Bamberg
Energiewende

Aigner auf der Suche nach Lösungen für den Strom in Bayern

Im "Dialog" will Wirtschaftsministerin Ilse Aigner erfahren, woher in Bayern künftig der Strom kommen soll. Der Versuch, es jedem Recht zu machen, ist aber längst gescheitert.
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Erneuerbare Energie: Sonnenkraft und Windräder leisten einen immer größeren Anteil an der Stromerzeugung. Foto: Patrick Pleul, dpa
Erneuerbare Energie: Sonnenkraft und Windräder leisten einen immer größeren Anteil an der Stromerzeugung. Foto: Patrick Pleul, dpa
Es soll keiner sagen, die bayerische Staatsregierung sei nicht lernfähig. Die Energiewende will sie - Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner vorneweg - im Dialog mit den Bürger stemmen. Früher ist man mit dem Bürger weniger zimperlich umgegangen. Man denke nur an die Schlagstockorgien beim Kampf um die Atom-Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf.

Die Bilder vom Ausnahmezustand haben sich ins kollektive politische Gedächtnis in Bayern eingebrannt. Deshalb reagiert Seehofer sensibel auf Bürger, die gegen Windräder und Stromleitungen demonstrieren. Kein Politiker hat bei so viel Gepolter so empfindliche Antennen für soziale Beben wie der CSU-Chef. Nie wieder Wackersdorf!

Strom-Allergie

Deswegen ist der Ministerpräsident auch so allergisch auf alles, was den Eindruck erweckt, die Politik entscheide über die Köpfe der Bürger hinweg. Und so hat Seehofer Aigner energisch zurückgepfiffen, als die sich mit der Festlegung auf nur eine (statt zwei) neue Stromtrasse voreilig aus dem Fenster lehnte.

Ein bisschen WAA gab es und gibt es auch in Franken. In Grafenrheinfeld und in Viereth holte sich so mancher nicht nur im übertragenen Sinn blutige Nasen im dazumal recht einseitigen "Dialog" der Staatsregierung zur Energiepolitik. Den Unterfranken wurde ein Kernkraftwerk aufs Auge gedrückt, das oberfränkischen Viereth war bis 1999 im Standortsicherungsplan der Staatsregierung für den Bau neuer Meiler gelistet.

Heute gehen die Franken auf die Barrikaden, weil zum Glaubensbekenntnis der Energiewende der Bau neuer Stromleitungen quer durch die Republik gehört. Sie sollen den Windstrom aus dem Norden in den Süden bringen, um den Atomstrom zu ersetzen. Zwei der drei neuen Strom-"Autobahnen" sind in Franken zum Politikum geworden: "Südlink" würde auf seinem Weg vom Hamburg nach Grafenrheinfeld Unterfranken durchschneiden, die "Gleichstrompassage Süd-Ost" zwischen Sachsen-Anhalt und Bayerisch-Schwaben spaltet Ober- und Mittelfranken in Trassengegner und -befürworter.

Halbwertszeiten

Wie soll man es allen Recht machen? Das Bundesland, das zu allererst und bis zuletzt mehr als alle anderen auf die Energie aus dem Zerfall von überschweren Uran-Atomkernen setzte, ist jetzt der Vorreiter einer neuen Energiepolitik: ohne Kernkraft, mit den Bürgern, sauber, nachhaltig, sozial ausgewogen.

Dabei wird die Halbwertszeit politischer Wahrheiten immer kürzer. Unter seinem Übervater Franz-Josef Strauß verwandelte sich der Frei- in einen Atomstaat, und daran wurde erst in der Ära Stoiber gerüttelt. Der Ausbau der Kernkraft in Bayern bis in die 1980er Jahre war politisch gewollt, keineswegs technisch-ökonomisch notwendig. Der Atomstrom floss nicht in Strömen, weil die "energieintensive Industrie" nach ihm rief. Umgekehrt: Der im Überfluss produzierte Strom machte Bayern erst für die Ansiedlung solcher Branchen attraktiv.

Die Energiewende selbst hat in Bayern auch etliche Wendungen mitgemacht. Noch 2011 forderte ein Umweltminister namens Söder einen schnellen und umfassenden Ausbau der Windkraft in Bayern nach dem Vorbild Schleswig-Holsteins. 1500 Windräder sollten sich nach den Vorstellungen des jetzigen Finanzministers im Freistaat drehen. 2014 drehte Seehofer den Spieß um und brachte mit einer verschärften Abstandsregel den Ausbau der Windkraft in Bayern praktisch zum Erliegen.

Mehr Leitungen!

