Bamberg
Wirtschaft

Wo steht Bamberg, Herr Trunk?

Heribert Trunk schaut mit kritischem Blick auf die Dinge in seiner Heimatstadt Bamberg. Mit manchem ist der IHK-Präsident nicht einverstanden, wie er im Interview deutlich zum Ausdruck brachte.
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"Man muss alles auf den Prüfstand stellen...: IHK-Präsident Heribert Trunk plädiert für eine neue Qualität der Sachpolitik in Bamberg.   Fotos; Ronald Rinklef
"Man muss alles auf den Prüfstand stellen...: IHK-Präsident Heribert Trunk plädiert für eine neue Qualität der Sachpolitik in Bamberg. Fotos; Ronald Rinklef
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>Bamberg — Herr Trunk, die IHK meldet, dass Sie in den letzten beiden Jahren zwei Mal um die Erde gefahren sind in Ihrer Eigenschaft als Präsident. 80 000 Kilometer zwischen Hof und Bamberg, Forchheim und Kronach. 640 Termine. Muss man als Lobbyist der Wirtschaft gewissermaßen auf der Autobahn leben und sich von Sektempfängen ernähren?
Heribert Trunk: Oberfranken ist groß und wenn eine IHK für Oberfranken etwas bewirken will, dann muss man in den Teilregionen präsent sein. Das habe ich gemacht. Und sehr gern. Das zweite ist natürlich: Die Musik spielt auch außerhalb. Wenn wir aus Brüssel München oder Berlin etwas wollen, dann müssen wir auch hin. Es gab also auch Wochen, in denen ich je drei Mal in München war.



Region Bamberg der Primus

Wenn Sie mal Schulnoten vergeben. Wie steht Bamberg im Vergleich in Oberfrankens da?
Wenn man in Regionen denkt, dann ist der Primus in Oberfranken sicher die Region Bamberg. Wenn man die Region differenziert betrachtet, wenn man sich anschaut, wer eigentlich diese Primus-Region zieht, dann muss man sehr froh sein, dass es in den letzten zehn Jahren den Landkreis Bamberg gab. Und die Stadt Bamberg hat da sicherlich noch Nachholbedarf.

Viele Bamberger sehen das anders. Die Universität boomt, der Tourismus spült jedes Jahr neue Menschen in die Stadt. Sogar die Einwohnerzahl wächst. Was gibt es da zu mäkeln?
Wenn man bis 1983 zurückblickt, also einen ganz großen Bogen schlägt, dann haben wir 87 Prozent mehr Beschäftigte im Landkreis, und wir haben im gleichen Zeitraum in Bamberg nur 18,3 Prozent. Das zeigt, die Region ist stark, aber gezogen wird sie vom Landkreis. Und wenn man andere oberfränkische Städte anschaut, etwa Forchheim, dann sieht man, es gibt Städte, die haben ihren Weg anders gewählt.


Ausruhen auf dem Bestehenden
Was könnte aus Ihrer Sicht besser laufen?
Bamberg hat zu wenig aus der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung der letzten Jahre gemacht. Ich glaube, die Problematik von Bamberg ist, dass man sich in Bamberg auf dem Bestehenden ausruht. Freilich, man kann ja stolz sein, Industrie und Wirtschaftsbesatz sind Spitze. Aber man hätte auch, so wie der Landkreis, mehr Gas geben müssen, um sich nach vorne zu entwickeln.

Und die Brose-Ansiedlung!
Keine Frage, das ist klasse, weil bei Brose vor allem auch in Köpfe investiert wird, in Entwicklung, in IT. Unser Problem ist ja, aus der Historie kommend, dass wir sehr viel in Fertigung investiert haben. Insofern ist die Brose-Ansiedlung natürlich sehr gut, auch wenn ich mich über das Preisetikett für die Stadt nicht äußern kann. Letztlich muss aber die Stadtpolitik erkennen, dass die Wirtschaft nicht nur von den Leuchttürmen, den Großen, getragen wird, sondern auch von den vielen kleinen. Und es ist wichtig, dass eine Wirtschaftspolitik sich mit großer Intensität um die vielen kleinen kümmert. Und das hat im Landkreis, sei es im Landratsamt oder sei es bei den Bürgermeistern, einfach besser funktioniert.


