Bamberg
Interview

Theaterstück: Bamberg und Sherlock Holmes

Im Jahr 1896 werden vor Bamberger Kirchen Leichen gefunden - zumindest in einem neuen Theaterstück.
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Sherlock Holmes ist mit Dr. John Watson nach Bamberg gekommen- zumindest in einem Theaterstück  pr
Sherlock Holmes ist mit Dr. John Watson nach Bamberg gekommen- zumindest in einem Theaterstück pr
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"Sherlock Holmes und die Hexe von Bamberg" ist das erste Theaterstück der neuen Theatergruppe "Spielwerk". Wir sprachen im Vorfeld der Premiere am 3. Dezember mit Autor und Regisseur Uli Spies.

Der Trailer, den Sie zum Theaterstück gemacht haben, hat mich stark an die BBC-Serie "Sherlock" erinnert. Hatten Sie die im Hinterkopf als Sie das Stück geschrieben haben?
Uli Spies: Ich bin immer schon ein großer Sherlock-Holmes-Fan gewesen. Und es gibt sicherlich viele Einflüsse, die beim Schreiben wirken, welche man aber selbst gar nicht wahrnimmt. Mir gefällt die Holmes-Interpretation von Benedict Cumberbatch in "Sherlock", meine Lieblingsfigur ist allerdings die des Dr. House (Anm. d. Red.: Amerikanische Serie über einen Diagnostikarzt), welche auch auf Sherlock Holmes basiert. Um dem Kanon gerecht zu werden, haben wir überdies mit der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft zusammengearbeitet. Sie haben uns Hinweise gegeben und waren von unseren Ideen sehr angetan.

Dann kommt ja noch Bamberg dazu und die Hexenverfolgungen - ziemlich viel. Wie kommen Sie auf diese Kombination?
Ursprünglich wollte ich ein Theaterstück über Bamberg machen. Eine Hommage an die Stadt. Ich habe hier studiert und mag die Stadt. Die historische Kulisse ist einfach beeindruckend und ich habe mir gedacht, dass es zu wenig Stücke gibt, die in Bamberg spielen und diese Kulisse nutzen. Das Alte Rathaus, die Obere Brücke, den Dom - das alles wollen wir auf der Bühne zum Funkeln bringen.

Sie schreiben ja auch noch in der Ankündigung, dass das Stück im Jahr 1896 spielt. Hat dieses Jahr eine bestimmte Bedeutung?
Wir wollten die Zeit des 19. Jahrhunderts rekreieren. Ich gehe oft in Bamberg spazieren und denke mir, eigentlich könnte jetzt eine Kutsche vorbeikommen. Bamberg hat dieses spezielle Flair. Ich finde das sehr passend für Sherlock Holmes. Zudem spielen meine Lieblingsgeschichten von Sherlock Holmes auch gar nicht in London, beispielsweise der"Hund von Baskerville".

Eine ganz ikonische Geschichte, die man kennt, auch wenn man sich nicht so gut mit Sherlock Holmes auskennt.
Ja, ganz genau. Deshalb dachten wir: Wenn er insDartmoorgeht, könnte Sherlock Holmes ja auch nach Bamberg kommen. Bamberg kann auch diese düstere dunkle Atmosphäre schaffen. Außerdem war Sherlock Holmes ja tatsächlich mal in Deutschland.

Es gibt ja auch Jahre, die Arthur Conan Doyle nicht beschreibt und offenlässt, was Sherlock Holmes in dieser Zeit gemacht hat.
Wir dachten, das würde wunderbar passen. Wir haben ein Casting gemacht und die Bamberger dazu eingeladen. Wir wollten neben Profis auch Laien und vor allem Bamberger in unserem Ensemble haben. Und es sind wirklich ganz tolle Leute mit großartigem Talent gekommen.

