Bamberg
Jubiläum

Am Anfang war das Schweinsohr

Ihren Geburtstag feiert die Bamberger Band mit zwei Konzerten im Jazzclub - wo vor 40 Jahren alles begann.
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Irmgard Klarmann und Uwe Gaasch. Rudi Hein
Irmgard Klarmann und Uwe Gaasch. Rudi Hein
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Wie lange gibt es jetzt die "Rolling Stones"? Gefühlt immer (es sind ¬ 56 Jahre). Deren in der Band-Frühzeit größte Konkurrenten, die "Pretty Things" (gegründet 1963), gaben vor einigen Jahren in Bamberg ein grandioses Konzert; die Bandleader waren damals schon über 70. Mit solchen Rock-Methusalems, Ausnahmen im schnelllebigen Musikgeschäft, können die Lokalheroen von "Schweinsohr Selection" noch nicht ganz mithalten. Wer weiß, was noch kommt? Aber 40 Jahre hat die Formation nun auch schon auf dem imaginären Buckel, und das muss gefeiert werden: mit einem Doppelkonzert im Jazzclub.

Dort begann alles mit einem Auftritt am 11. August 1978 (der Mitschnitt eines Songs aus diesem Auftritt ist nebst vielen Informationen und teils anrührenden Fotos auf der Band-Homepage www.schweinsohrselection.de zu finden). Alles - und doch nicht ganz.

Denn der Nukleus der Formation, die im Lauf der Jahre rund 100 Musiker durchliefen, liegt im Café Beckstein. Eines Tags vor 40 Jahren trafen sich dort Engelbert "Place" Platz, schon zu dieser Zeit fast ein Veteran Bamberger Popmusik, Rainer Rumpel, der heute u. a. als Schlagzeuglehrer arbeitet, und Ernst Kroker, Ausnahmetalent an der Gitarre, 1999 unter mysteriösen Umständen gestorben. Zum Kaffee genossen die Drei das in Bamberg geschätzte Gebäck Schweinsohren, und siehe: Der Bandname ward geboren.

Diese Anekdote geben Irmgard Klarmann und Walter "Waldi" Bauer gern zum Besten. Die beiden waren beim Gründungstreffen zwar nicht dabei, doch man tut ihnen nicht unrecht, ihnen das Etikett "Schweinsohr-Urgestein" zu verpassen. Dabei waren sie, wiewohl noch jung an Jahren, auch damals keine musikalisch unbeschriebenen Blätter mehr.

Klarmann, aus Eltmann stammend, hatte sich früh für "schwarze" Musik begeistert, in diversen Bands gesungen und auch bei "Jessica", wo Ernst Kroker die Gitarrensaiten traktierte. Erinnert sich noch jemand an den Rosenmontag 1976?

Damals spielte "Jessica" (benannt nach einem Song der "Allman Brothers Band", der immer im Abspann des Club 16 auf Bayern 2 aufgelegt wurde) im "Mondschein", die Stimmung war gut, die Musik laut, und schließlich tauchte die Polizei auf. Für Bamberger Verhältnisse uferte das aus zu einem regelrechten "riot", und im FT kam das "Mondschein"-Publikum, meist Schüler und Studenten, gar nicht gut weg ... Ja, so war das damals.

Waldi Bauer, unwilliger Klavierschüler, heute fit an Schlagzeug, Keyboards, E-Bass und Gitarre und der "Manager" der sonst absolut gleichberechtigten Band, hatte ebenfalls schon eine kleine Laufbahn als Musiker in Gruppen wie "Reverb" und "Charity" zusammmen mit Place oder auch mal einen Auftritt als 15-Jähriger in der legendär-berüchtigten Citybar in der Kleberstraße hinter sich. Dass ihn das nicht vom Lernen abhielt, beweist seine weitere Karriere: Bis voriges Jahr war er Professor für Organische Chemie an der Uni Erlangen mit dem Spezialgebiet Kernresonanzspektroskopie. Und er hat es irgendwie geschafft, die Atomkerne zum S(ch)wingen zu bringen, etwa im Song "500 Miles" von Peter, Paul & Mary.

