Bamberg
Selbstversuch

Wie Sex-Jäger im Netz Teenager bedrängen

Als die 15-Jährige "Sugar_Sarah15" getarnt, wagt unser Reporter einen Selbstversuch: Drei Tage lang unterwegs in einem ganz normalen Chat-Programm. Was er dort lesen muss, ist erschütternd und macht ihn sprachlos. Hinweis: Die Texte in diesem Artikel enthalten teils explizite Inhalte. Sie entstammen den Original-Chatprotokollen und sollen gerade Eltern für die Gefahren im Internet sensibilisieren.
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Fotos: Fotolia Collage: Reinmann
Fotos: Fotolia Collage: Reinmann
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Mein Name ist Sarah und ich bin 15 Jahre alt. Nicht im realen Leben, für einen Selbstversuch habe ich mir eine falsche Identität zugelegt. Ich will erfahren wie es ist, als normaler Teenager in einem normalen Internet-Chat unterwegs zu sein. Einige Stunden später weiß ich es. Was ich erlebe, ist erschütternd und ekelhaft.

Ich habe mir einen der unzähligen Anbieter ausgesucht. Kein Schmuddel-Chat, die Betreiber versprechen "großartige Sicherheitskontrollen" und den "coolsten kostenlosen Chat der Welt". Die Registrierung erfolgt problemlos. Nach wenigen Klicks bin ich als "Sugar_Sarah15" Teil des virtuellen Gesprächsraums. Doch sprechen will hier keiner mit mir. Die vielen männlichen und wenigen weiblichen User machen Jagd auf mich.

Innerhalb weniger Sekunden leuchten unzählige Anfragen auf. Vorzugsweise Männer jenseits der 40 wollen mir eine Privatnachricht schicken. Wenn ich zustimme, sind "Hi" und "Hallo, wie geht"s?" die Einstiegsfloskeln. Anschließend geht es sehr schnell zur Sache. So schnell, dass es mich sprachlos macht.


Beate Krafft-Schöning recherchiert seit 15 Jahren zum Thema "Sexuelle Gewalt gegen Kinder im Internet". Meine Erlebnisse können die 50-Jährige nicht schocken. Die Kinder, sagt sie, seien den "Internet-Jägern" hilflos ausgeliefert. "Je jünger das Kind, desto attraktiver ist die Beute." Bei ihrer eigenen Recherche hat sich schon alles erlebt: Familienväter, die neunjährige Mädchen zu Treffen überreden wollen, Pädophile, die Jungs in Spiele-Foren ansprechen, Frauen, die Mädchen zu gleichgeschlechtlichem Sex überreden wollen.

Für Fernsehsender hat Krafft-Schöning Pädophile in Wohnungen gelockt. Sie traf dabei mitnichten auf Menschen am Rande unserer Gesellschaft. "Da kommen gestandene Männer aus ganz normalen Lebensverhältnissen, die teilweise Kindersitze auf der Rückbank hatten." Mit ihrem Verhalten konfrontiert, hätten die meisten abgeblockt. "Nach dem Motto: Ist halt so." Ganz selten seien die Täter weinend zusammengebrochen.

Mein erster Chat-Partner gibt sich als 20-Jähriger aus, später ist er "etwas älter". Zunächst zeigt er sich freundlich, aufgeschlossen, interessiert. Doch bald will er wissen, ob ich schon Brüste habe, ob "es zwischen den Beinen kribbelt" und ob "ich es mir schon selber gemacht habe".

Der nächste ist 67 Jahre alt. Er fragt mich, ob das ein Problem für mich sei. Er erzählt mir, dass er mich mag, will wissen, ob ich "gefrühstückt" und gestreichelt werden mag und ob er mir vertrauen kann. Denn weitererzählen soll ich das, was wir hier reden, bitte nicht.


Beate Krafft-Schöning will weiter ehrenamtlich kämpfen. Kämpfen für die Kinder und Jugendlichen, die ihrer Meinung nach überfordert sind in der digitalen Welt. "Es ist ein Verbrechen, dass wir sie dort alleine lassen." Der Staat müsse endlich handeln, Schulen müssten einen Medien-Präventionsunterricht installieren, Eltern sich weiterbilden. "Kinder und Jugendlichen wollen kommunizieren, auch was sexuelle Themen betrifft. Wir müssen es schaffen, dass sie sich in der realen Welt mitteilen. Denn das Internet bleibt ein Jagdgebiet."