Um auf die Hexenverfolgung zu kommen. Es scheint ja momentan so zu sein, als würde dieses schreckliche Thema etwas mehr ins Bewusstsein rücken, beispielsweise wurde das Hexenmahnmal eingeweiht. Hat das bei Ihren Überlegungen eine Rolle gespielt?
Nein, eigentlich nicht. Am Anfang war Bamberg und Sherlock. Dann haben wir gedacht: "Was ist die Geschichte von Bamberg?" Wir sind jetzt nicht vor diesen schrecklichen Ereignissen zurückgeschreckt. Ich denke, man muss einen Umgang mit dem Thema finden und da ist eine künstlerische Auseinandersetzung durchaus möglich und sinnvoll.

Sie wollen jetzt nichts anteasern und verraten.
Sicher ein bisschen. Das Thema Hexenverfolgung kam in den letzten Jahren ziemlich hoch. Es gibt einige sehr gut gemachte Dokumentationen, die ich mir angeschaut habe. Ich war auch im Hexenturm in Zeilund habe mich dort inspirieren lassen. Hexen sind ja auch Figuren, die zu Mystery und Thriller passen. Und eben auch zu Sherlock. Ähnlich wie der Monsterhund-Mythos bei "Baskerville" ist es bei uns der Hexenmythos von Bamberg. Während die Bewohner Angst haben, arbeitet Holmes als Vernunftmensch gegen die Mystifizierung solcher Vorfälle. Natürlich gab es im 19. Jahrhundert keine Hexenverbrennungen mehr, aber ich will nicht zu viel verraten. Als Autor kann man auch nicht immer genau sagen, woher die Inspirationen kommen.

Sherlock Holmes war aber eine dieser Inspirationen.
Sherlock ist der Inbegriff des Detektivs mit seiner Wissenschaft der Deduktion. Ich glaube, er ist den Superhelden von heute sehr ähnlich. Die haben besondere Fähigkeiten, können zum Beispiel Fliegen. Wie ein Superheld, steht auch Sherlock Holmes über den Dingen des täglichen Lebens. Der Zuschauer schaut ihm beim Denken zu und ist fasziniert, wenn letztlich alles Sinn macht. Der Durchschnittsmensch denkt aber nicht so wie ein Sherlock Holmes. Das ist übrigens auch äußerst schwierig als Autor. Man muss jemanden schreiben, der klüger ist als man selbst.

Es ist also eine große Herausforderung das zu schreiben?
Ich hab schon einige Theaterstücke geschrieben, aber ich muss zugeben, dieses war tatsächlich eine meiner größten Herausforderungen. Anfangs dachte ich, ein Krimi schreibt sich leicht. Es geschieht ein Mord und die Frage "Wer hat's getan?" steht direkt im Raum. Das ist das Einfache, aber dann kommt gleich die Schwierigkeit. Macht man einen Twist, wie viel Action ist drin, wie viel Mystery?

Und man darf auch nicht zu sehr übertreiben.
Wir haben auch versucht, wegzukommen von den ganzen Neuinterpretationen. Dazu sind wir zurück zum ursprünglichen Material von Arthur Conan Doyle oder eben zu ganz anderen Quellen wie Hitchcock, Agatha Christie und Tarantino. Wir verstehen unser Theaterstück nicht als Anspielung auf die Serie "Sherlock" oder gar als Parodie. Freilich werden Übereinstimmungen da sein, weil es auf dem gleichen Material beruht. Wir wollen aber auch eine gewisse Originalität erzeugen und arbeiten theatertypisch mit abstrakteren Mitteln. So haben wir unsere Kulissen in einem expressionistischen Stil malen lassen und erzeugen damit ein ganz eigenes 19. Jahrhundert.

Wie sind Sie bei der Auswahl aus dem ursprünglichen Kanon vorgegangen?
Ehrlich gesagt, ich weiß es selber nicht. Ich kenne die Sherlock-Holmes-Geschichten seit meiner Kindheit und Jugend. Für die Recherche habe ich lediglich einige wenige Geschichten gelesen, um Sherlock und Watson besser greifen zu können. Diese beiden Figuren, mit ihren ständigen Sticheleien, die eigentlich nicht unterschiedlicher sein können, bilden sowohl eine explosive Mischung als auch ein von tiefer Freundschaft geprägtes Duo. Mehr als Arthur Conan Doyle habe ich andere Krimis gelesen.

