Bamberg
Kultur

Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater zwischen Schein und Sein

Nach zwei Jahren neuer Intendanz am E.T.A.-Hoffmann-Theater fallen die Urteile unterschiedlich aus. Intern sei die Stimmung bleiern, extern gibt es Preise.
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Katharina Brenner in der Titelrolle der jüngsten Inszenierung am E.T.A.-Hoffmann-Theater, Bert Brechts "Mutter Courage"  Foto: Martin Kaufhold
Katharina Brenner in der Titelrolle der jüngsten Inszenierung am E.T.A.-Hoffmann-Theater, Bert Brechts "Mutter Courage" Foto: Martin Kaufhold
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Als Sibylle Broll-Pape vor rund zwei Jahren ihren Dienst als neue Intendantin des E.T.A.-Hoffmann-Theaters antrat, da waren sie und das Haus Stadtgespräch Nummer Eins. Das hatte neben der engen Bindung der Bamberger zu "ihrem" Theater und dem Vierteljahrhundert der Ära ihres Vorgängers Rainer Lewandowski auch mit der Art und Weise zu tun, wie der Wechsel vonstattenging.

Die Bamberger mussten sich von vielen bekannten Gesichtern verabschieden. Teilweise Schauspieler, deren Anwesenheit vielen Grund genug war, um ins Theater zu gehen. Die Gewöhnung ist ein starkes Band, insbesondere in der Kleinstadt. Einige kündigten ihr Abo. Vielleicht aus Solidarität, vielleicht aus dem Gefühl, die neue Intendanz bestrafen zu müssen für eine so empfundene Unmenschlichkeit. Und auch wenn Broll-Pape den Menschen deren Unmut zugestand: Ein einfacher Anfang war es nicht.


An Bamberg gewöhnen

Erst recht nicht, weil ihre Berufung ohnehin von Skepsis und Gerüchten begleitet worden war. Broll-Pape leitete in Bochum das von ihr gegründete Prinzregenttheater, ein Haus mit, zu ihrer Zeit, fünf festen Mitarbeitern und 100 Sitzplätzen. Dagegen Bamberg: insgesamt 500 Plätze, fast 90 Mitarbeiter. Nicht nur das Theaterpublikum musste sich also umgewöhnen.

Nun steht sie kurz vor der Präsentation ihres dritten Spielplans (am Dienstag). An der Seite ihres Chefdramaturgen, Remsi Al Khalisi, wirkt sie ausgeglichen: Ja, das Publikum habe sich verändert, jünger sei es geworden. "Unsere Zuschauerzahlen sind aber schon im ersten Jahr gleich geblieben. Wir haben eine Menge Menschen erreicht", sagt Broll-Pape. Das sehen intern nicht alle so.


Deutschlandweit beachtet

Broll-Pape und Al Khalisi erinnern sich an die Skepsis der Bamberger angesichts eines politisch geprägten Spielplans ohne Opern und Operetten. Nun ziehen sie eine positive Bilanz: Die deutschlandweite Aufmerksamkeit ist groß, die Resonanz positiv, genauso wie der Haushaltsabschluss. "Die Bamberger hängen wieder an ihrem Theater", sagt Broll-Pape. "Ich habe das Gefühl, dass das noch stärker geworden ist, und das ist schön."

Tatsächlich gab es zuletzt drei Preise für das Stück "Europa verteidigen" bei der "Woche junger Schauspieler" in Bensheim. Und etliche positive Kritiken in überregionalen Medien. Gleichzeitig dringen Berichte aus dem Theater, die nicht ganz zu dieser Darstellung vom brummenden Betrieb passen wollen. "Früher gab es Vorstellungen, da hast du abends keine Karte mehr bekommen. Ich kann mich nicht erinnern, wann das zuletzt der Fall war", sagt jemand aus dem Team.

So geht es einigen. Wer oft genug, sprich jeden Abend, im Theater sei, der bekomme langsam Angst. Das Theater werde leergespielt. Die offiziellen Zahlen sagen etwas anderes: In der ersten Spielzeit lag die Auslastung bei fast 75 Prozent, in dieser seien es, vorläufig, fast 80. Beides ungefähr Lewandowski-Niveau, beides im deutschlandweiten Vergleich sehr gut.


300 VHS-Abonnenten weniger

Ein anderer Angestellter rechnet: "80 Prozent, das müssen 80 Leute im Studio sein und 350 im großen Haus. Ich habe sie noch nie gesehen." Noch ein anderer: "Wenn für das Goldene Vlies 35 von 400 Karten verkauft werden, sind das keine 80 Prozent." Von Anfang an war klar, dass sich der Wechsel auf die Zahlen des VHS-Abos für den Landkreis auswirkt. Diese Zahlen liegen vor, es sind rund 300 Abonnenten weniger. Joachim Schön, Geschäftsstellenleiter der VHS Land: "Überwiegend kam das Argument, dass die Leute mit dem neuen Programm nicht mehr so viel anfangen können." Gleichzeitig gebe es viele Jüngere, die sagten, nun könne man endlich wieder reingehen. "In letzter Zeit habe ich überwiegend Positives gehört."

Auch bei den regulären Abos gab es ein Minus. Der Blick auf die Saalbelegungen, vor einer Aufführung online einsehbar, nährt die Zweifel an der großen 80 zusätzlich. Broll-Pape bestreitet die gekündigten Abos nicht, aber: "Die Zahlen bleiben konstant. Es kommen mehr Menschen einfach so." Es würden heute mehr Karten an der Abendkasse verkauft. "Das große Ziel ist natürlich die 100 zu erreichen. Aber ich glaube, das ist heutzutage nicht mehr möglich. Es ist eh schon gigantisch gut. Welches Haus hat schon solche Zahlen?"


