Bamberg
Muttertag

Wenn Deutschland über Familien spricht, sind sie selten gemeint

Immer mehr Frauen erziehen Kinder ohne Unterstützung durch einen Partner. Wer das tut, stößt oft auf Vorurteile. Und fühlt sich als Mutter zweiter Klasse.
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Foto: Christian Charisius/dpa
Foto: Christian Charisius/dpa
In der kaum mehr überschaubaren Flut der Gedenktage und Widmungen ist dieser eine doch ein besonderer geblieben. Auch deshalb, weil er sich ebenso wie sein Objekt mehr als jeder andere "Feiertag" völlig verändert hat und immer noch wandelt: der Muttertag. DEN Tag für die Mutter kann es eigentlich gar nicht geben, weil es DIE Mutter schon lange nicht mehr gibt.

Ganz abgesehen von der Kommerzialisierung, die die Woche vor dem Muttertag im Einzelhandel zu einer der umsatzstärksten des Jahres macht, und der "Alibifunktion", die viele Frauenverbände dem zweiten Sonntag im Mai zuweisen: Das Familienbild, das gemeinhin (nicht nur zum Muttertag hin) gezeichnet wird, entspricht in weiten Teilen schon lange nicht mehr der Wirklichkeit. Den Kaffee früh ans Bett bringen, ein Blumenstrauß auf dem Tisch, der gemeinsame Ausflug mit gemütlicher Einkehr?

Die Realität in einem großen Teil der Familien sieht ganz anders aus.
"Ich brauche keinen Kaffee am Bett, ich brauche Steuerklasse drei." Der Satz, den Ricarda Jürgens aus Bamberg für diese Zeitung zum Muttertag formuliert, klingt alles andere als blumig. Aber er kommt dem Alltag in rund 20 Prozent der fränkischen Familien sicher näher als das Schokoladenherz in rot lackierter Alufolie.

Ricarda Jürgens gehört zur großen und vor allem in den alten Bundesländern noch immer wachsenden Gruppe der Alleinerziehenden oder, wie es etwas neutraler auch heißt, der Einelternfamilien.
"Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Einelternfamilie. Ihr Anteil hat sich seit den 70er Jahren mehr als verdoppelt", sagt Antje Asmus vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Und die Tendenz sei weiter steigend, wegen des Geburtenrückgangs sowohl bei den Prozentanteilen als auch bei den absoluten Zahlen, vor allem im Westen.

Soziologen bezeichnen angesichts dieser Zahlen das Vorurteil für völlig überholt, dass die Situation "alleinerziehend" Folge einer Notlage ist. "Es ist einer von vielen möglichen Lebensentwürfen, und oft steht dahinter eine ganz bewusste Entscheidung", sagt Antje Asmus.

Allerdings: Die Einelternfamilien sind weiblich; zu 90 Prozent übernehmen Mütter die Mammutaufgabe, Kinder alleine groß zu ziehen, heißt es etwa beim Arbeitskreis Allein Erziehen in Bamberg; diese Zahlen aus Franken entsprechen dem bundesweiten Trend.


Eine "seismographische Gruppe"

Nachdenklich stimmen vor allem diese Fakten: Alleinerziehende haben ein weitaus größeres Risiko, in die Armut abzurutschen, als Mutter-Vater-Familien. Claudia Possi, Referentin für Alleinerziehende im Bistum Augsburg, sieht erst den Anfang einer dramatischen Entwicklung: "Früher war es für die meisten Betroffenen möglich, durch Sparsamkeit und Fleiß ihre Existenz zu sichern. Heute kommt es oft zu regelrechten Abstürzen in die Armut."

Viele Alleinerziehende haben keine Alterssicherung, weil jeder Cent in den Lebensunterhalt fließt. Und die "Vollbeschäftigung" in Deutschland bezahlt unter anderem auch diese Personengruppe mit schlecht bezahlten Jobs, die trotz Vollzeit nicht genug Geld bringen, um die Familie über Wasser zu halten.

"Alleinerziehende sind eine seismographische Personengruppe. An ihnen kann man ablesen, was anderen Menschen an sozialem Abstieg in einigen Jahren bevorstehen kann", sagt Claudia Possi - nicht nur mit Blick auf die Rente.

Das sind Gedanken, die auch Ricarda Jürgens umtreiben. Die 40-Jährige fühlt sich mit ihrem elf Jahre alten Sohn Lian alleingelassen, nicht nur, weil der Vater weg ist und keinen Unterhalt zahlt. "In Deutschland wird viel, sehr viel über Kinder und Familien geredet", sagt sie. Geredet. Aber wirklich etwas getan wird nicht. Das fängt für sie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bei den Betreuungsangeboten an und hört bei der finanziellen Gleichstellung nicht auf.

Tatsächlich musste der Fiskus 2015 einen monströsen Begriff erfinden, um die steuerliche Ungerechtigkeit zumindest zu lindern: den Alleinerziehendenentlastungsbetrag. Ein Alibi, ähnlich wie der Muttertag, sagt Ricarda Jürgens. Und das ist kein Jammern um des Jammerns willen. Ähnlich wie Alleinerziehende hat ein anderes Familienmodell in Deutschland ein weit überdurchschnittliches Armutsrisiko: die Kinderreichen. Kaum zu verstehen in einem Land, das den Kindermangel beklagt und die Mütter feiert.

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