Würgau
Energie

Stromversorgung: Die Spannung steigt auf der Würgauer Höhe

Auf der Würgauer Höhe ist das 60 Jahre alte Umspannwerk aufwändig erneuert worden. 220-kV-Schaltfelder wurden durch 380-kV-Schaltfelder ersetzt. Die Anlage versorgt 500.000 Menschen zwischen Bamberg, Bayreuth und Kulmbach mit Strom.
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Das Herz des Umspannwerks: Der neue 420 Tonnen schwere Transformator. Fotos: Georg Stöhr
Das Herz des Umspannwerks: Der neue 420 Tonnen schwere Transformator. Fotos: Georg Stöhr
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Wozu baute man ein Umspannwerk auf das steinige Gelände des Würgauer Bergs? Die so genannte Reichssammelschiene, die in den 1930er Jahren von Berlin nach Österreich gebaut worden war, kreuzte im Bereich des heutigen Umspannwerk-Geländes eine 110 kV Hochspannungsleitung von Bamberg nach Kulmbach. Um beide Leitungen miteinander zu verbinden und um, im Hinblick auf eine mögliche Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, flexibel zu sein, wurde das Umspannwerk Mitte/Ende der 1950er Jahre geplant und gebaut.

"Viel hat sich getan und vieles hat sich verändert", erinnert sich Manfred Rösch (77), lange Jahre mitverantwortlicher Meister im Umspannwerk Würgau. 1958 hatten drei Trafos ihre Arbeit auf der Würgauer Höhe, gleich hinter dem Eingangstor zur Fränkischen Schweiz, aufgenommen. Hohe Masten, Leitungen aus allen Richtungen und ein 20 Hektar großes Betriebsgelände, wieder voll mit Masten, Leitungen und Monstertrafos bestückt bestimmen seither die Landschaft. In den letzten Jahren gesellten sich drei Windräder zur Stromgewinnung dazu.

Das Bayernwerk war dennoch zu Röschs zweiter Heimat geworden. Der gebürtige Bamberger war 45 Jahre in der Elektrobranche tätig. 34 Jahre davon hatte er mit seiner Familie auf dem Gelände des Umspannwerks gewohnt, waren doch einst für sechs Familien Wohnungen hier vorhanden. Schaltwärter und Monteure kontrollierten ständig die Anlage, Manfred Rösch war ihr Meister gewesen. Mit etwas Wehmut blickt er zurück, kannte er doch jeden Masten und jede Leitung. Auch im Ruhestand blieb er in Würgau, seine Familie war hier heimisch geworden.

Das Bayernwerk gehört heute zum Eon-Konzern. Dieser verkaufte auf Druck der Europäischen Kommission sein Höchstspannungsnetz, auch Übertragungsnetz genannt, aus kartellrechtlichen Gründen an den niederländischen Netzbetreiber Tennet. Stromerzeugung und Stromversorgung mussten getrennt sein.

Die politischen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen machten eine Umstellung von der 220 kV-Höchstspannung auf 380 kV notwendig, dazu ein geändertes Höchstspannungsnetz und entsprechende Transformatoren. Das verstärkte Aufkommen von Solar- und Windkraftanlagen verlangte den Bau einer "MSCDN-Anlage". Da bei Solar- und Windkraftanlagen die Stromerzeugung schwankt, übernimmt die MSCDN-Technik die notwendige Netzstabilisierung in Sekundenschnelle.

Das Übertragungsnetz des Netzbetreibers Tennet ist mit einer Autobahn vergleichbar. Der größte Verkehr, hier die Höchstspannung, bewegt sich auf den 380 kV-Leitungen, die Umspannwerke sind mit den Autobahnabfahrten vergleichbar. Sie formen die Spannung auf 110 kV herab.


Steuerung von Dachau aus

Röschs ehemaliger Kollege Stefan Seelmann (47), geboren in Schweisdorf, ist seit 20 Jahren im Umspannwerk tätig und führt heute als Meister das Umspannwerk Würgau. Er ist Chef einer 15köpfigen Service-Gruppe, die für 17 Umspannwerke in Franken zuständig ist. Das heißt: Mobilität, ständige Bereitschaft, Betreuung der Anlagen, Störungsbehebung und die Organisation der zuarbeitenden Firmen.

Die Steuerung des Betriebes erfolgt aber aus der Ferne, von Dachau aus. Auf dem Gelände wird man wenige Betriebsangehörige sehen, lediglich Stefan Seelmann hat im Betriebsgebäude ein Büro. Hier trifft er seine Arbeitsvorbereitungen, auch der Betriebsablauf vor Ort kann von hier aus kontrolliert und gesteuert werden.

Das Umspannwerk Würgau geht demnächst wieder ans Netz, der neue Transformator mit einem Betriebsgewicht von 420 Tonnen nimmt seine 380 kV/110 kV-Abspannung im Dezember auf. Im Mai war er mit einem Transportgewicht von 260 Tonnen auf den Würgauer Berg bugsiert worden und ist jetzt in Betriebsbereitschaft gesetzt. Im Trafo sind 80 Tonnen Kupferleitung installiert und befüllt ist er mit 100 000 Liter Isolieröl. Er ist in der Lage, 40 bis 50 Jahre lang etwa 500 000 Einwohner mit Strom zu versorgen. Vorwiegend sichert er die Stromversorgung in den Städten und Landkreisen Bamberg, Bayreuth und Kulmbach. Die Verteilernetzbetreuung übernimmt dabei wieder das Bayernwerk, weshalb es in unmittelbarer Nähe einen Trafo für die 20 kV-Abspannung unterhält.

Mit dem Rückbau des alten Umspannwerks war im September 2013 begonnen worden, die Abschaltung des letzten Trafos erfolgte im Mai 2014. Die Planungs- und Baukosten betragen rund 15 Millionen Euro.

Wann kann man schon ein Umspannwerk von innen besichtigen, dachten sich viele Bürger und nutzten die Gelegenheit am Tag der Offenen Tür. Hatte man doch im Physikunterricht gehört, dass man elektrischen Strom nicht sehen kann, ihn nur an seinen Wirkungen erkennt. Doch wie soll das bei einer Spannung von 380 000 Volt passieren? Diese Höchstspannung erlaubt keine Späße; Fehler haben Wirkungen wie Blitz und Donner.

Am Tag der Offenen Tür wurden die Besucher in einem Zelt durch persönliche Ansprechpartner, Filme und technische Ausstellungsstücke informiert. Tennet-Mitarbeiter wurden zu künftigen Stromtrassen befragt, einschließlich möglicher Erdverkabelungen. Etwa 500 der 1200 Besucher bekamen eine Führung. Dabei konnten sie den Kern des Umspannwerk Würgau aus nächster Nähe in Augenschein nehmen. Schon lange waren viele Interessierte auf die Anlage gespannt - doch diese selbst blieb an diesem Tag spannungslos. Aus verständlichen Gründen.


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