Bamberg
Nacht in Franken

Wunder in der Nacht: Mit der Hebamme im Kreißsaal

Jutta Banik arbeitet gerne nachts. In diesen Schichten erlebt die Hebamme Nächte, die geprägt sind vom Mittagstief nach Mitternacht, Käseschmiere um 4.18 Uhr und Waschfrauenhänden in Miniaturform.
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Milena ist auf diesem Foto nur wenige Minuten alt. Hebamme Stella wird sie erst einmal untersuchen.Foto: Sarah Dann
Milena ist auf diesem Foto nur wenige Minuten alt. Hebamme Stella wird sie erst einmal untersuchen.Foto: Sarah Dann
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Es gibt nur wenige Nächte, in denen im Bamberger Klinikum kein Kind auf die Welt kommt. "Heute sieht es ganz danach aus", sagt Jutta Banik in den letzten Stunden eines Sommertages, die gleichzeitig die ersten Stunden ihrer Nachtschicht sind, die ich im Rahmen des Volo-Projektes begleiten darf. Von 22 Uhr bis halb elf ist Schichtwechsel. Die in der Nacht diensthabenden Hebammen informieren sich beim Spätdienst, welche Schwangeren bereits da sind oder womöglich in der Nacht eintreffen könnten...



Schon wird um 22.32 Uhr eine Wehengeplagte ins Klinikum gebracht. Die Frau hat Schmerzen - wie wohl jede Gebärende. Doch das schon ziemlich lange und ziemlich heftig, nachdem bereits früh morgens die Fruchtblase gesprungen ist. "Ich kann nicht mehr", sagt die Frau, deren zartes Gesicht von Erschöpfung und Schmerz gezeichnet ist.
Jutta Banik beruhigt sie, bringt sie - und ihre Begleitung - in das "Vorwehenzimmer 1".

Erst einmal geht es ihr darum, dass sich die Schwangere entspannt, ruhig durch schnauft ...  also zumindest zwischen den einzelnen Wehen. Wenn eine kommt, dann muss diese veratmet werden. Zu den "Ohs" der Mutter kommt ein rauschendes Pochen. Der Wehenschreiber, das CTG, läuft. Das Herz des Kindes schlägt. Ein Aufatmen der werdenden Eltern füllt den gedimmten Raum. Bis zur Geburt ist das CTG für die Hebamme ein wichtiges medizinisches Gerät. Auf Bildschirmen, die überall in der Kreißsaal-Station verteilt sind, kann sie die Herztöne des Kindes und der Mutter auch dann im Auge behalten, wenn sie die werdenden Eltern in einem ruhigen Moment alleine lässt.


Noch einmal Kraft sammeln
Wenn Jutta Banik das eine Zimmer verlässt, muss sie sich entweder um eine andere Schwangere kümmern, kann sich mit ihrer Kollegin austauschen - in dieser Nacht ist Stella Theisen an ihrer Seite - oder sie widmet sich der Dokumentation. Eine wichtige und vor allem zeitraubende Anforderung im Berufsalltag einer Hebamme. Mit der Berufserfahrung kommt aber auch die Routine beim Dokumentieren: Jutta Banik ergänzt den Bogen, den jede Frau nach der Aufnahme ausfüllen muss. Von der Versicherung über bisherige Schwangerschaften, ob die Frau raucht oder trinkt, ... mit Hilfe des Bogens und des Mutterpasses erfahren die Hebammen ein bisschen etwas über die Frauen, die sie durch diese Nacht und im besten Fall beim Mamawerden begleiten.

