Strullendorf
Nacht in Franken

Unterwegs mit einem Lkw-Fahrer: Die Nacht erschöpft ihn nicht

Wenn in der Nacht Millionen von Gütern auf Deutschlands Straßen bewegt werden, bekommt es kaum jemand mit. Wir begleiten Lkw-Fahrer Bernd Jakobi auf seiner Tour von Strullendorf nach Wiesbaden.
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Noch ganz frisch: Bernd Jakobi bekam seinen aktuellen Lkw erst im April. Foto: Maximilian Glas
Noch ganz frisch: Bernd Jakobi bekam seinen aktuellen Lkw erst im April. Foto: Maximilian Glas
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Mittwochabend, 18 Uhr auf dem Gelände der Spedition Pflaum in Strullendorf: 570 Kilometer liegen heute Nacht vor Lkw-Fahrer Bernd Jakobi. Was nach einer respektablen Tour klingt, ist dem 58-Jährigen aus Aue (Sachsen) schon fast zu wenig. "Das bisschen Wiesbaden ist ja fast Nahverkehr", sagt er. Seine Stammtour geht dreimal die Woche nach Wien, fast doppelt so weit.

Wir dürfen Bernd Jakobi auf seiner Tour für den Logistikdienstleister Hermes begleiten. Während sich der Fahrer noch etwas ausruht, herrscht im Dispositions-Büro der Spedition reger Betrieb. Geschäftsführer Norbert Fehn und Mitarbeiter planen dort die Touren für die insgesamt 550 Fahrzeuge der Spedition. Der Fuhrpark transportiert neben Paketen unter anderem auch frische Lebensmittel, Industriegüter und Schaumstoff. Ausgestattet sind alle Fahrzeuge mit einem innovativen Telematik-System. Lastwagen können dadurch auf den Meter genau geortet werden. Staus oder Vollsperrungen werden den Fahrern frühzeitig mitgeteilt. Dazu sind statistische Daten zur Fahrweise einsehbar. Als störend empfindet Jakobi die Technik nicht: "Wir werden ja sowieso überall im Leben überwacht", sagt er. Nachdem Jakobi den 1 100 Liter großen Tank gefüllt hat, startet die Fahrt um 19.15 Uhr. Das 450 PS starke Fahrzeug ist mit zwei mobilen Ladungsträgern, sogenannten Wechselbrücken, beladen.

Kaum sitzt Jakobi in seinem Lkw, ist er in seinem Element. Wenn es um die technische Ausstattung seines Trucks geht, kommt er sofort ins Schwärmen. Angetan hat es ihm der automatische Abstandsregler, der kontinuierlich für eine Distanz von rund 50 Meter zum nächsten Fahrzeug sorgt. "Der Lkw macht alles von alleine, manchmal frage ich mich, warum ich noch mitfahre", sagt er. Von einem derartigen Luxus konnte er in den 70er-Jahren nur träumen. "Früher in den Ostautos saß man wie auf Obstkisten, da war überhaupt nichts gefedert", sagt er.



Erster Halt ist das Logistikzentrum in Altenkunstadt. Der Komplex ist die Haupt-Umschlag-Basis (HUB) für Hermes-Pakete im süddeutschen Bereich. Die Dimensionen des Geländes sind gigantisch. Dutzende Container reihen sich über hunderte Meter aneinander. Für Jakobi gewohntes Terrain. Seit zwölf Jahren fährt er Touren für Hermes. "Hier funktioniert alles, man hat Zeit für seine Touren, die Ladesicherung wird übernommen und das Abladen ist optimal", sagt er. Fingerspitzengefühl ist beim "Umbrücken" gefragt. Der leere Wechselbehälter wird abgesetzt, der volle, neue Container wird rückwärts aufgeladen. Zentimeterarbeit. Für einen erfahrenen Fahrer wie Bernd Jakobi aber gleichzeitig auch Kurzarbeit. Nach vier Minuten ist der Lkw abfahrbereit.

