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Bamberg
Forschungsprojekt

Wenn Männer Kinder lieben

Die Psychiatrische Institutsambulanz des Klinikums am Michelsberg bietet Pädophilen eine umfassende therapeutische Hilfe.
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Pädophilie sieht man niemandem an: Ein Kind wird von einem Mann auf einem Spielplatz angesprochen. Foto: imago/Manja Elsässer
Pädophilie sieht man niemandem an: Ein Kind wird von einem Mann auf einem Spielplatz angesprochen. Foto: imago/Manja Elsässer
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Blauer Himmel, herrlicher Sonnenschein, ein warmes Lüftchen - doch Bernhard Will (Name von der Redaktion geändert) traut sich kaum vor die Haustür. In jenem Sommer lässt der Rechtsanwalt lieber eine Klimaanlage daheim installieren, anstatt im Schwimmbad oder im benachbarten Park nach Abkühlung zu suchen. Zu viele leicht bekleidete Kinder würden dem 34-Jährigen begegnen.

Aus leidvoller Erfahrung weiß Bernhard Will, welche sexuellen Fantasien Buben in kurzen Hosen oder Mädchen in Tops in ihm auslösen. Er hat panische Angst davor, die Kontrolle zu verlieren und sich an einem Kind zu vergehen. Der Mann ist pädophil. Er hat eine Störung der Sexualpräferenz, wie es im Fachjargon heißt. Eine Störung, die bei entsprechender Therapie in den Griff bekommen werden kann.

Bernhard Will hört von dem neuen Angebot des Bamberger Klinikums am Michelsberg. Ruft in der Psychiatrischen Institutsambulanz an, bekommt einen Termin für ein persönliches Erstgespräch. Will bleibt anonym, als Patient wird er unter einem Code geführt. Auch während des nun voraussichtlich zwei Jahre dauernden Therapieverlaufs muss er von seiner Identität nichts preisgeben, was er nicht möchte. Für die Therapeuten gilt zudem vollständige Schweigepflicht.

"Kein Täter werden - Präventionsprojekt Dunkelfeld" heißt das Michelsberger Angebot für Pädophile unter der Leitung von Chefarzt Professor Göran Hajak. In der unmittelbaren Praxis sind Diplom-Psychologe Ralf Berger-Köther und Fachärztin für Psychiatrie Christiane Bauer eingesetzt. Die beiden Therapeuten haben sich intensiv mit diesem Präventionsprojekt beschäftigt, das bundesweit seit 2005 an nunmehr zwölf Orten angesiedelt ist. In Bayern sind dies die Sexualwissenschaftliche Ambulanz der Universität Regensburg und als deren Außenstelle jetzt auch Bamberg. Finanziell getragen wird das Projekt von der Bayerischen Landesregierung mit Unterstützung der Sozialstiftung Bamberg. Für die betroffenen Männer - oder wesentlich seltener Frauen - ist die Behandlung kostenlos.


Die meisten Täter im Dunkelfeld

"Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern oder Jugendlichen begehen nicht zwangsläufig Übergriffe oder nutzen sogenannte Kinderpornografie", stellen Ralf Berger-Köther und Christiane Bauer klar. Daher müssten die Begriffe Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch "deutlich unterschieden werden". Die beiden Experten räumen ein, dass der Anteil pädophil orientierter Täter am sexuellen Missbrauch von Kindern schwer abzuschätzen sei, weil die meisten Täter im Dunkelfeld bleiben würden. Doch verschiedenen Studien zufolge liege die Quote pädophiler Männer unter denjenigen, die wegen eines sexuellen Missbrauchsdelikts an einem Kind verurteilt worden seien, bei über 40 Prozent.

Aus den bisherigen Erfahrungen, die aus dem Präventionsnetzwerk gezogen werden können, zeichnet sich ein Erfolg ab: "Aus Regensburg zum Beispiel wissen wir, dass niemand, der an der Therapie teilgenommen hat, zum Täter wurde", so Berger-Köther. Das realistische Therapieziel sei also dann erreicht, wenn Betroffene durch Unterstützung lernen, ihre nicht heilbare Störung zu akzeptieren und sich bezüglich ihrer sexuellen Wünsche verantwortungsbewusst zu verhalten. Das sei dann der Fall, wenn es nicht zu sexuellen Übergriffen auf Kinder kommt und keine Missbrauchsabbildungen (Kinderpornografie) im Netz konsumiert werden. Oder wenn gefährliche Situationen anhand erlernter Verhaltensstrategien identifiziert und bewältigt werden können. Psychologe Berger-Köther bringt ein einfaches Beispiel: "Wer etwa immer mit im Schulbus gefahren ist, weil viele Kinder darin sind, nimmt nun einen anderen Bus."

Das Präventionsangebot richtet sich an Personen, die noch nicht straffällig geworden sind, und an das sogenannte Dunkelfeld: mithin Personen, die entweder noch nie Straftaten in diesem Kontext begangen haben, die noch nicht strafrechtlich auffällig geworden sind oder entsprechende Strafen verbüßt haben und keine juristischen Auflagen erfüllen müssen. "Wenn Ausschlussgründe für die Aufnahme in das Präventionsprojekt vorliegen sollten, bemühen wir uns um eine adäquate Alternative", erklärt Fachärztin Bauer. Das bedeute, dass niemand, der um Hilfe nachsucht, einfach weggeschickt werde.

Diagnostische Erhebungen, strukturierte Interviews und sexualpsychologische Fragebögen, ein Intelligenztest oder die Erkundung etwaiger vorliegender Risikofaktoren für sexuelle Übergriffe stehen am Anfang der Therapie. In der Regel geht es mit einer Gruppentherapeutischen Behandlung weiter, Einzeltherapie als Ergänzung ist möglich. Ärztin Christiane Bauer weist auch auf Medikamente hin, die einen starken sexuellen Trieb eindämmen und die zum Einsatz kommen können.


Hoher Leidensdruck

Die Bamberger Therapeuten stehen für Betroffene aus ganz Franken bis Thüringen zur Verfügung. Eine Voraussetzung für eine Teilnahme am Präventionsprojekt sei, dass die zumeist Männer bezüglich ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Impulse über ein Problembewusstsein verfügen. Und dass diese Männer freiwillig und von sich aus therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, um keine sexuellen Übergriffe auf Kinder (mehr) zu begehen. "Der Leidensdruck unserer Patienten ist hoch, sie sind schockiert von sich selbst", sagt Christiane Bauer. Pädophilie sei keine Krankheit, könne aber krank machen, wie depressiv oder süchtig. Und: "Pädophilie sieht man niemandem an" und sei in allen gesellschaftlichen Schichten anzutreffen.





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