Das Jahrzehnt Oberfrankens
Sie sprechen von Beschäftigungszuwachs im Landkreis. Ein klassischer Stadt-Land-Konflikt ist ja der Einzelhandel. Sieht man die Entwicklung in der Stadt zu rosig?
Unsere letzte Konjunkturumfrage hat in allen Bereichen nach oben gewiesen. Oberfranken ist ja in einer Bewegung, die nur nach oben geht. Deswegen spricht die IHK auch vom Jahrzehnt Oberfrankens. 35 000 neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, und und und. In der Umfrage war aber bei allen Einzelhändlern erkennbar, dass vor allem das Thema Internet und weniger der Standort die Geschäftslage beeinflusst. Deshalb ist das Thema Einzelhandel in ganz Oberfranken ein Riesenthema. Und für die Stadt gilt ganz besonders, dass der Handel in Bamberg besser gepflegt werden muss als in der Vergangenheit. Man kann nicht mal übungshalber Straßen sperren, weil man sich mal selber verwirklichen will, was wir in der letzten Stadtratsperiode hatten. Das sind Signale, die sind einfach fatal.

Wo soll man ansetzen?
Um den Handel in der Stadt zu stärken, müssen wir nicht unbedingt neue Parkhäuser bauen. Es würde schon genügen, wenn die Fremden die vorhandenen finden würden. Meine Erfahrung; Es findet kein Fremder das Parkhaus Georgendamm, es findet kein Fremder das Parkhaus in der Königstraße. Wenn Sie in andere Städte fahren, werden Sie mit Park and Ride erschlagen, an den Haupteinfallstraßen. In Bamberg hat man nicht das Gefühl, dass es wirklich gewollt wird. Wenn ein Privater diese Tiefgaragen betreiben würde, dann stünde den ganzen Tag jemand in der Königstraße und würde winken und sagen, fahr da rein.


Verschuldung logische Konsequenz
Anderes Thema: Eine Stellungnahme der Regierung hat vor kurzem für Aufsehen gesorgt, weil sie zeigte, dass die Bamberger mit 4800 Euro eine deutlich höhere Pro-Kopf-Verschuldung haben als beispielsweise die Hofer.
Mir war das schon lange klar, weil es ja ein offenes Geheimnis ist. Die Stadt verdient kein Geld mit Theatern, Symphonikern, ÖPNV oder Ähnlichem, sondern sie braucht Steuerkraft von Menschen, die ihre Lohnsteuerkarte bei der Stadt Bamberg holen. Die Verschuldung ist eine logische Konsequenz dieser Entwicklung. Immer mehr Sorgen und Verpflichtungen lasten auf der Stadt und immer weniger kommt letztlich dafür rein.

Doch die Stadt argumentiert damit, dass man den Verbindlichkeiten ja das Vermögen entgegensetzen muss, denken wir mal an das Kanalnetz, das Bambados oder auch die Erba-Insel.
Vorbehaltlich einer Abrechnung der Landesgartenschau, die sich ja immer noch im Krankenstand befindet, sind solche Infrastrukturmaßnahmen, um einen Magneten für Besucher zu haben und Wohnraum dort anzusiedeln, sicher nicht falsch. Auch ein Bad ist eine Infrastrukturmaßnahme eines Oberzentrums, ich habe mich damals in anderer Rolle sehr dafür ausgesprochen, dass das richtig ist. Das würde ich heute immer noch sagen. Wenn man dann natürlich den Wahnsinn begeht, dass man es selber bewirtschaften muss, obwohl man es objektiv nicht kann, dann darf man sich über die Millionenverluste eben nicht wundern.