Wegen des Genres?
Ja, genau, denn dieses Genre fasziniert die Leute seit jeher. Die spannende Frage ist: "Weshalb morden Menschen? Kann Mord gerecht sein?" Im Grunde dachten die Leute früher auch, Hexenverbrennung sei ein gerechter Akt und haben gejubelt, als die vermeintliche Hexe gebrannt hat. In unserem Theaterstück geht es sehr viel um Gerechtigkeit, aber auch um den Mord an sich. Sei es früher die Hexenverbrennung, heute der Tatort oder eben ein Theaterstück, das die dunkle Seite im Menschen betrachtet.

Sherlock Holmes ist aber auch die Krimi-Figur, die sich gerne selbst inszeniert und bewundert werden will, obwohl er das nie zugeben würde.
Sherlock Holmes ist einfach interessant wenn es um Gerechtigkeit geht, weil er als bekennender Soziopath seinen eigenen Sinn für Gerechtigkeit hat. Manchmal denkt man, ihm ist das Leben der Opfer gar nicht so wichtig, sondern der Fall, das Rätsel, das er löst. Ich glaube, er ist wie ein Zuschauer, der den Mord als Unterhaltung braucht. Er hat auch keinerlei moralische Einschränkungen. Wenn er eine Leiche sieht, sieht er Arbeit und ein Rätsel. Er sieht nicht das Drama und die Grausamkeit, die dahinter steht. Für diese Aspekte sind andere Figuren zuständig. Allen voran Watson.

Sherlock fühlt das also gar nicht?
Das ist eine spannende Frage für den Zuschauer. Wenn sogar Sherlock fühlt, dann muss es etwas Besonders sein. Und diese Momente gibt es auch. Grundsätzlich denke ich aber, wenn man in diesem Metier arbeitet, muss man auch Distanz haben können. Menschen, die täglich Leichen sezieren oder in der Forensik arbeiten, essen irgendwann auch ihr Wurstbrot bei der Arbeit. Unsere moderne Forensik ist auch aufgrund der Geschichten von Sherlock Holmes entstanden. Diese große Lupe, die wir als Klischee sehen, ist für Forensiker lediglich ein Arbeitsgerät. Die Untersuchung eines absperrten Tatorts, genaue Betrachtung der Zigarettenasche - das hat Sherlock Holmes erfunden. Das Spannende ist, wie sich der moderne Holmes in einem eher kleinen und konservativen Umfeld, wie Bamberg im 19. Jahrhundert, verhält.

Es gibt Leute, die halten London für die dritte Hauptfigur in den Sherlock-Holmes-Geschichten - neben Sherlock und Watson. Ist dann Bamberg die dritte Hauptfigur in Ihrem Stück?
Ja, das würde ich unterschreiben. Bamberg dient nicht als bloßer dekorativer Hintergrund, sondern spielt eine besondere Rolle bei der Lösung des Falls.

Wie sehen Sie das Theater in Bamberg?
Die Theaterbegeisterung in Bamberg finde ich gerade sehr schön spürbar. Es gibt viele Theater, aber die tun sich nicht weh, sondern generieren noch mehr Interesse und Nachfrage. Auch der neue Theaterraum, der mit der Alten Seilerei entsteht, ist etwas sehr Spannendes. Wir sind die ersten Gäste, die dort ihre Premiere feiern dürfen. Theater wird wieder wichtiger. Vor allem die Nichtverfügbarkeit im Theater tut gut. Man muss sich bewusst darauf einlassen. Man kann nicht einfach anhalten, ausschalten oder eine andere Serie anfangen wie bei Netflix. Geschichten und Figuren brauchen Zeit, um ihre Wirkung und ihren Sog zu entfalten.

Das Gespräch führte Petra Breunig



Karten und Termine
Termine 3., 4. und 5. Dezember, jeweils um 20 Uhr

Karten gibt es beim BVD Bamberg, Tel. 0951/9808220 oder an der Abendkasse zum Preis von 14 (ermäßigt 9,50) Euro.

Ort Alte Seilerei, Lichtenhaidestraße 15.
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