Nach mehreren Tagen Recherche weiß ich, wovon Krafft-Schöning spricht. Viele Stunden chatte ich mich als "Sugar_Sarah15" durch diese beklemmende Welt und treffe auf keinen einzigen Chatter, der "normale" Themen mit mir teilen will. Das Prinzip ist immer das Gleiche: Vertrauen aufbauen, Grenzen ausloten, angreifen. Wie bei meinem nächsten Chatter. Er fragt vergeblich nach meiner Handynummer, bittet dann um meine Mailadresse. Ich soll ihm Fotos schicken - vom ganzen Körper. Ich stelle mich schüchtern und warte ab. Kurze Zeit später schickt er mir Nacktbilder. "Hoffe ich gefalle dir, hihi" lese ich und die Aufforderung: "Zeigst du dich jetzt auch?"

Mein letzter "Gesprächspartner" ist 44 Jahre alt und fragt nach wenigen Minuten, wann er mich besuchen kann. Als ich ihm erzähle, dass meine Eltern bald in Urlaub sind, wird er euphorisch. Er schreibt mir, dass er vorbei kommen will, um "mir die Löcher zu stopfen". Als ich antworte, dass ich mit 15 doch viel zu jung bin, antwortet er: "Was passiert das passiert". Dann will er noch das Alter meiner Mutter erfahren. "Was ist, wenn ich sie nehme und du siehst es?"

Für mich ist dies der Moment, in dem ich aussteige. Aussteigen muss. Ich fühle mich ohnmächtig. Während auf meinem Bildschirm weiter unzählige Anfragen aufleuchten, schreibe ich als "Sugar_Sarah15" meine letzten Zeilen an einige Chatter. "Hallo, ich bin ein erwachsener Mann und ich finde es erschreckend, was du jungen Mädchen schreibst. Was sagst du dazu?" Eine Antwort erhalte ich nie. Die Profile der Männer sind aber innerhalb weniger Minuten gelöscht.

Kurz darauf ist "Sugar_Sarah15" Geschichte. Der Chat-Anbieter sperrt meinen Account. Die Begründung: "Weil Sie eindeutig und bewusst gegen die AGB verstoßen haben". Auf Nachfrage, wie nun gegen die Herren und Damen vorgegangen wird, die mich, als 15-Jährige getarnt, sexuell belästigt haben, erhalte ich keine Antwort. Auch eine offizielle Presseanfrage, die im Anschluss versendet wird, bleibt unbeantwortet.


 



Interview mit Medienpädagogin Kristin Langer

"Man muss eine Vertrauensbasis aufbauen"

Für Kinder und Jugendliche ist es heutzutage selbstverständlich, im Internet unterwegs zu sein. Medienpädagogin Kristin Langer von Elternratgeber "Schau Hin!" gibt Tipps, wie man die Gefahren minimieren kann.

Frau Langer, was können Eltern tun, um ihr Kind auf die Gefahren des Internets vorzubereiten?
Kristin Langer: Wenn Eltern ihr Kind ab dem Grundschulalter begleiten und dadurch ein Wissen aufbauen, dann wirkt das bis ins Teenageralter hinein. Wichtig zu wissen: Welche Risikobereiche gibt es im Netz? Wie sollte ich damit umgehen? So wachsen Kinder nicht ahnungslos heran, sondern entscheiden selbstbewusst: Bestimmte Dinge möchte ich nicht und Risiken vermeide ich.

Man könnte den Kindern das Internet auch ganz verbieten ...
Das ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg. Vielmehr sollte man Dinge immer wieder ansprechen, Angebote prüfen und zusammen einrichten oder nach Alternativen suchen. Kinder sind schon frühzeitig sehr kommunikativ unterwegs und wollen sich austauschen. Auch in Chats besteht dazu die Möglichkeit.

Dabei wollen Eltern ihre Kinder nur ungern mitmachen lassen ...
Man kann Alternativen anbieten. Es gibt Kinderseiten mit einem hohen Maß an Jugend- und Datenschutz, auch mit Chats. Und Eltern können ihrem Kind dem Alter entsprechende Surfräume schaffen, mit Kindersuchmaschinen, moderierten Kinderchaträumen und einem Jugendschutzfilter.

Wenn die Kinder zu Jugendlichen werden, stellen sich Eltern die Frage: Solle ich nachfragen oder sogar kontrollieren, was mein Kind im Netz so treibt?
Es ist schwierig herauszufinden: Wo kann mein Kind selbständig agieren und wo muss ich kontrollieren? Optimal ist, wenn ich zu meinem Kind eine Vertrauensbasis aufbaue. Dann weiß es, dass es auch kommen kann, wenn es sich zum Beispiel unerlaubt in irgendeinem Chat angemeldet hat.