Ein Knick im Studio

Wie in jedem Theater laufen manche Stücke besser, andere schlechter. Dass aber gerade das kleine Studio in jüngster Zeit oft nur etwa halb gefüllt ist, ist doch ungewöhnlich. War es in der ersten Spielzeit noch gut besucht, habe es nun einen Knick gegeben. Vielen langjährigen Theatergängern sei der Spielplan nicht abwechslungsreich genug, zu spröde. Ein Teammitglied: "Uns geht es nicht darum, zu sagen, dieser Spielplan gefällt uns nicht. Das ist immer Geschmackssache. Wir haben Angst, dass dieser Laden kaputt geht."

Es sind nicht nur Abonnenten, die ihre Verträge kündigen. Das Theater steht vor einem zweiten Wechsel. Sechs Schauspieler des Ensembles verlassen Bamberg, hinter der Bühne sind es etwa genauso viele, drei sind bereits gegangen. 15 weniger, die Zahl scheint hoch für ein Haus dieser Größe. Broll-Pape: "Ich habe hier ganz junge Leute, zu denen ich von Anfang an gesagt habe, bleibt zwei, drei Jahre und seht dann zu, dass ihr weitergeht. Das ist für deren Vorankommen ganz wichtig."


Ganz normale Wechsel?

Die Intendantin möchte ihr Haus auch als Sprungbrett in die noch größere Theaterwelt verstanden wissen. Durch die große Aufmerksamkeit für ihre Arbeit, den guten Ruf des Hauses, sei es nun viel einfacher gewesen, neue, gute Leute zu finden. Der Wechsel sei also ganz normal - für die Theaterwelt, für Bamberg vielleicht noch nicht so ganz.

Wenn dem so wäre, könnte die Intendanz auch hinter den Kulissen so entspannt mit dem Thema umgehen wie im Pressegespräch. Das scheint nicht ganz der Fall zu sein. Wer sich auf Nachfrage überhaupt äußern will, bleibt vorsichtig und vage. Von einer internen Anweisung, öffentlich nicht schlecht über das Theater zu sprechen, ist die Rede. Die interne Stimmung wird als bleiern beschrieben. "Die Leute lassen die Köpfe hängen."

Dass hässliche Geschichten, insbesondere über einen von öffentlicher Hand finanzierten Betrieb, in Umlauf geraten, ist in Bamberg kaum zu verhindern. Die Stadt ist verquatscht, das wissen auch Broll-Pape und Al Khalisi, damit muss man leben können. Die Geschichten handeln nicht nur von ausgebrannten Schauspielern. Es geht auch ums Geld. Im vergangenen Jahr, das bestätigt die Stadtverwaltung, hat das Theater einen Überschuss erwirtschaftet. Das sorgt intern für Verwunderung: "Wie denn? Wir waren im Dezember zahlungsunfähig." Druckerpatronen, Schleifpapier, Kaffeemaschine, Kabel: Kleinste Anschaffungen wurden verweigert. Es ging nichts mehr - angeblich.


Krähwinkel Bamberg

Broll-Pape lacht, als sie davon hört. Und Al Khalisi zieht direkt den Bezug zu einem Stück aus der ersten Spielzeit: "In der Hinsicht ist das schon Krähwinkel hier. Hier wird teilweise ein Blödsinn rumgequatscht." Letztlich, das weiß die Intendantin, hat sie die harten Zahlen auf ihrer Seite. Wie der positive Abschluss zustande kam und ob das erneut gelingt, ist eine andere Frage. So oder so wird das Bamberger Theater Stadtgespräch bleiben. Das ist normal.


Kommentar von Michael Memmel:

Auf die Zuschauer kommt es an

Wann ist ein Haus wie das E.T.A.-Hoffmann-Theater erfolgreich? Mit Shakespeare ließe sich antworten: Wie es euch gefällt! Oder anders ausgedrückt: Jeder Zuschauer darf individuell nach seinem Geschmack entscheiden, ob ihm das Programm, die Art der Inszenierungen und die Schauspieler zusagen.

Wer nach objektiven Maßstäben sucht, kommt auf andere Gesichtspunkte wie handwerkliches Können der Theatermacher, renommierte Preise oder wirtschaftlichen Erfolg. Hinter diesen Punkten darf man beim Bamberger Schauspielhaus getrost mal größere, mal kleinere Haken setzen. Ohne Verluste lässt sich ein solches Theater freilich nicht betreiben, da ist es schon eine unglaubliche Leistung, wenn ein Jahr endet, ohne dass das komplette Budget von 2,9 Millionen Euro ausgeschöpft wurde - so geschehen 2016.


Transparenz fehlt

Für die Stadt Bamberg als Geldgeber sollte vor allem ein Kriterium zählen: Dass möglichst viele Bürger das Angebot des Theaters annehmen. Doch bei der Frage nach der Auslastung tut sich ein Grundproblem auf: Die Zuschauerzahlen werden im Haus zusammengetragen, ausgewertet und veröffentlicht. Die Intendantin Sibylle Broll-Pape muss deshalb wie ihr Vorgänger Rainer Lewandowski mit der Unterstellung leben, dass die Statistiken aufgehübscht werden - schließlich dienen sie der Beurteilung ihrer Arbeit. Aktuell schüren interne Stimmen diese Spekulationen. Die fehlende Transparenz gilt es zu beheben und die Auslastung von einer unabhängigen Stelle erheben zu lasten. Das nutzt der Stadt, das hilft auch Broll-Pape, wenn es am Ende womöglich heißt: Viel Lärm um nichts.
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