Bamberg

Zwei Meter sollen die Wogen glätten

Die sechs Meter hohen Riesenmauern entlang der ICE-Neubautrasse können auf Vier-Meter-Format schrumpfen. Manchen ist das immer noch zu hoch.
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Die Grafik verdeutlicht die möglichen Ausmaße der Lärmschutzwände.  Grafik: M. Karg
Die Grafik verdeutlicht die möglichen Ausmaße der Lärmschutzwände. Grafik: M. Karg
Für lärmgeplagte Anwohner ist es ein schwacher Trost: Erst sollten über 300 Güterzuge durch Bamberg brausen, nach neuen Prognosen sind es noch 250. Die Zahl hat Auswirkungen auf den Lärmschutz: Die Mauern können niedriger werden.

Margit Goetz kann verstehen, dass die Wellen hochschlagen in Bamberg - wegen der vielen Opfer für die ICE-Neubautrasse und eines beispiellosen Mauerbaus mitten durch Bamberg, der möglicherweise sogar den Welterbestatus gefährdet. Doch als Anwohnerin an der Oberen Schildstraße kennt sie auch die andere Seite: Sie weiß, was es heißt, 13 Meter von den Gleisen entfernt zu schlafen. "Wenn die Fenster offen sind und die Güterzüge mit Höchstgeschwindigkeit vorbeidonnern, dann hält man es nicht mehr aus. Die Züge werden immer mehr und immer länger. Es muss unbedingt ein Lärmschutz kommen, so kann es nicht weitergehen."

Bei 110 Güterzügen, die täglich mit veralteter Bremsen- und Gleistechnik durch Bamberg rumpeln, ist es kein Wunder, wenn auch am Distelweg im Stadtteil Gereuth die Nerven blank liegen. "Wir brauchen die Neubaustrecke, weil wir sonst überhaupt keinen Lärmschutz bekommen", sagt Hans Beck. Deswegen war er wie Margit Goetz auch in der Informationsveranstaltung am Dienstag im Hegelsaal dabei. Sein Eindruck: "Es gibt viele Bamberger, die auf den Lärmschutz keineswegs verzichten wollen.

Eine vertrackte Situation: Bamberg braucht den Lärmschutz, aber die sechs Meter hohen Mauern, die die Bahn selbst in ihrer Vorentwurfsplanung vorgesehen hat, haben eine Welle des Protests ausgelöst. Sie hat über Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Staatssekretärin Melanie Huml (CSU) mittlerweile sogar Verkehrsminister Peter Ramsauer erreicht.

Für die Bürgerinitative Bahnsinn Bamberg ist es nicht einmal ein Widerspruch. Die Gruppierung, deren Freundeskreis zwischenzeitlich auf 300 Personen angewachsen ist, fordert das Bestmögliche für Bamberg. Dazu gehört auch, dass sich die Bahn die nötige Zeit nimmt und die seit Kurzem vorliegenden innovativen Lärmschutzmaßnahmen auch tatsächlich nutzt. Das ist nicht selbstverständlich: Wenn die neuen Möglichkeiten binnen eines Jahres keine Genehmigung haben, "kommen sie für Bamberg zu spät", fürchtet Bahnsinn-Sprecher Robert Bartsch. Hintergrund: Mit den zusätzlichen Lärmschutzvorrichtungen an Zug und Schiene könnte die Höhe der Mauern von sechs auf drei Meter sinken.

Ist der Zeitplan der Bahn wirklich so zwingend, dass der Sonderstatus Welterbe Bamberg nicht einmal einen einjährigen Aufschub möglich macht? Glaubt man Reiner Gubitz, dem für den Streckenabschnitt Bamberg zuständigen Bauingenieur der DB Projektbau GmbH, dann haben es die Planer tatsächlich nicht in der Hand, über eine Verzögerung zu entscheiden. Aus seiner Sicht muss die Planfeststellung im dritten Quartal 2013 beginnen, damit nach der Fertigstellung der Neubaustrecke nördlich von Ebensfeld 2017 der ICE auch in Bamberg halten kann. Gubitz weist darauf hin, dass der Lärmschutz ausschließlich nach gesetzlichen Vorschriften erfolgt; deshalb sieht er nicht die Bahn, sondern die Politik in der Verantwortung, für eine schnelle Genehmigung der neuen Technologie zu sorgen.

Die hat den Ball offenbar bereits aufgenommen. Wie Bambergs Bundestagsabgeordneter Thomas Silberhorn (CSU) am Donnerstag gegenüber unserer Zeitung erklärte, setzt er sich dafür ein, dass die schienengebundenen Maßnahmen, also geschliffene Schienen, niedrige Mauern am Gleis und so genannte Schienenstegdämpfer so schnell geprüft und genehmigt werden, dass sie noch rechtzeitig in die Planfeststellung in der Stadt Bamberg einfließen können. Silberhorn, der in dieser Position auch von seinem Abgeordnetenkollegen Sebastian Körber (FDP) unterstützt wird, sieht sich darin im Schulterschluss mit dem Bahn-Chef Rüdiger Grube. Der habe in einem Gespräch erklärt, er wolle diese Technologien bundesweit vorantreiben.

Silberhorn bewertete das Ergebnis der Informationsveranstaltung als großen Fortschritt auf dem Weg zu einer stadtverträglichen Trassenplanung. "Das ist doch die zentrale Botschaft, dass die Bahn keine fünf und sechs Meter hohen Lärmwände mehr plant, sondern von Lärmschutz ausgeht, der nur noch drei bis vier Meter beträgt", sagte Silberhorn. In der Bringschuld sieht der Bamberger Abgeordnete die Bahn allerdings bei den Informationen über alternative Trassenführungen. Hier müssten jetzt die Fakten auf den Tisch gelegt werden, damit der Stadtrat entscheiden kann, ob er eine Tunnellösung anstrebt oder eine Umfahrung. Seine persönliche Einschätzung ist jedoch, dass der Bau neuer Gleise im Osten die ungünstigste Lösung für Bamberg ist: "Dann muss ein 40 Meter breiter Streifen im Hauptsmoorwald gerodet werden, der ICE fährt nicht mehr durch Bamberg, und die Güterzüge nach Schweinfurt bleiben in der Stadt, die dann keinen Lärmschutz erhält."

Noch unklar ist, wie die Bahn auf die Forderung der Bürgerinitiative Bahnsinn reagiert, einen Projektbeirat zu akzeptieren, der mit Politikern, Bürgern und Vertretern der Kommunen besetzt sein soll. "Wir prüfen das, sind aber der Meinung, dass wir heute schon viel tun, um die Wünsche aus der Bevölkerung zu berücksichtigen", sagte Frank Kniestadt von der Bahn.

Doch werden sich die Mitstreiter bei Bahnsinn Bamberg damit zufriedengeben? Wohl kaum. Mit dem Instrument eines Projektbeirats sei es im Oberrheintal gelungen, ein konfliktträchtiges Neubauprojekt weitgehend im Konsens durchzuführen, begründet Robert Bartsch die Idee. Er ist überzeugt: "Mitbestimmung schadet nicht. Wenn die Bürger vorher im Boot drin sind, muss man hinterher nicht streiten."

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