bruder Hans getexteten - Lieder, stattdessen viel Instrumentales. Dafür ist der klassisch ausgebildete Könner Christoph zuständig, der an Trompete und Harfe brillierte, von Klassik zu Volksmusik changierte und wieder zurück. Händels Feuerwerksmusik wurde so zur Feuerwehrmusik und zum Begleitsound einer liebevoll geschilderten typisch bayerischen Feierlichkeit: der Einweihung eines neuen Löschzugs mit Landrat, Landtagsabgeordnetem und "70 Ehrenjungfrauen" in der fiktiven Gemeinde Hausen.

Spott ohne Boshaftigkeit

Das charakterisiert den Spott der Well-Brüder sehr schön. Er ist so gut wie nie bösartig; die Wells lieben ihre Heimat und registrieren deren Verschandelung genauso wie folkloristischen Mumpitz. Gelungen sind nach wie vor ein Integrations-Jodler oder die gemeinsam angestimmte Hymne "Schweinsbraten für Europa und die Welt" gegen die "Islamisierung", am gelungensten war ein musikalischer Abriss bayerischer Geschichte.

Wohltuend auch, dass das besinnungslose Trommeln gegen die Staatspartei nicht mehr ganz so frenetisch dröhnt. Wir schreiben nicht mehr 1980, die Schwarzen sind nicht mehr die Schwarzen von damals, die Grünen nicht mehr die Grünen, nur die Roten "san sogar zum Bescheißen zu bled". Nach den Schnadahüpferln zum Schluss mit dem langjährig gewohnten CSU-Bashing wünscht man sich einen, einen winzigen Witz nur über die Grünen. Die sind doch mit ihrer Grinsekatze an der Spitze oder wie sich der ganze Haufen vor der Wahl für eine Koalition geradezu anschleimte, sehr lustig.

Stimmgewaltiger denn je

Doch da war ja noch der Polt. Der war an diesem Abend in Höchstform. Kaum zu glauben, wie frisch der fast 77-Jährige seine Rollenprosa inszeniert, stimmgewaltiger denn je. Er jongliert mit der Sprache, imitiert Chinesisch so gut, wie er das radebrechende Englisch eines bayrisch-indischen "Hochwürden" Brabang karikiert, erledigt nebenbei im gespielten Privatradio-Interview mit einem "Alkoholsportler" eine der enervierendsten Sprachmarotten der Gegenwart: das ständige bestätigende "Okay".

Man könnte nach einem solchen Abend ein kleines Kompendium Polt'scher Wortneuschöpfungen und genialer, valentinesker Sätze zusammenstellen. Das reicht vom "Guillotinistischen" über "Begriffsvermummung" bis zu Sentenzen wie "Muss i heit Psychologie studiern, um zu wissen, wer a Depp is und wer net?" oder "Wir ist das Unwort des Jahres". In der Maske des ewigen Spießers enttarnt er nicht nur diesen, sondern setzt manchen Hieb etwa gegen Erziehungs-Moden: "Dass des a Wunderkind is, des sagt Ihnen heute jeder Musiklehrer, der wo am Verhungern ist." Längst wäre der Mann mit seiner genialischen Wortartistik reif für den Büchner-Preis statt die zuletzt damit ausgezeichneten Langweiler. Nach der gewohnten Zugabe mit Pseudo-Afrikanistik tobte das Publikum. Die Tiefgarage der Konzerthalle wiederum schärfte den Blick für Realitäten: kaum ein Kleinwagen, dafür ein "Suff" (Polt-Jargon für SUV) nach dem andern. Die Zuhörer haben eben auch 40 Jahre hinter sich.

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