Bamberg
Interview

Ärzte-Vertreter verteidigt Bambergs Klinikum gegen Angriffe

Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Chefarzt haben offenbar zu einer Verunsicherung bei vielen Patienten in Bamberg geführt. Georg Knoblach vom Ärztlichen Kreisverband warnt davor, das Klinikum schlecht zu reden.
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Hohes Gut "Arzt-Patientenverhältnis": Arbeitsmediziner Georg Knoblach fürchtet um den guten Ruf des Klinikums.  Foto: Ronald RInklef
Hohes Gut "Arzt-Patientenverhältnis": Arbeitsmediziner Georg Knoblach fürchtet um den guten Ruf des Klinikums. Foto: Ronald RInklef
Georg Knoblach (60) ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes und zuständig für 1200 Mediziner in der Region Bamberg. Zu ihnen gehört auch der in Untersuchungshaft sitzende ehemalige Chefarzt.

Herr Knoblach, welche Auswirkungen hat der Missbrauchsskandal auf die Arbeit der Ärzte und auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient?
Georg Knoblach: Die Folgen bekommen gerade wir hautnah spüren. Viele Patienten sind verunsichert und fragen, ob nicht grundsätzlich bei gegengeschlechtlichen Untersuchungen eine dritte Person dabei sein müsste. Andererseits sorgt die öffentliche Wirkung der Berichterstattung dazu, dass Klinikärzte unter einer Art Generalverdacht stehen.
Das Klinikum mit den seinen sehr engagierten Mitarbeitern muss sich mit völlig unberechtigten Vorwürfen auseinandersetzen.

Ein leitender Arzt hat am Klinikum gesagt, es sei Standard, dass bei gegengeschlechtlichen Untersuchungen eine dritte Person dabei sein müsse, ganz besonders im Intimbereich. Eine Frau berichtet, dass das nicht der Fall ist.
Ich weiß nicht, dass es im Klinikum eine solche Anweisung gäbe. Es gibt Empfehlungen von Fachgesellschaften wie etwa der Gynäkologen, die den Kollegen raten, bestimmte technische Untersuchungen nur im Beisein Dritter vorzunehmen. Die Richtlinien gehen davon aus, dass dabei kein ärztliches Gespräch stattfindet, das der Vertraulichkeit des Arzt-Patienten-Verhältnisses unterliegt. Das Hinzuziehen von Dritten geht im Alltag natürlich oft nicht.

Warum?
Es würde dem Arzt-Patienten-Verhältnis diametral entgegenstehen. Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist aber ein hohes Gut. In der Berufsordnung wird es als persönliche Zweierbeziehung definiert, in der der Patient darauf vertrauen kann, dass nichts von seiner Persönlichkeit an Unbefugte weitergegeben wird. Die genannten Empfehlungen sind übrigens von Fachgesellschaften gegeben worden, um Ärzte vor falschen Anschuldigungen zu schützen. Deswegen macht sich auch kein Arzt schuldig, wenn er sich aus guten Gründen nicht an solche Empfehlungen hält.

Eine frühere Stiftungsrätin hat die Frage gestellt, wieso der Chefarzt und sein Treiben so lange unentdeckt bleiben konnten? Sie warf der Klinikumsleitung vor, durch die Arbeitsumstände dazu beizutragen, dass solche Zustände möglicherweise nicht auffallen.
Das ist totaler Unsinn. Wie soll denn ein Geschäftsführer wie Xaver Frauenknecht in der Lage sein, 3700 Leute zu kontrollieren? Es gab ja auch keinen Anlass, Verdacht zu schöpfen, dass hinter verschlossenen Türen möglicherweise etwas Kriminelles geschieht. Der Beschuldigte ist einer der zehn besten Gefäßchirurgen Deutschlands. Er war beruflich brillant.
Aber sind solche ungeheuerlichen Vorwürfe, wie sie nun vorliegen, nicht ein Anlass, um gewohnte Abläufe in einem Krankenhaus in Frage zu stellen? Und es handelt sich auch nicht um den ersten Skandal am Klinikum.
Aber man sollte sich davor hüten, das Klinikum schlecht zu reden oder mit pauschaler Kritik zu überschütten. Die Ursache für die Personalbelastung liegt nicht in Bamberg. Das ist nichts, was Frauenknecht zu verantworten hätte. Die Bezahlung für eine Krankenhausbehandlung hängt von der gestellten Diagnose ab, von Fallpauschalen, egal wie lange der Patient liegt. Das bevorzugt jene Krankenhäuser, die ihre Patienten schnell und schlecht behandeln.

In Bamberg läuft es da besser?
Es ist eine Tatsache, dass wir in Bamberg, genauso wie in Scheßlitz und Burgebrach, noch ein Krankenhaus haben, dem es eben nicht, wie jetzt in einem anonymen Brief behauptet, nur ums Geschäft geht, sondern um den Menschen. Das erklärt sich schon aus dem Geschäftsmodell. Anders als bei privaten Kliniken fließen die Gewinne bei öffentlichen Häusern nicht in die Taschen von Aktionären, sondern zurück in den Betrieb. Trotz der Vorwürfe und aller Kritik sollten wir also die Vorteile, die unsere heimische Krankenhauslandschaft bietet, nicht vergessen: Sie nehmen noch alle Patienten auf. Sie zahlen Tarif, sie haben einen starken Betriebsrat und ein Pflegepersonal, das sich trotz aller Widrigkeiten sehr für seine Patienten engagiert. Wenn man sieht, wie schlecht es noch vor wenigen Jahren um das Klinikum bestellt war, ist es ein Wunder, dass das Haus heute noch in öffentlicher Hand existiert.

Es ist unbestritten, dass das Personal den Umständen zum Trotz sein Bestes gibt. Dennoch beschädigt ein solcher Verdacht gegen einen führenden Arzt natürlich das Vertrauen ins gesamte Klinikum. Da muss man sich über kritische Anmerkungen doch nicht wundern.
Auch mich hat der Tatverdacht schockiert. Wenn ein Arzt so handelt, dann tut er das Schlimmste, was ein Arzt nach einem Mord tun kann. Er missbraucht das Vertrauensverhältnis zum Patienten. Doch erst muss geklärt werden, ob die Vorwürfe überhaupt zutreffen.

Das passiert jetzt.
Ja, aber wir erleben zur Zeit auch, dass alleine schon ein Vorwurf zum Schuldspruch umgedeutet wird. Doch in unserem Rechtssystem gilt aus gutem Grund zunächst einmal die Unschuldsvermutung. Das heißt, zunächst wird gegen einen vermeintlichen Straftäter ermittelt. Dessen Verteidiger hat die Möglichkeit, die Dinge aus Sicht des Angeklagten darzulegen - erst danach ergeht der Richterspruch. Aus dem gleichen Grund hält sich der Ärztliche Kreisverband, was Konsequenzen gegenüber dem Beschuldigten angeht, auch mit Stellungnahmen zurück. Weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.

E s gibt in Bamberg Gerüchte, wonach die von der Staatsanwaltschaft vorgeworfenen Handlungen möglicherweise gar nicht sexuell motiviert waren, sondern gewissermaßen die verbrecherischen Verirrungen eines von der Forschung besessenen Mediziners, der im Bewusstsein ärztlicher Allmacht keine Grenzen mehr kannte. Kennen Sie diese Hypothese?
Zu Gerüchten möchte ich zu diesem Zeitpunkt nichts sagen. Fakt ist allerdings: Jeder im Medizinbereich kennt die hohen Auflagen, die an eine wissenschaftliche Studie geknüpft sind.

Das Gespräch führte Michael Wehner
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