Da spielt (und verliert) also die königliche Stürmerelite aus Madrid gegen den 1. FC Bayern, und doch füllt sich der Große Saal der Städtischen Volkshochschule im Alten E-Werk so gut und so schnell, dass bald noch einige zusätzliche Stuhlreihen aufgestellt werden müssen. Freilich ist der Vortragende an diesem Abend kein Unbekannter, und an der Regnitz schon gar nicht. "Ich bin Architekt und Baugeschichtler, das heißt kein Kunsthistoriker", betonte der inzwischen emeritierte Carsten Jonas, der als Baureferent in Bamberg wirkte, ehe er den Lehrstuhl für Baugeschichte und Städtebau an der Fachhochschule Jena übernahm.

Regelmäßige Besucher der Vortragsreihe an der Städtischen Volkshochschule hatten oft schon Gelegenheit, seinen Ausführungen zu folgen. Jetzt galt Jonas‘ und der Zuhörer Interesse der Gotik und ihrer (auch) in Bamberg hinterlassenen Spuren.

Ergänzung zu Studienreise


Der Vortrag von Jonas war zugleich eine gelungene Ergänzung einer Studienreise, die die VHS unlängst nach Reims und Laon unternommen hatte. Denn von Frankreich aus, von der Île-de-France - also der Gegend um Paris - machte sich die Gotik etwa von 1140 an auf den Weg in die nahe und weitere Ferne des römisch-katholischen Westeuropa, um mit ihren zahlreichen Neuerungen die Romanik bald alt aussehen zu lassen. Lange Zeit war der Begriff Gotik negativ besetzt, beispielsweise bei Georgio Vasari, der in der Renaissance die Stilbezeichnung eingeführt hatte.

Anhand eines Vergleichs der Kathedralen von Amiens und Reims mit den überwiegend romanischen Dombauten in Speyer und Bamberg zeigte Jonas auf, wie aus dem additiven romanischen System ein gotisches Verbundsystem wird. Die Seitenschiffe werden über das Querschiff verlängert, um den Chor herumgeführt und mit kleinen Kapellen besetzt. So entstehen Chorumgänge.

Beispiel Obere Pfarre


Eine weitere Neukonstruktion der Gotik ist das Kreuzrippengewölbe, etwa in der Bamberger Karmelitenkirche. Die Kreuzrippe trägt das Gewölbe und leitet den Druck zu den Pfeilern, die durch das zumeist nach außen verlegte Strebewerk gestützt werden. In der Oberen Pfarre stehen die Strebepfeiler allerdings nicht außen, sondern innen. Typisch für die Gotik ist zudem der aus zwei Kreisen oder Zirkelschlägen konstruierte, in vielen Varianten vorkommende Spitzbogen, während in der Romanik noch der Rundbogen vorherrschte.

Der Vortrag fand viel Beifall, auch auf Grund des hin und wieder aufscheinenden trockenen Humors. So meinte Jonas, die 1882 begonnene, noch nicht fertiggestellte Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona werde noch vor der Hamburger Elbphilharmonie vollendet. Die Ausführungen des Emeritus stießen jedenfalls auf lebhaftes Interesse, was sich auch in der anschließenden Fragerunde widerspiegelte.