Bamberg
Bahnausbau

Tunnel durch Bamberg würde 1,3 Milliarden Euro kosten

Bei der Debatte um die ICE-Trasse durch Bamberg ist die Stadt an einem kritischen Punkt angelangt. Die Bahn will eine Entscheidung, die Stadt zögert noch.
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Lückenschluss der Hochgeschwindigkeitsstrecke: Die Bahnlinie durchschneidet das Stadtgebiet der Länge nach.  Foto: Ronald Rinklef
Lückenschluss der Hochgeschwindigkeitsstrecke: Die Bahnlinie durchschneidet das Stadtgebiet der Länge nach. Foto: Ronald Rinklef
Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen. Für zwei Ausbauvarianten durch Bamberg liegen neue Kostenschätzungen vor. 1,034 Milliarden Euro soll der Ausbau von vier Gleisen im Bestand kosten, der bisherige Liebling der Bahn. 30 Prozent teurer wäre ein Tunnel, der von der Forchheimer Straße bis zum Gärtnerland reichen würde. In konkreten Zahlen sind das 1,326 Milliarden Euro.

Auch die Belastungen, die während der Bauphase auf die Bamberger und ihre Besucher zukommen, sollen nächsten Dienstag in einer Sondersitzung des Stadtrats auf den Tisch kommen: Der Ausbau im Bestand würde demnach von 2023 bis 2028 dauern und die Stadt fünf Jahre lang in Atem halten. Ein Tunnelbau unter Bamberg hätte noch weitreichendere Auswirkungen: Hier geht die Bahn von einer Inbetriebnahme im Jahr 2031 aus.


Gegen einen Schnellschuss

Doch noch ist überhaupt nicht entschieden, welche Variante aus Bamberger Sicht die bestmögliche ist. Zwar verlangt die Bahn den bisherigen Aussagen zufolge von der Stadt eine "finale Trassenentscheidung" im Frühling 2017, um baldiges Baurecht zu erreichen. Doch die Mehrheit im Bamberger Stadtrat dürfte sich gegen einen Schnellschuss stemmen. Grund: Zuletzt sind fünf Vorschläge im Rennen geblieben, die oberirdische Durchfahrt, der bergmännische lange Tunnel, der kurze Tunnel in offener Bauweise, der dreigleisige Ausbau und die von der SPD geforderte Beibehaltung des Status Quo. Alle fünf werfen aus Sicht der meisten Fraktionen Fragen auf, die von einem neutralen Gutachter beantwortet werden sollen.

Zum Beispiel der kurze Tunnel, der etwa bis zur Geisfelder Unterführung reichen soll und in offener Bauweise gebaut werden könnte (siehe auch Bericht unten). Die erst im zurückliegenden Sommer hinzugekommene Variante, die die Vorteile eines Tunnels mit neuer Freifläche über den Gleisen und unsichtbaren Lärmschutz verbindet, wurde von der Bahn trotz Aufforderung durch die Stadt offenbar nur widerwillig geprüft. In den Unterlagen, die dem Stadtrat vorliegen, ist die Rede davon, dass es zu spät sei für eine detaillierte Betrachtung. Auch eine Kostenschätzung wurde nicht vorgenommen. Gleiches gilt für eine von der Stadt vorgestellte neue Westausfädelung in der Nordflur. Ihr würde deutlich weniger Anbaufläche der Bamberger Gärtner zum Opfer fallen als beim Bahnvorschlag. Doch die Planer des Verkehrsunternehmens sind ganz offensichtlich "nicht begeistert" über die Gedankenspiele: "Die Alternativplanung der Stadt hat gravierende negative Auswirkungen, so dass diese Lösung nicht weiter verfolgt werden kann", wiegelt die Bahn ab.


Gutachten kostet Geld und Zeit

Doch welche Chancen hat die Stadt im Ringen mit dem Verkehrsgiganten, ihrer Position Nachdruck zu verleihen? Einen ersten Pflock haben die Fraktionen Ende 2016 in den Boden gerammt. Sie einigten sich darauf, 50 000 Euro dafür zu reservieren, alle offenen Fragen zu den Varianten durch einen neutralen Gutacher klären zu lassen. Der soll sogar eine Trassenempfehlung abgeben.

Auch die Gerichte könnte der Bahnausbau durch Bamberg noch beschäftigen. Dann, wenn die Forderung der Stadt, ein neues Planfeststellungsverfahren einzuleiten, bei den Bahnverantwortlichen erfolglos abprallen würde. Dass ein solcher Neueinstieg nötig wäre, glauben in Bamberg nicht nur die Grünen. Denn alle früheren Versprechungen, in Bamberg innovativen Lärmschutz anzuwenden und dadurch die Lärmwandhöhen zu reduzieren, haben sich als leer erwiesen.

Weil die Bahn Bamberg als Altfall zählt und nach der 26 Jahre alten Schallschutzverordnung bewerten will, ist aber auch der Ruf nach einem neuen Planfeststellungsverfahren laut geworden. So laut, dass es mittlerweile sogar die Verwaltung als Beschluss empfiehlt. Claus Reinhardt, Sprecher im Baureferat, formuliert es so. "Beim Thema Lärmschutz drehen wir uns mit der Bahn im Kreis."

Kommentar des Autors:

Was wird aus Bamberg? '

Die erste Bürgerbeteiligung zum Bahnausbau verlief nicht allzu viel versprechend. Nur wenige nutzten die Gelegenheit, sich mit Vorschlägen für den Lärmschutz zu Wort zu melden.

Freilich, das Thema ist spröde. Dennoch überrascht das Desinteresse an einem Vorhaben, das Bamberg regelrecht zu zerschneiden droht. Wie erklärt sich diese Zurückhaltung in einer Stadt, die leidenschaftlich über Kleinigkeiten wie Abbiegespuren oder Radwege streitet?

Liegt es daran, dass die Umsetzung des Schienenvorhabens erst im nächsten Jahrzehnt beginnen soll und somit noch in weiter Ferne liegt? Oder leben die Bamberger nach dem Prinzip Hoffnung und mit dem angeborenen Urvertrauen, dass es schon auch diesmal nicht so schlimm kommen werde zwischen der Gereuth und dem Gärtnerland?

Letzteres könnte sich als fataler Trugschluss erweisen, denn weder ist zu erwarten, dass die Bahnverantwortlichen auf den letzten Kilometern eines Prestigeprojekts ihr Herz für die Befindlichkeiten einer liebenswerten, aber eher einflusslosen Stadt entdecken.

Noch wird man darauf hoffen dürfen, mit einem blauen Auge davonzukommen, wenn im verkehrlichen Zentrum der Region so oder so 1000 Millionen Euro verbaut werden.

So viel steht fest: Die Trassenentscheidung wird Gesicht und Wohlbefinden dieser Stadt viele Jahre prägen. Hinschauen ist da erste Bürgerpflicht. Nicht, dass es Bamberg so ergeht wie bei der Konversion: Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet.
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