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Kommunikation

Ab wann ist das erste Handy für Kinder sinnvoll?

Jeder will eines, fast alle kriegen's - und das immer früher: 62 Prozent der Jugendlichen besitzen laut Jim-Studie ein Smartphone - mit Internet-Flatrate. Selbst in der Grundschule tauchen Handys schon auf. Ist das sinnvoll? Ist es schädlich? Wo liegt die Altersgrenze fürs erste eigene Handy?
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Wie eine neue Untersuchung der Universität Bonn ergab, schaut die Generation der "Viel-Handy-Nutzer" bis zu 100 Mal am Tag aufs Handy und sind durchschnittich drei Stunden am Tag damit beschäftigt.  Foto: spd
Wie eine neue Untersuchung der Universität Bonn ergab, schaut die Generation der "Viel-Handy-Nutzer" bis zu 100 Mal am Tag aufs Handy und sind durchschnittich drei Stunden am Tag damit beschäftigt. Foto: spd
Wie viel Handy verträgt mein Kind? Und vor allem ab wann? Ab acht Jahren, ab zehn? Oder doch vielleicht erst ab 14? Reicht nicht erst einmal das ausgemusterte Mobiltelefon von Mama oder muss es gleich ein neues Smartphone mit allem Pipapo sein?

Handyverbot bis zwölf?

Vorneweg eine ernüchternde Nachricht: Selbst Pädagogen, Erziehungswissenschaftler, Ärzte und Psychologen sind sich uneins darüber, ab wann Kinder in der Lage sind, verantwortungsbewusst mit dem mobilen Netz und der App-Armada umzugehen. So warnt zum Beispiel die Initiative des Familienministeriums "Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht" davor, einem Kind unter neun Jahren ein eigenes Smartphone in die Hand zu drücken. Unter Neunjährige seien in der Regel noch nicht reif genug, zu überblicken, was ein Smartphone kann.
Die Ergotherapeutin und Biologin Cris Rowan geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert ein Verbot von Smartphones für unter Zwölfjährige. Ansonsten drohten Entwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Fettleibigkeit, Handysucht und vieles mehr.

Handys und Smartphones gehören längst zum Alltag der Jugendlichen

Doch die Realität zeigt: Internet taugliche Handys gehören längst zum Alltag von Jugendlichen und stehen auch schon auf den Wunschzetteln von Grundschülern. Dass immer mehr Eltern dem Bitteln, Betteln und Drängen ihrer Kinder nachgeben, hat auch gute Gründe: Manch eine Mutter und manch ein Vater fühlt sich sicherer, wenn das Kind auf dem Schulweg oder Spielplatz ein Handy dabei hat. Spezielle Notfallhandys verfügen natürlich über eine Ortungsfunktion, mit der der Aufenthaltsort des Kindes schnell bestimmt werden kann. Und schließlich soll das Kind ja auch die viel beschriebene "Medienkompetenz" erwerben.

Kein Wunder also, dass 2013 laut KidsVerbraucherAnalyse schon 27 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen ein Handy oder Smartphone hatten. Bei den Zehn- bis 13-Jährigen waren es 69 Prozent. Und bei den 14- bis 15-Jährigen dürfen 62 Prozent ein Smartphone mit Internet-Flatrate ihr Eigen nennen, wie die Jim-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest bekannt gab. Übrigens: 70 Prozent dieser Jugendlichen nutzen demnach auch das Nachrichten-Programm Whats-App.

Ohne Handy ein Außenseiter?

Einem Jugendlichen den Gebrauch von Smartphones zu verbieten, hieße, ihn aus seiner Altersgruppe auszugrenzen. Zumindest würde man ihn der Gefahr aussetzen.

Doch was ist mit den Kleinen? Von Einsteigerhandys für Kinder raten die meisten Telekommunikationsexperten ab. Viel zu schnell würde der Wunsch nach einem "richtigen" Handy kommen. Das Gerät in Hello-Kitty-Optik wäre binnen kürzester Zeit peinlich, das Gespött der anderen programmiert. Erziehungswissenschaftler wie Prof. Peter Struck von der Universität Hamburg haben deshalb Verständnis dafür, wenn das Mobiltelefon sogar nur deshalb angeschafft wird, weil die Freunde eins haben. Letztendlich, so der Konsens von vielen Ratgebern, komme es allein auf das Kind an, auf seine Reife und Verständigkeit, ob und ab wann es mit einem Handy umgehen könne.

Was kann das erste Smartphone?

