Bamberg
Verhandlung

Verteidigung kritisiert Ermittlungen im Chefarzt-Prozess

Die Verteidigung von Heinz W. bezweifelt, dass der Angeklagte der Hauptzeugin das Betäubungsmittel Midazolam gespritzt hat. Die angebliche Tatzeit und die später gemessenen Blutwerte würden nicht zusammenpassen.
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Der Angeklagte Heinz W. (Mitte) berät sich mit seinen Anwälten Dieter Widmann (links) und Klaus Bernsmann im Gerichtssaal. Foto: Anna Lienhardt
Der Angeklagte Heinz W. (Mitte) berät sich mit seinen Anwälten Dieter Widmann (links) und Klaus Bernsmann im Gerichtssaal. Foto: Anna Lienhardt
Der Aufritt der Verteidigung sorge für Reaktionen. Für gespanntes Lauschen der Zuhörer, als Rechtsanwalt Klaus Bernsmann mit Nachdruck forderte: "Die ermittelten Blutwerte sind mit der Verabreichung von Midazolam nicht kompatibel. Für einen dringenden Tatverdacht bleibt damit kein Raum. Der Haftbefehl ist aufzuheben."
Heinz W.s zweiter Verteidiger, Dieter Widmann, sprach nach der Zeugenaussage eines Polizisten vor Gericht davon, dass sich das Ermittlungsverfahren "vom ersten Blatt an wie ein Drehbuch" lese, aber nicht wie ein objektives Ermittlungsverfahren.

Und schließlich wollte wieder Bernsmann von eben diesem Zeugen wissen: "Wann haben Sie das letzte Mal geweint?" Eine Frage, die nicht nur bei den Zuhörern im Sitzungssaal, sondern auch bei den Mitgliedern der Zweiten Strafkammer des Bamberger Landgerichts für Verwunderung sorgte.

Worauf Bernsmann mit dieser Frage hinauswollte, führte der Anwalt auf die sofortige Nachfrage von Richter Manfred Schmidt denn auch aus. Die Verteidiger des ehemaligen Chefarztes Heinz W. stellten die Glaubwürdigkeit des Zeugen und dessen Fähigkeiten als Ermittlungsbeamter in Frage. Dass er etwa die möglichen Opfer von W. als "stabil" bezeichnet habe, obwohl einige von ihnen in der Vernehmung geweint hatten, nachdem ihnen Fotos aus ihrem Intimbereich vorgelegt wurden. Der Beamte hatte den Großteil der zwölf Frauen vernommen, die der Angeklagte betäubt und ohne deren Einwilligung sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben soll.

Teilweise machte Heinz W. Fotos oder Videoaufnahmen aus dem Schambereich der Frauen, die alle unter 30 waren. Vom ersten Prozesstag an betonte der Angeklagte, aus rein medizinischen Gründen gehandelt zu haben. Doch gerade das habe der Polizist, der am Montag als Zeuge geladen war, bei der Vernehmung der Zeuginnen schon ausgeschlossen, meinen die Verteidiger. Mehr noch: "Sie haben das Trauma der Frauen planmäßig erzeugt", warf ihm Klaus Bernsmann vor.

Der Beamte jedoch verteidigte sich: "Ich habe die Frauen immer gefragt, ob das soweit in Ordnung wäre, ob es für sie geht. Manche wollten die Bilder auch gar nicht sehen." Hätte eine der Frauen den Wunsch nach einer weiblichen Vernehmungs-Beamtin geäußert, wäre man dem selbstverständlich nachgekommen.

Zweifel an der Blutanalyse

Es ist nicht die einzige Kritik, die die Verteidigung von Heinz W. an diesem 14. Prozesstag äußert. Sie zweifelt vor allem die Blutanalyse der Hauptzeugin an, die das ganze Verfahren überhaupt ins Rollen gebracht hat. Sie ist die einzige, bei der ein Betäubungsmittel im Blut nachgewiesen ist. Ihr Vater, selbst Arzt, hatte ihr gegen Mitternacht eine Blutprobe entnommen, nachdem sie sich nach einer Untersuchung durch Doktor W. benommen gefühlt und über Erinnerungslücken geklagt hatte. Laut Anklageschrift ist während des Termins bei dem damaligen Chefarzt der Gefäßchirurgie eine Videosequenz entstanden, und zwar im Zeitraum zwischen 17.07 und 17.18. Uhr.

Allerdings: Die Blutwerte, die der Vater der Hauptzeugin in einem Erlanger Labor hatte auswerten lassen, würden nicht zur angegebenen Tatzeit passen. Diesen Schluss zog Verteidiger Bernsmann, nachdem er mit Befunden eines anderen Labors aufwartete - die sich von den ersten Untersuchungsergebnissen unterschieden.
Als der Verteidiger seinen zehnseitigen Antrag verlas, ging es um die Konzentration des Betäubungsmittels Midazolam im Blut, dessen Messung, einer möglichen Fehlerquote bei genau dieser Messung und die Frage, wie lange das Beruhigungsmittel überhaupt nachgewiesen werden könne.

Die Schlussfolgerung: Um auf die Blutwerte des Erlanger Labors zu kommen, hätte Heinz W. der Hauptzeugin eine so große Menge Midazolam spritzen müssen, dass diese während der Untersuchung schon fast ohnmächtig gewesen sei.

Eine andere Möglichkeit: Die Tatzeit, etwa 17 Uhr, stimmt nicht, sondern das Midazolam müsste erst gegen 19 Uhr oder später verabreicht worden sein. In diese Richtung äußerte sich später auch Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb.

Das Gericht überlegt nun, einen neuen Sachverständigen, vermutlich einen wissenschaftlichen Hochschulpharmakologen aus Heidelberg, hinzuzuziehen. Der Forderung der Verteidigung, nämlich vom dringenden Tatverdacht abzusehen und Heinz W. "noch heute nach draußen" zu lassen, so Verteidiger Bernsmann, kam die Zweite Strafkammer nicht nach.

Der Mediziner sitzt nach wie vor in U-Haft. Am kommenden Montag um neun Uhr wird der Prozess gegen ihn fortgesetzt. Dann wird der Polizist von heute weiter befragt. Und es wird sich zeigen, ob die Spannungen zwischen ihm und der Verteidigung erneut zu Tage treten. Bernsmann vor Gericht: "Warum darf ich den Zeugen nicht durch falsche Vorhalte auf die Probe stellen?"
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