Ein schönes Beispiel für die Fusion von Beruf und Leidenschaft. "Fusion", ein großes musikalisches Thema vor allem in den 70ern, gemeint ist die Verschmelzung von Jazz und Rock, charakterisiert auch den "Schweinsohr"-Stil. Die Aufnahme von Bläsern in die klassische Besetzung, so wie bei "Electric Flag", bei "Blood, Sweat & Tears", bei "Chicago", gehörte von Anfang an zu den Schweinsohren. Dazu Soul, Funk - black music eben. Eine der besten Bands jener Jahre, stilistisch nahe an "Blood, Sweat & Tears", war "Smash" mit Uwe Gaasch, der etwa 1980 einstieg, erinnert sich Waldi Bauer, so wie Place bei den "Powerful Tramps" die Tasten drückte.

Gaasch gehört zur Stammbesetzung, aktuell singt jedoch Christopher Tate. Reiner Herzog bediente die Hammondorgel, zu Beginn standen zwei dieser Monstren auf der Bühne. Wegen musikalischer und anderer Differenzen ist Place seit 1996 nicht mehr dabei, und auch Klarmann, verheiratet mit dem Ton-Mann Thomas Schmitt, hatte sich zeitweise verabschiedet. Zusammen mit ihrem beruflichen Partner Felix Weber betrieb sie in Haßfurt ein Tonstudio und komponierte für solche Stars wie Paul Anka, Jennifer Rush und Chaka Khan, arbeitete als Studiosängerin auch.

1993 stand sie wieder am Schweinsohr-Mikro, "für ein Bier", sagt sie heute. Auch Gerda Windt sang mal, aktuell ist Harald Hauck an den Keyboards dabei, Norbert Schramm an der Gitarre, Hansi Peßler, jetzt Gastronom, saß an den Drums, und Werner Silzer schlägt auf diverse Percussion.

Die Band ist ein Liebhaberprojekt, Geld lässt sich damit nicht verdienen. Vier- bis fünfmal im Jahr treten die mit Bläsern etwa zehn Mann und Frau auf, so gut wie immer in Bamberg. Höhepunkte waren die Auftritte bei den Domplatz-Open-Airs 2000 und 2001 mit den Bamberger Symphonikern und "Revolver".

Originell ist die Art und Weise des Probens: Weil alle in Berufs- und andere Tretmühlen gesperrt sind, wird ein Set unmittelbar vor dem Auftritt durchgespielt. Es sind eben alle (Semi-)Profis geworden im Lauf der Jahre. Die drei CDs - die jüngste, "Fourty Miles", erscheint pünktlich zu den Jubiläumskonzerten - ist ebenfalls eher ein Hobby und ein Geschenk an die Fans.

Die rekrutieren sich naturgemäß aus Altersgenossen, sagen Klarmann und Bauer. Jedoch können sich auch Jüngere für die garantiert handgemachte Musik von "Schweinsohr Selection" begeistern, so das Duo. Wolle die Combo doch sowieso eher zum Tanzen animieren als analytische Hörer gewinnen. Das zeigt auch eine Probe aus der aktuellen CD, selbstredend selbst aufgenommen und abgemischt: "Blood, Sweat & Tears" lässt grüßen. Zwei CDs hat Bauer auch mit Gaasch als "Brand Old" aufgenommen, kleine, feine Miniaturen.

"Too Old To Rock 'n' Roll, Too Young To Die" hieß ein Album von "Jethro Tull" 1976. Wie geht es da den beiden Schweinsohr-Protagonisten? Traurig denkt man an Gerd Bauer, der das lustige Schweinsohr-Signet schuf und im vergangenen Jahr gestorben ist. Klar, der Geschmack habe sich verändert, erweitert. Auch Klassik gehört heute zum musikalischen Portefeuille. Im Lauf des Lebens stehe Musik nicht unangefochten am ersten Platz der persönlichen Prioritäten-Hitparade, so Klarmann. Familie, Spiritualität rückten naturgemäß auf.

Doch die beiden, mittlerweile 60 plus, sind guter Dinge, fit und unternehmungslustig. Und diverse Drogensüchte wie bei den "Stones" belasten Vita und Gesundheit auch nicht.

Infos

Termine und Karten

Konzerte am Fr., 14., und Sa., 15. Dezember, 21 Uhr, Jazzclub Bamberg Karten an der Abendkasse oder unter jcbamberg.de (vorbestellte Karten müssen bis 18 Uhr abgeholt werden!)

BUs:

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Waldi Bauer und Irmgard Klarmann © Waldi Bauer



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