Was raten sie Jugendlichen, die in eine Situation kommen, in der sie im Chat von Erwachsenen sexuell belästigt werden?
Generell bin ich der Meinung, dass es bestimmte, intime Themen gibt, die man mit seinen Freunden und nicht mit einem Fremden bespricht. Passiert es trotzdem, gilt: bei diesen Themen sofort aussteigen, den Chat abbrechen und die Belästiger den Betreibern oder externen Stellen melden.

Wäre es sinnvoll, in allen Schulen, analog zum Sexualunterricht, verpflichtend und regelmäßig Unterricht in Medienkompetenz einzuführen?
Verschiedene Bundesländer bieten das schon an. Ich fände es persönlich gut, wenn das flächendeckend umgesetzt würde.

Die Fragen stellte Christian Pack

 


Kinder im Netz: 55 Prozent der Achtjährigen sind schon online


Das Internet ist nach einer neuen Studie längst im Alltag kleiner Kinder angekommen und wird schon von Dreijährigen genutzt. Gut die Hälfte der Achtjährigen (55 Prozent) ist in Deutschland online, 37 Prozent sogar mehrfach in der Woche oder täglich. Auch bei den Sechsjährigen ist bereits fast ein Drittel (28 Prozent) teils regelmäßig im weltweiten Netz unterwegs und selbst bei den Dreijährigen jedes zehnte Kind (10 Prozent).
Das geht aus dem am Dienstag in Berlin präsentierten Report "Kinder in der digitalen Welt" hervor, den das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) in Zusammenarbeit mit dem Sozialforschungsinstitut Sinus nach Umfragen mit Eltern und Kindern erarbeitet hat. Demnach werden Computer, Laptop und Tablet mit dem Schuleintritt immer wichtiger. Dann lösen sie Spielekonsolen als meistgenutzte Endgeräte ab.
Entscheidend dafür, ob Kinder überhaupt online gehen wollen oder im Netz unterwegs sein dürfen, sei die Nähe der Eltern zur "digitalen Lebenswelt" und ihre Einstellung zum Internet. Dabei übertreffen die Risiken aus Sicht der Eltern die Chancen, ermittelten DIVSI und Sinus. Deshalb verbieten zwei Drittel ihren drei- bis achtjährigen Kindern rigoros, ins Internet zu gehen. Als größte Gefahren gelten nicht kindgerechte Inhalte oder Cyber-Mobbing. dpa
 


Rechtliche Grundlagen im Chat

Strafrechtlich relevant im Sinne des § 176 Absatz 4 StGB (Strafrahmen von drei Monaten bis zu fünf Jahren) ist unter anderem:
- das Versenden einer pornografische Schrift, durch welche auf das Kind eingewirkt wird
- die Veranlassung jeder Art sexueller Handlungen, z. B. Kind entblößt Oberkörper nach Aufforderung durch Täter
- die Belästigung durch obszöne Redensarten mit sexuellem Bezug im Chat

Wer derartige Chatverläufe bei seinem Kind entdeckt, dem rät die Polizei: Sicherung der Chats, E-Mails oder Bilddateien sowie Sicherung der verwendeten Pseudonyme und
E-Mail-Adressen.
 


Tipps und Hilfe zum Thema Internet für Jugendliche:

www.schau-hin.info Hier findet man einen Netzwerkatlas, wo einzelne Chats beurteilt werden und zudem dargestellt wird, was genau dort passiert. Das hilft Eltern als Grundinformation und kann im Dialog mit den Kindern genutzt werden.

www.i-kiz.de Hat ein Sorgentelefon für Eltern und für Kinder eingerichtet. Hier kann man auch die Belästiger melden.

Seitenstark.de Hat einen moderierten Chat installiert. Zu bestimmten Zeiten gibt es Moderatoren, die alle Chat-Bewegungen beurteilen und eventuell einschreiten.

www.yuuuport.de Hier arbeiten junge Medienscouts, mit denen Kinder und Jugendliche Probleme besprechen kann.

www.chatten-ohne-risiko.net Eltern und Pädagogen finden wichtige Informationen zum Thema Chatten. Für Lehrkräfte ebenfalls interessant:
www.klicksafe.de Hier zeigt das Lehrerhandbuch "Let's talk about porno" wie sich die Interessen der Jugendlichen im Hinblick auf Pornografie darstellen.

 
Die Chat-Protokolle der Kommunikation zwischen Sarah und ihren Jägern
 
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