Bamberg
Wirtschaft

Alarmstufe Gelb bei den Bamberger Autobauern

Wie abhängig ist die Bamberger Wirtschaft von der Autoindustrie? Wie sehr hängen heimische Betriebe am Verbrennungsmotor? Das wollten unsere Leser wissen. Eine Spurensuche in einer Welt zwischen Getrieben und Getriebenen.
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Roboterarme für die Autoindustrie justiert Michael Gulden im 111 Mitarbeiter starken Werk der Bamberger Albert & Hummel GmbH am Börstig. Foto: Sebastian Schanz
Roboterarme für die Autoindustrie justiert Michael Gulden im 111 Mitarbeiter starken Werk der Bamberger Albert & Hummel GmbH am Börstig. Foto: Sebastian Schanz

Es ist ein Paradoxon unserer Zeit: Je präziser und schneller Michael Gulden arbeitet, desto präziser und schneller wird später der Vierachs-Roboterarm arbeiten, den er gerade justiert - desto mehr menschliche Arbeitskräfte wird die Maschine später ersetzen. Guldens Arbeitgeber hat sich auf die Automatisierung von Arbeitsprozessen spezialisiert. Das 111 Mitarbeiter starke Technologieunternehmen der Gründer Manfred Albert und Detlef Hummel verwirklicht im Werk am Börstig passgenau die Wünsche seiner Kunden - knapp 80 Prozent sind Zulieferer aus der Autoindustrie.

"Wir waren auch mal mehr am Auto gehangen", berichtet Albert. "Obwohl unser Hauptschwerpunkt in der Automobilbranche liegt, sind wir heute sehr flexibel und können auf Märkte reagieren", erklärt Juniorchef Tobias Hummel. An den Roboteranlagen und Montagetischen der Firma Albert & Hummel können auch Teile für Kühlschränke oder Staubsauger produziert werden.

Auf mehrere Standbeine setzen. Das scheint das Gebot der Stunde - denn die Stabilität des Standbeins mit den vier Rädern steht in Frage.

Massiver Stellenabbau bei Bosch, Erweiterungsstopp bei Brose, Kurzarbeit bei Schaeffler, Schichtausfall bei Michelin: 2019 ist ein schwieriges Jahr für die Autobranche. Schwächelnde Konjunktur in Deutschland, heikle politische Entwicklungen rund um den Brexit und US-Strafzölle, eingebrochene Nachfragezahlen auf dem riesigen chinesischen Markt: "Die Autoindustrie steht vor der Frage, ob die historische Spitzenzahl an verkauften Autos pro Jahr schon erreicht worden ist", erklärt Martin Friesl, Professor für Betriebswirtschaft an der Uni Bamberg. "Die zweite Transformation ist der Technologiewandel."

Georg Roth, Dekan der Fakultät Maschinenbau und Automobiltechnik der Hochschule Coburg bestätigt: "Die Unternehmen haben gleichzeitig Kostendruck und eine Doppelinvestitions-Aufgabe in Sachen Elektromobilität und Weiterentwicklung des Verbrenners hin zu weniger Abgasen."

Es sind diese Stichpunkte, die unsere Leser vor die Frage stellen: Wie sehr hängen die Bamberger Autobetriebe am Verbrenner? Und wie abhängig ist die heimische Wirtschaft von der Autoindustrie?

Netz an Zulieferern

Autohersteller gibt es im Raum Bamberg nicht - abgesehen von mehreren Reisemobil-Umbauern in Schlüsselfeld. Alle anderen sind Zulieferer und Zulieferer der Zulieferer - und auch die haben Zulieferer. Sie alle bilden ein großes Netz der Abhängigkeiten: Albert & Hummel stellt die Montagetische, Kaliko die Textilstoffe, Grupo Antolin die Beleuchtung. Und so weiter. "Laut Kompetenzatlas des Ofra-Car-Automobilnetzwerks gibt es in der Stadt und im Landkreis Bamberg mindestens 37 Kfz-Zulieferer", berichtet Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Oberfranken in Bayreuth. Die Datenbank ist teilweise veraltet, tatsächlich dürften es über 40 sein.

Jeder fünfte Arbeitsplatz

"An der Autoindustrie hängen im Radius von 30 Kilometern um Bamberg unmittelbar 16 000 Arbeitsplätze", sagt IG-Metall-Sprecher Matthias Gebhardt und rechnet vor: Bosch (7300 Mitarbeiter), Brose (2300), Schaeffler (1400 allein in Hirschaid), FTE/Valeo (1500 in Ebern). "Mit den Betrieben in der zweiten Reihe, Kfz-Werkstätten und -händlern dürften es mindestens 20 000 Arbeitsplätze im Raum Bamberg sein."

Jeder fünfte bis sechste Arbeitsplatz hängt an der Autoindustrie.

Und wie viele hängen am Verbrennungsmotor? Verlässliche Zahlen kann dazu niemand nennen. Doch wer sich in der Branche umhört, erhält klare Ansagen. "Bamberg ist ein Dieselstandort, da brauchen wir uns nichts vormachen", antwortet Insider Tobias Hummel. "Aber den Diesel sollte man wegen seiner hohen Effizienz auch als Brückentechnologie bis zur Etablierung nachhaltiger Mobilitätstechnoligen sehen."

