Bamberg
Erinnerung

Wider den Zeitgeist

In einer Feier auf der Unteren Brücke gedachten Bamberger Bürger des Kriegsendes vor 71 Jahren. Besonders eindringlich mahnten junge Schülerinnen.
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OB Andreas Starke und andere Redner beschworen Frieden, Freiheit, Demokratie, Toleranz und Menschenwürde, die jeden Tag mit Leben erfüllt werden müssen. Foto: Marion Krüger-Hundrup
OB Andreas Starke und andere Redner beschworen Frieden, Freiheit, Demokratie, Toleranz und Menschenwürde, die jeden Tag mit Leben erfüllt werden müssen. Foto: Marion Krüger-Hundrup
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"Das war Geschichtsfälschung", zischte ein stadtbekannter Antifaschist der 16-jährigen Magdalena Banik entgegen. Dabei hatte die Maria-Ward-Schülerin nichts anderes getan, als sich vor der Versammlung auf der Unteren Brücke mutig ans Mikrofon zu begeben und an die drei Bamberger Willy Aron, Hans Wölfel und Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu erinnern. An Männer also, die in der Zeit des Nationalsozialismus Zivilcourage zeigten, Widerstand leisteten und diesen mit dem Leben bezahlten.

Diese Tatsachen sind für den besagten Antifaschisten keine. Auch solche Leugner gibt es noch heutzutage. Doch diese hatten die Redner der Gedenkfeier anlässlich des Kriegsendes vor genau 71 Jahren nicht im Blick.
Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Klaus Stieringer, SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, wandten sich besonders gegen "rechtsradikale Gruppierungen auch hier vor unserer Haustür", die die Probleme der Zeit - etwa die Flüchtlingskrise - ausnützen als Nährboden, braunes Gedankengut ein weiteres Mal hoffähig zu machen. "Gewöhnen wir uns nicht schon wieder an einen Zeitgeist, der uns vor wenigen Jahrzehnten in die größte Katastrophe der Menschheit geführt hat?", warf Stieringer eine besorgte Frage in die Runde.

OB Starke zog die Schreckensbilanz aus Terror, Gewalt und Krieg. Er erinnerte an die Millionen Opfer des Dritten Reiches, auch an die 378 Bamberger Bürger, die ihr Leben verloren: "Diese Erinnerungskultur hilft, die Demokratie zu stärken, die keine Selbstverständlichkeit ist und unsere aktive Unterstützung braucht", betonte Starke. Diese Besinnung müsse den notwendigen Zusammenhalt bewusst machen, um allen radikalen politischen Tendenzen zu widerstehen. Der OB wörtlich: "Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn andere Menschen diskriminiert, beleidigt oder in ihrer Menschenwürde verletzt werden. Nach Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist die Menschenwürde unantastbar. Dort steht nicht, dass dies nur für die deutsche Menschenwürde gilt."


Befreiung und Trauer

Der Stadtheimatpfleger und Historiker Andreas Dornheim zog in seinem Redebeitrag Tagebuchaufzeichnungen von internationalen Persönlichkeiten heran, die die Tage um den 8. Mai 1945 ganz unterschiedlich wahrgenommen hatten. Für manche waren es Tage der Befreiung, für andere mischten sich Trauer und Nachdenklichkeit in die Freude: "Wie viele Leben hätten gerettet werden können, wenn die Alliierten früher gekommen wären? Wie wäre der zweite Weltkrieg verlaufen, wenn eines der 42 Attentate auf Hitler gelungen wäre?", brachte Dornheim jene Überlegungen auf den Punkt.

Die gesamte Gedenkstunde, an der auch einige Stadträte sowie Vertreter der Religionsgemeinschaften und Kirchen teilnahmen, wollte OB Starke als ein "deutliches Zeichen gegen Krieg, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Gewalt" verstanden wissen. Seine eindringlichen Worte blieben bei denen haften, die zuhören wollten und sich gegen den Geräuschpegel der lediglich vorbeiziehenden Passanten stemmten.

Aufmerksamkeit erzielte jedenfalls das Trompeten-Quartett der Städtischen Musikschule unter der Leitung von Sebastian Strempel. Ebenso hellhörig wurde die Schar auf der Unteren Brücke, als Antonia Beyer (15) und Melisa Yomaz (16) vom Franz-Ludwig-Gymnasium ihrem Geschichtslehrer Jens-Peter Kurzella in einer Sprechszene offen Kontra gaben. Der Lehrer führte den 8. Mai 1945 als Ende der Kriegskatastrophe an. Die Schülerinnen hielten ihm den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki entgegen, die zahllosen Opfer aus den KZs, die noch Monate später an den Folgen starben. Die Mädchen sprachen aber auch von dem "Beginn einer Entwicklung für ein geeintes, demokratisches Europa, für Gleichberechtigung und Toleranz".
OB und der Fraktionsvorsitzender legten Kränze nieder.

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