Wem drück ich das Problem auf?
Stadtrat Peter Gack hat einmal gesagt, es gibt rentierliche Investitionen und solche, die nur Folgekosten verursachen.
In der freien Wirtschaft sind wir bemüht, uns zu focussieren, also zu überlegen, was kann ich. Bei den Töchtern der Stadt hat man den Eindruck, dass es da um folgende Fragen geht: Wo gibt es ein Problem und wem drück ich es auf? Und das ist nicht nur in Bamberg so. Aber wenn es natürlich irgendwann dazu führt, dass sie am Wasserhahn drehen und das Licht geht an. Oder am Lichtschalter drehen, und die Musik geht aus...Wenn Sie wie wir in Bamberg überfall Verflechtungen haben. Wenn ich städtischen Töchtern Dinge aufdrücke, für die sie einfach nicht kompetent sind. Warum muss jemand, der für Gas, Wasser Strom zu tun hat, unbedingt Tiefgaragen betreiben?

In der Bevölkerung mehren sich die Stimmen, die sagen, sie wollen nicht über den Umweg von Gas- und Wasserpreisen die Prestigeobjekte der Fraktionen bezahlen.
Ich kann das wohl nachvollziehen. Doch zum Glück sind die Bürger noch so solidarisch, dass sie nicht wechseln. Es gibt ja zwei Damoklesschwerter, die über uns schweben. Dass die Bürger nicht mehr solidarisch sind. Und andererseits haben wir bereits einen großen Wechsler: die US-Armee, die hat ja prozentual einen enormen Anteil am Umsatz der Stadtwerke.



An der Sache orientiert
Bedeutet das, dass die Goldenen Zeiten für die Stadt vorbei sind, weil der reiche Onkel ausfällt?
Letztlich müsste man schonungslos in einem neuen Stadtrat die Kraft haben, einfach mal parteiübergreifend und an der Sache orientiert zu fragen, wer kann eigentlich was richtig. Da geht es um das Bad, aber auch um die Tiefgaragen. Man muss alles aus dem Prüfstand stellen, auch den ÖPNV, der ja in der Fläche keine Wirkung entfaltet. Unser ÖPNV ist ja ein innerstädtischer ÖPNV. Da muss man natürlich politischen Mut haben und auch mal neue Wege gehen, gerade in den Tagesrandzeiten und in der Fläche. So geben wir unserer Stadtbau die Chance, endlich wieder sozialen Wohnungsbau zu betreiben, geben unseren Stadtwerken die Chance, Gas, Wasser und Strom und Daten zu liefern.

Zur aktuellen Politik. Eine kleine Große Koalition hat in Bamberg das Ruder übernommen. Glauben Sie, dass Bamberg mit einer schwachen CSU und einer indifferenten SPD die anstehenden Herausforderungen bewältigen wird?
Das Problem, dass sich das bürgerliche Lager in unterschiedlichste Gruppierungen teilt, haben viele Städte. Wichtig ist, dass man sich nach der Wahl an den Tisch setzt und fraktionsübergreifend fragt, wo wollen wir hin mit dem Tourismus, wo wollen wir hin mit den Stadtwerken. Oder redet man nur in Pöstchen und Klüngelei? Da ist es natürlich auch wichtig, dass am Kopf des Tisches ein OB sitzt, dem nicht nur der runde Tisch, die Mediation und ähnliche Themen wichtig sind, sondern der sagt, ich hab´ da jetzt eine Vorstellung. Ich bin mir sicher, dass es quer durch alle Fraktionen themenbezogene Mehrheiten gibt. Das findet in Bamberg bislang nicht statt - andernorts schon.


Bamberg hat mehr verdient

Die Begeisterung für die neu gewählte Stadtspitze hat sich in Grenzen gehalten. Tut man den Neuen Unrecht mit allzu viel Skepsis?
Das ist ein Gebot der Fairness, dass diejenigen, die demokratisch legitimiert sind, auch eine faire Chance haben. In dem Moment, wo jemand den Hut aufhat, wieder nachzutarocken, das ist der falsche Weg. Wir dürfen erwarten, dass sie das Optimale geben. Das werden sie aber nur können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Ich habe das Gefühl, etwa in Hof sind Bürger, Wirtschaft, Kommunalpolitik viel mehr in einem Boot als in Bamberg. In Bamberg haben wir die Situation, dass jeder über den anderen redet und weiß, wie man es besser macht, aber selten miteinander arbeitet Der Stadtrat muss sich themenbezogen finden. Bamberg hat mehr verdient als das, was jetzt läuft.
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