Besonders Bambergs größter Arbeitgeber Bosch leidet unter sinkenden Absatzzahlen bei Diesel-Komponenten wie den Hochdruckeinspritzventilen, reagiert mit gestrichenen Schichten und Hunderten abgebauten Stellen.

"Was wir für diese Werke brauchen, ist ein Produktmix mit Leuten am Verbrenner, Leuten an der Batterie, Leuten an der Brennstoffzelle, Leuten am Hybrid", formuliert Gebhardt als Metaller die Forderungen der Mitarbeiter. Gestützt wird die Forderung von Wissenschaftler Roth: "Unternehmen sollten technologieoffen sein. Arbeitsplätze lassen sich über die Technologiebreite halten."

Wer kann schon sicher sagen, ob der lange herbeigeschriebene Elektro-Umstieg wirklich ein Massenphänomen wird? Dominieren stattdessen vielleicht Hybride mit Brennstoffzelle die Straßen der Zukunft? Oder treiben synthetische, klimaneutrale Kraftstoffe neuartige, effiziente Verbrennungsmotoren an? Forscher Roth hält das für möglich.

Zukunft des Verbrenners

"Der Verbrennungsmotor wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen", prognostiziert Marlon Matthäus, Sprecher der Firma Schaeffler. Dort geht die Geschäftsführung davon aus, dass rund 30 Prozent der im Jahr 2030 gebauten Automodelle rein elektrisch angetrieben sein werden, mindestens 40 Prozent mit Hybridantrieb ausgerüstet und 30 Prozent reine Verbrenner sein werden. "Das bedeutet letztendlich, dass 70 Prozent der produzierten Fahrzeuge einen Verbrennungsmotor beinhalten werden. Wir konzentrieren uns deshalb auch weiter auf Getriebe und Verbrennungsmotoren, deren Effizienz wir immer weiter steigern", erklärt Matthäus.

"Mittelfristig glaube ich schon, dass die oberfränkischen Standorte aktiv dran sind, ihre automobilen Hausaufgaben zu machen", wagt Automobil-Professor Roth einen Ausblick.

Kommentar des Autors:

Dieser Druck ist nicht in Bar messbar

Druck messen Ingenieure als eine senkrecht auf eine Ebene einwirkende Kraft. Doch in der umkämpften Autobranche existiert noch ein weiteres - beinahe schon physikalisches - Gesetz: Der Druck wird immer von oben nach unten weitergegeben.

Geraten die großen Autobauer unter Druck, geben sie ihn direkt an ihre Zulieferer weiter - und die versuchen ihn wiederum auf ihre Zulieferer umzulenken. Derzeit pfeifen die Ventile alarmierend! Dieser gnadenlose Preisdruck in Deutschlands und Bambergs bedeutendstem Industriezweig ist in Bar nicht zu messen - spürbar wird er aber ganz plastisch für die Mitarbeiter.

Die haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ja nicht Däumchen gedreht, sondern hart gearbeitet - und so die deutsche Autoindustrie auf ihren weltweiten Spitzenplatz gehoben. Mit Schlüsseltechnologien wie dem Diesel, die plötzlich und ohne Not verteufelt werden. Jetzt soll unter Vollgas in den Rückwärtsgang geschaltet werden? Das haut den besten Motor aus dem Sockel! Mehrere 180-Grad-Manöver hintereinander bringen auch solide Firmen ins Wanken.

Wer vom Technologiewandel profitieren möchte, sollte den Druck von seinen Mitarbeitern nehmen und sie zu neuen Entwicklungen motivieren.

Stimmen:

"Die Transformation des Automobilstandorts Bamberg zu einem zukunftsorientierten und vielfältigen Wirtschaftsstandort, der weniger krisenanfälliger ist, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft. Jede Gelegenheit muss aktiv genutzt werden, um unser Ziel zu erreichen. "

Andreas Starke (SPD), Oberbürgermeister Bamberg

"Ich unterstütze den Bosch-Konzern bei der Aufgabe, neue Geschäftsfelder zu entwickeln und dabei die Förderkulisse des Bundes und des Landes effektiv zu nutzen. Die Stadt wird jede Initiative unterstützen, um den notwendigen Strukturwandel zu realisieren. "

Andreas Starke (SPD), Oberbürgermeister Bamberg

"Gemeinsam mit der bayerischen Wirtschaft und der IG Metall haben wir das Zukunftsforum Automobil initiiert, um Maßnahmen zu identifizieren, wie der Strukturwandel in der Automobilindustrie unterstützt werden kann. Auch Zulieferer mit Standorten im Raum Bamberg sind am Zukunftsforum beteiligt."

Roland Weigert (FW), Bayerischer Wirtschaftsstaatssekretär

"Unter den 270 Kfz-Zulieferern in Oberfranken wird es Verlierer geben, aber auch Gewinner. Einerseits besteht ein Verbrennungsantrieb aus rund 1400, ein Elektroantrieb nur noch aus gut 200 Teilen. Andererseits brauchen Elektroautos nicht mehr so viel Platz für den Motor, so dass die Innenräume besser genutzt werden können und es hier neue Chancen gibt für Unternehmen, die sich etwa um die Innenverkleidung von Autos kümmern. Auch der Leichtbau gewinnt erheblich an Bedeutung."

Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Oberfranken

"Unsere Stimmung ist trotz der schwierigen Zeit vorsichtig positiv, abwartend positiv."

Tobias Zenk , Vertrieb bei Albert & Hummel

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