Ebenfalls 2011 hatte ein Ministerpräsident namens Seehofer einen Ausbau der Stromnetze gefordert, auch und gerade in Bayern, schnell und im großen Maßstab. "Man kann nicht gegen Kernenergie und gleichzeitig gegen neue Stromleitungen und gegen erneuerbare Energien sein", sagte er. Kann man doch. Heute möchte Seehofer gar keine neuen Stromleitungen und den Strom, den die Kernkraft nicht mehr liefert, in neuen Gaskraftwerken erzeugen lassen.
Angesichts des inneren Energie-Monologs der führenden Köpfe richtet sich die Aufmerksamkeit in Bayern nun auf die Meinungsbildung am runden Tisch. Seit Monaten läuft der von Frau Aigner installierte Dialog zur Energiewende, nach dessen Abschluss der Freistaat in wenigen Tagen die Eckpunkte der künftigen Stromversorgung verkünden will. Nun ist der Dialog eine gute Sache, das Ergebnis aber vorhersehbar - ein Meinungs-"Austausch" findet nicht statt: Die Wirtschaft pocht auf Versorgungssicherheit und billigen Strom, der Techniker argumentiert mit Physik und Mathematik, die Kommunalpolitiker kämpfen gegen die Elektrifizierung der Heimat, der Trassengegner bleibt Gegner und der Befürworter bleibt beim Ja.
Nein: Man muss nicht gespannt sein auf das, was Seehofer und Aigner (in dieser Reihenfolge) in wenigen Tagen verkünden werden: Bayern versorgt sich bis jetzt zur Hälfte mit Atomstrom. Werden die vier Kernkraftwerke abgeschaltet, fehlt dieser Strom, er muss irgendwo her kommen.

In den Wind geschrieben

Niemand kommt auf die Idee, die 5518 Megawatt Atom-Kraft-Leistung durch Windräder zu ersetzen. Egal, ob die rechnerisch notwendigen 2760 Windräder (a' 2 MW) in Bayern oder in der Nordsee stehen würden: Sie drehen sich nicht immer, es braucht eine verlässliche Grundlast. Das hat nichts mit der Energiewende zu tun: Auch für jedes konventionelle Kraftwerk muss Ersatz vorgehalten werden: Mal wird es zu Revisionszwecken abgeschaltet, mal kann es durch Pannen ausfallen.
Deswegen gibt es ein Stromnetz mit der Betonung auf "Netz". Es ist so dicht geknüpft und so ausgelegt - man könnte sagen überdimensioniert -, dass es den Ausfall einzelner Komponenten verkraften kann: sei es, dass ein Kraftwerke abgeschaltet werden muss, eine Leitung reißt oder ein Transformator durch Blitzschlag lahm gelegt wird. Immer ist genug Reserve da.

"Unner Strom"?

Das sind simple Fakten, und diese Fakten muss eine Energieministerin kennen, sonst hat sie sich den falschen Job gesucht; einen Dialog sollte sie dafür jedenfalls nicht brauchen. Der Strom für Bayern kommt aus einem bundesweit und gesamteuropäisch verknüpften Leitungsnetz. In dieses Netz speisen Windräder und Solaranlagen, Kohle- und Gaskraftwerke ein, es gibt "sauberen" und "schmutzigen" Strom in diesem Netz; nur keinen Bayern-Wunsch-Strom.
Deshalb gibt es auch keinen bayerischen Weg bei der Energiewende. Seehofer hat den Bürgern lange vorgemacht, dass das "Mia san mia" in den Stromleitungen funktioniert. Inzwischen sieht er es selber ein: "Wir werden unsere Vorstellungen klar artikulieren. Die Entscheidungen werden aber in Berlin getroffen", sagt der CSU-Chef.
Das klang vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders und ist wohl so etwas wie eine vorauseilende Entschuldigung dafür, dass Seehofer seine Versprechen an die Trassengegner nicht wird halten können. Ohne Trasse wird es nicht gehen. Wenn das so wäre, wenn die Energiewende so einfach gelingt, dann hätte die Politik die Bürger erstrecht gelinkt: Dann hätte man die bayerischen Atomkraftwerke schon längst abschalten müssen.


Kommentar von Günter Flegel: "Taten statt Worte, bitte!"

Es ist noch reichlich Zeit, über die Energiewende zu reden. Das große Werk gelingt nicht über Nacht, den symbolischen Knopfdruck wird es da nicht geben.

Jetzt aber ist die Zeit für Taten statt Worte. Der Feigenblatt-Dialog in Bayern hat an den Fakten nichts geändert: Deutschland baut seine Stromversorgung komplett um, und wer glaubt, dass dies leicht geht und ohne Kompromisse, die manchem weh tun, der ist mindestens naiv, wenn er/sie nicht gar in verantwortlicher Position sitzt und den Bürgern etwas vorzumachen versucht.

Es ist sicher ambitioniert, ein energiehungriges Industrieland in eine "grüne" Zukunft zu steuern. Aber der Weg ist richtig und wichtig, nicht nur wegen der unüberschaubaren Altlasten, die herkömmliche Kraftwerke und Atommeiler erzeugen. In Deutschland sitzt das Wissen, um die unabstreitbaren technischen Probleme zu lösen, die die Energiewende mit sich bringt. Man darf die Energiewende nicht sezieren in ihre einzelnen Bausteine: hier eine Leitung, da ein Kraftwerk, dort ein Speicher ... darüber lässt sich trefflich streiten und noch lange reden, aber dann wird das Projekt scheitern. Ein "Dialog" darf keine Ausrede für den fehlenden Mut sein, Entscheidungen zu treffen.

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