Um beim eigenen Sprössling nun den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, müssen sich Eltern zuallererst mit der Lebenswelt ihres Kindes beschäftigen. Was kann so ein Smartphone? Wozu nutzt mein Kind es hauptsächlich? Wer etwa von Duckface und Sexting in sozialen Netzwerken noch nie etwas gehört hat, wer Cyber-Mobbing als Problem abtut, das andere, aber niemals das eigene Kind treffen kann, dem wird es schwer fallen, seinem Sprössling zu erklären, warum es mit dem ersten eigenen Handy vielleicht noch warten sollte. Oder warum mit dem Kauf eines Handys Regeln einhergehen. Denn Regeln, da sind sich zumindest alle Experten einig, sind nötig, wenn Kinder unter die Handybesitzer gehen.

Die Initiative "Schau hin!" zum Beispiel rät Eltern, bereits vor der Anschaffung des Handys mit dem Kind zeitliche Absprachen zu treffen. Es sollte geklärt sein, wann und wie lange der Sohnemann oder das Töchterchen das Handy nutzen darf. "Rund eine Stunde pro Tag im Alter zwischen elf und 13 Jahren ist für Kinder völlig ausreichend", so die Initiative. Bei älteren Kindern können Eltern auch ein bestimmtes Zeitkontingent pro Woche vereinbaren, das sich diese dann selbstständig einteilen.

Datenschutz: Eltern sollten mit Kindern über Privatsphäre und sensible Daten reden

Zudem sollten Eltern ihre Kinder in Sachen Datenschutz sensibilisieren, so die Initiative. Sie sollten rechtzeitig darauf hinweisen, dass persönliche Daten schnell in falsche Hände gelangen können. Und man die eigene Handynummer oder Adresse nicht Unbekannten im Chat oder in sozialen Netzwerken anvertraut. Eltern sollten ihre Kinder altersgerecht über mögliche Gefahren und Risiken informieren, zum Beispiel über die Verletzung des Persönlichkeitsrechts und Cybermobbing.
Laut Jim-Studie haben 58 Prozent der befragten Jugendlichen angegeben, mindestens einmal mitbekommen zu haben, dass brutale Videos oder Pornofilme verschickt wurden. 20 Prozent bestätigten, dass Freunde eines erhalten hatten und acht Prozent hatten sogar schon einmal selbst solche Videos erhalten.

Sind Handy-Sperren sinnvoll?

Um Kinder zu schützen, ist es möglich, gewisse Sicherheitseinstellungen am Gerät zu aktivieren und eine Jugendschutz-App zu installieren. Laut "Schau hin!" seien vor allem für jüngere Handynutzer die App "Meine-Startseite" geeignet, die Whitelist der Kindersuchmaschine "fragFINN", die geprüften Links der Kindersuchmaschine "Blinde Kuh" sowie die "Vodafone Child Protect App".
Zudem sollten Eltern sich überlegen, ob sie je nach Alter des Kindes auch Funktionen wie Kamera, Bluetooth oder einzelne Apps separat ausschalten. Außerdem besteht die Möglichkeit, Zeitkorridore für die Nutzung bestimmter Anwendungen festzulegen.

Wie teuer soll das erste Handy-Tarif sein?


Wäre da noch der Punkt Kosten: Um nicht sein blaues Wunder zu erleben, sollten sich Eltern und Kinder gemeinsam überlegen, ob ein Handy mit Vertrag oder eines mit Prepaid-Karte günstiger ist. Sie sollten Tarife vergleichen und sich über teure Fallen, in die Jugendliche tappen, informieren.

Vorsicht ist bei spezielle Kindertarifen geboten. Sie sind teils recht teuer. Und oft nur zu haben, wenn die Eltern bereits einen Vertrag beim jeweiligen Handyanbieter haben. Teure Sonderrufnummern und Klingelton-Abos sind dagegen in den meisten Kindertarifen gesperrt. Ansonsten können solche Dienste oft nur Kunden mit Vertragsbindung sperren lassen, bei Prepaid-Angeboten geht das häufig nicht, so der Branchendienst teltarif.de.
Hat das Kind schließlich das Handy in der Tasche, gibt es noch eine letzte, goldene Regel für Eltern: Nicht nachspionieren! Nur in dringenden Verdachtsfällen sei es sinnvoll, Bilder und Videos auf dem Handy des Sohnes oder der Tochter zu überprüfen, so Netz-Initiativen. Denn das Allerwichtigste, um bösen Überraschungen Vorschub zu leisten, ist, dass Kinder ihren Eltern vertrauen - und umgekehrt. Ein Schritt dahin könnte sein, dass sich Eltern von ihren Kindern zum Beispiel die Spiele und Anwendungen auf dem Handy erklären lassen. So banal es auch klingen mag: Alle Sperren der Welt ersetzen nicht, mit seinen Kindern zu reden.

Weitere Infos

http://www.jugendamt.nuernberg.de/downloads/jugendschutz_handy.pdf
http://www.schau-hin.info/medien/mobile-geraete/wissenswertes/tipps-fuer-den-richtigen-umgang-mit-smartphone-und-tablet.html
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/handy-ohne-risiko-broschuere,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

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