Mit dem Stift in der Hand überfliegt sie den Ausdruck des Wehenschreibers. Hinterlässt eine Anmerkung, wenn die Frau ein Medikament bekommen hat oder sich vor lauter Stress, Schmerz und Unruhe übergeben musste. Im Hinterkopf hat Jutta Banik dabei immer eine Frage: "Wie viel Stress hat das Kind?" Gestresst, erschöpft ist jedenfalls die junge Frau. Sie will eine PDA, eine Peridualanästhesie. Mit dem Umzug vom Vorwehenzimmer in den Kreißsaal kommt auch die Änästhesistin dazu. Sitzend - den Rücken zu einem Buckel geformt - wird der Frau eine dünne Nadel in den Rücken geführt. Durch diese führt die Anästhesistin ein feines Kunststoffschläuchen ein. Über diesen Katheter können sowohl die Hebamme als auch die Frau selbst regeln, wie viel Schmerzlinderung nötig ist. Ungefähr alle 20 Minuten kann die Frau eine neue Dosis bekommen. Keine fünf Minuten später und die bisher so angespannte Schwangere ist "wunschlos glücklich". Das Schmerzmittel wirkt. Sie macht es sich auf dem Kreißbett bequem und versucht endlich wieder ein bisschen zu schlafen.


Im zweiten Kreißsaal
Während sich langsam die Stirnfalten der so zerbrechlich wirkenden Frau lösen, kommt bei Jutta Banik Sorge auf. Liegt das Kind so, wie es soll? Wird es noch mit ausreichend Sauerstoff versorgt? ... Zum CTG kommen weitere Tests. Immer wieder tastet Jutta Banik, wie weit der Muttermund geöffnet ist. Nicht weit genug. So viel ist sicher. "Wir brauchen jetzt Entspannung ... und Wehen." Deshalb soll die Frau noch einmal versuchen zu schlafen.

Obwohl es bei Jutta und ihrer Patientin im Kreißsaal 1 nicht so richtig vorangehen möchte, sollte sie sich täuschen - zum Glück. Ihre Kollegin Stella bereitet gegen halb vier in der Früh alles für eine Geburt vor. "Das kann ich leiden, wenn mich Kollegen überholen", witzelt sie und überlässt mich ihrer jungen Kollegin, die sich seit einem Jahr Hebamme nennen darf. Im Vierfüßlerstand kämpft sich die werdende Mutter im anderen Kreißsaal bereits Wehe für Wehe weiter. "Was für eine starke Frau", denke ich mir. Ihr Mann steht an ihrer Schulter - liebevoll und überfordert zugleich leidet er mit. Je weiter die Geburt voranschreitet, desto höher klingt das Stöhnen, das Atmen der Frau. In den letzten Minuten ist es ein Quieken, ein Pfeifen und dann ... "Schau, das ist das Köpfchen", holt mich Stella an ihre Seite. Kurz zuvor konnte sie mir noch Geburtstechniken im Lehrbuch erklären, jetzt erlebe ich selbst, "was das Kind alles schon kann", während es sich seinen Weg nach draußen bahnt: Köpfchen reindrehen, einziehen, Schulterdrehung ... und huch, plötzlich liegt da ein Wesen, verschmiert, nass, atmet das erste mal ein und schreit: 4.18 Uhr, Milena ist geboren.


Erste Untersuchung im Leben
Vom Arzt über die Hebamme bis zu den Eltern: Das Glück steht allen auf einmal im Gesicht. Während die junge Mama mit ein paar Stichen vom Arzt genäht wird, wird auch Milena das erste Mal untersucht: Stella misst, wiegt, testet Reflexe. In diesem einen Augenblick hat Milena die wahrscheinlich süßesten Waschfrauenhände, die schönste Käseschmiere im Gesicht und die wohlgeformtesten Zehen, die ich je gesehen habe. Milena ist "quietschfidel", freut sich auch Stella. "Ein gesundes Kind ist die größte Belohnung", sagt auch Jutta.

Nachdem ich ihr von meiner ersten Geburt erzähle, muss ich erfahren, dass bei ihrer Patientin ein Kaiserschnitt notwendig ist. Jutta bereitet alles vor, spricht der Mutter, die sich ihre erste Geburt anders vorgestellt hat, gut zu. Dann übergibt sie an ihre Kollegen im Frühdienst. Auch wenn Jutta und ich noch mitbekommen, dass das Kind gesund zur Welt kommt, wird mir eines im Schichtdienst klar: Als Hebamme im Klinikum kann einem mal eben so ein kleines Wunder, aber auch der Feierabend dazwischen kommen.
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