Bamberg
Räumaktion

Ackerboden bei Rattelsdorf birgt noch Zündstoff

Am ehemaligen Sprengplatz bei Rattelsdorf sind bereits acht Tonnen Kampfmittel, Splitterbomben und Granaten gefunden worden.
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Während ein paar Hundert Meter weiter die Detektoren piepsen und behutsam gegraben wird, ist es am Rande eines 8,50 tiefen Trichters Zeit für eine Zwischenbilanz der bisherigen Arbeiten am früheren Sprengplatz Rattelsdorf.

Geräumt sind mittlerweile 13 von 20 Hektar im sogenannten Kernbereich, wo nach dem Zweiten Weltkrieg die Amerikaner deutsche Bomben und Granaten in großen Mengen unbrauchbar machen wollten. Mehr als acht Tonnen scharfe Munition und 18 Tonnen Metallschrott wurden bereits aus den Böden geholt. "Die Sprengtrichter sind etwas tiefer als zunächst erwartet", sagt Lutz Fritsche vom auf Kampfmittelräumung spezialisierten Ingenieurbüro IBH, während er einige der Fundstücke präsentiert, Bombenzünder, große Panzergranaten oder eine der 200 gefundenen Splitterbomben. Die Räumungsarbeiten übernimmt die auf solche Aufgaben spezialisierte Firma GfLK (Gesellschaft für Liegenschaftskonversion) aus dem brandenburgischen Schorfheide.

Längst ist auch klar, dass es nicht bei 20 Hektar bleiben wird, da bei den kontrollierten Sprengungen der Amerikaner viele Teile weit verstreut wurden. So werden nun weitere 120 Hektar von Kampfmitteln geräumt. "Wir hatten dazu schon zwei Veranstaltungen mit Eigentümern und Pächtern, die sehr einvernehmlich verlaufen sind", sagt der Rattelsdorfer Bürgermeister Bruno Kellner (VU).

Lange Zeit war fraglich, wer die Kosten der 3,5 Millionen Euro teuren Kampfmittelräumung tragen muss: Es sah zunächst so aus, als ob die zehn Eigentümer der landwirtschaftlichen Grundstücke zwischen Unterbrunn (Landkreis Lichtenfels) und Rattelsdorf einen Großteil übernehmen müssten. Dagegen hatten sich die Eigentümer auch juristisch zur Wehr gesetzt. Nach vielen Gesprächen und zähen Verhandlungen konnte erreicht werden, dass Freistaat und Bund die Kosten der Räumaktion tragen. "Wir konnten gemeinsam viel erreichen", sagt Landrat Johann Kalb (CSU). "Mein Dank geht an alle Beteiligten, die Zusammenarbeit ist perfekt gelaufen. Natürlich wünscht sich das kein Landwirt, dass so etwa nötig wird. Aber die Sicherheit erfordert es."

Die betroffenen Landwirte sind zwar heilfroh, dass ihnen die Räumungskosten erspart blieben. "Das hätte für die Eigentümer den Ruin bedeutet", sagt Jürgen Finkel aus Ummersberg (Markt Ebensfeld), der Sprecher der Interessengemeinschaft. Es gelte jedoch noch einige Rahmenbedingungen zu klären. Für 2018 gebe es zwar mittlerweile eine Zusage, dass die Prämien für die Flächen weiterbezahlt werden können, die wegen der Kampfmittelräumung nicht bewirtschaftet werden konnten. Doch ob das auch für die nun erweiterte Fläche gelinge und wo die Härtefallregelung greife, sei noch nicht geklärt. Zudem mussten sich die Grundstückseigner Rechtsanwaltskosten von 12 000 Euro teilen.

Der Landrat stellte dagegen den großen Erfolg heraus, dass Bund und Freistaat die Hauptkosten tragen. "Wir werden weiter das Möglichste tun und euch unterstützen, so wie wir das bisher auch getan haben."

"Nicht lappalisieren"

Einige fürchten große Wertverluste. "In dem Acker steckt mein Kapital drin, den krieg ich nie mehr los", sagt ein Grundstücksbesitzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Es sei den Landwirten, als sie die Flächen im Zuge der Flurbereinigung in den 70er Jahren zugeteilt bekommen hatten, nicht bewusst gewesen, dass sich Kampfmittel im Boden befänden. Und Finkel hat erst 2008 Äcker inmitten des Kerngebiets der Räumung gekauft. "Ihnen war schon bewusst, dass hier Bomben lagen. Ihr wusstet es alle. Es stand halt nur nicht in den Akten", sagt Henning Juntunen, der beim Landratsamt Bamberg den Bereich öffentliche Sicherheit und Ordnung leitet. Kalb wie Kellner glauben nicht, dass die Flächen nichts mehr wert seien: "Ausgleichsflächen werden immer gesucht, für die dann auch normale Preise zu erzielen sind."

Einige Landwirte zweifeln noch immer an der Notwendigkeit der Maßnahme, es sei 70 Jahre lang auf den Feldern gearbeitet worden ("Wir haben immer gesagt: Kopf einziehen, wenn's klappert"). "Man darf das nicht lappalisieren", sagt Landrat Kalb. Für Lutz Fritzsche birgt das explosive Erbe durchaus Risiko: "Je länger man die Kampfmittel im Boden belässt, desto schlechter funktionieren die Sicherungsmechanismen. Es kann sein, dass eine Bombe vier Mal bewegt wurde und beim fünften Mal explodiert sie. Auch werden Böden und Grundwasser auf Dauer erheblich belastet."

Entsprechend gab sich am Ende des Ortstermins Landwirt Finkel pragmatisch: "Wir müssen das jetzt alle gemeinsam durchziehen und durchstehen."

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