Vorher gönnt sich Jakobi noch eine kurze Kaffeepause im Aufenthaltsraum. Der Raum ist um diese Uhrzeit menschenleer. Als der 58-Jährige an seinem "Irish Coffee" nippt und sich umsieht, kommt etwas Wehmut auf. "Früher war es hier mal richtig voll", sagt er. Die Kommunikation und der Kontakt unter den Fahrern seien in den letzten Jahren merklich zurückgegangen. Viele jüngere Fahrer seien heutzutage nur noch auf das schnelle Geld aus und interessieren sich nicht mehr für die Technik und Abläufe, die hinter dem Beruf stehen, erklärt er. Er selbst identifiziert sich zu 100 Prozent mit seiner Arbeit. Das wird sogar in seiner Wohnung sichtbar. Dort hat er seinen aktuellen Lkw im Mini-Format in einer Glasvitrine stehen - inklusive passender Werbeaufschrift und Nummernschild.

Die Fahrt auf der A 3 nach Wiesbaden verläuft bei wenig Verkehr ruhig. Jakobi kommt zügiger voran als geplant. Erst als es um das Thema Pausen und Parkplätze geht, steigt der Blutdruck des sonst so besonnenen Sachsen. Nach einer Fahrzeit von viereinhalb Stunden ist Berufskraftfahrern in Deutschland eine gesetzliche Pause von 45 Minuten vorgeschrieben. Was in der Theorie einfach klingt, macht den Fahrern bei überfüllten Parkplätzen in der Nacht stark zu schaffen.

Jakobi probiert sein Glück auf einem ersten Parkplatz kurz vor Frankfurt. Vergeblich. Dazu versperrt ein Anhänger die Durchfahrt zur Autobahn. Auch nach mehreren Lichtsignalen lässt sich der Fahrer aufreizend viel Zeit und steigt erst nach zwei Minuten zurück in sein Auto. "Das ist eine Frechheit, sowas ärgert mich", sagt Jakobi. Bei der nächsten Raststätte parken Lastwagen bereits im Einfahrtsbereich. Jakobi stöhnt. Mit etwas Improvisation findet er aber schließlich einen Stellplatz. Kaum ist er ausgestiegen, eilt bereits ein junger Lkw-Fahrer herbei und fragt aufgeregt, wann er seinen Parkplatz übernehmen könne. Schon nach einer Fahrt kann man den allnächtlichen Wahnsinn um die Parkplätze an den Autobahnen erahnen.


Große Leidenschaft ist omnipräsent

Um kurz nach 1 Uhr erreicht Jakobi das Hermes-Depot im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Er ist früh dran. Heute zu früh. Über eine Stunde vor dem offiziellen Abladetermin. Bei wenig Betrieb wäre das kein Problem. Doch heute sind bereits ein halbes Dutzend anderer Fahrer da. Bis sein Container geleert wird, muss sich der 58-Jährige in Geduld üben. Der leichte Unmut über den langen Aufenthalt ist schnell vergessen, als Jakobi auf der Rückfahrt über seine große Leidenschaft spricht. Angetan hat es ihm Skandinavien und insbesondere Schweden. Er liebt dort Land und Leute, würde sofort auswandern, wenn er 20 Jahre jünger wäre. "Ich bin Vollschwede", sagt er grinsend. Auf seinem Schlüsselanhänger steht "I love Sweden". Man glaubt es ihm sofort. In seiner Fahrerkabine liegen mehrere skandinavische Romane. Privat wie beruflich schwört er ausschließlich auf Fahrzeuge von schwedischen Herstellern. Darüber hinaus ist er großer ABBA-Fan.

Nach achteinhalb Stunden Fahrzeit ist Bernd Jakobi noch immer topfit. Von Müdigkeit keine Spur. Der 58-Jährige hätte kein Problem, noch für mehrere Stunden weiterzufahren. Fast schon entschuldigend versucht er bei der Ankunft in Strullendorf zu erklären: "Das liegt einfach in den Genen. Bisschen unnatürlich ist das Ganze ja schon, aber ich kann es nicht ändern."
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