Scheßlitz

Strass und Stretch und Stichel-Stress

Gardetanz ist Leistungssport - und Gardetanz-Kostüme nähen eine Heidenarbeit. Zwei, die das wissen, sind Ingrid und Anna-Elisabeth Hahner aus Demmelsdorf. Im Artikel finden Sie außerdem ein Quiz zur Kultsendung "Fastnacht in Franken".
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Anna-Elisabeth und Ingrid Hahner mit Tänzerin Ramona Foto: Ronald Rinklef
Anna-Elisabeth und Ingrid Hahner mit Tänzerin Ramona Foto: Ronald Rinklef
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Spitze sieht das aus mit der pinkfarbenen Spitze. Doch halt! Warum ist der zweite Eindruck ein anderer? Tänzerin Ramona hat für den Fototermin das Gardekostüm angezogen und kommt im Hausflur der Familie Hahner immer näher. Tatsächlich. So filigran ist der Muster- und Materialmix nun doch nicht mehr, jetzt, wo sie bis auf Armlänge heran ist. Das soll auf der Bühne gut wirken?

Es wirkt auf der Bühne gut. Sehr gut sogar. Das hat die Jugendgarde des TSV Scheßlitz heuer schon mehrfach zu hören bekommen. Denn das Geheimnis eines guten Tanzkostüms ist die Fern-Wirkung.


Wirkung von Weitem

Jeder kennt das von Eiskunstlauf-Übertragungen im Fernsehen. Man ist voller Bewunderung für die Kleidung der Läuferin während der Darbietung. Doch wenn die Kamera sie in Großaufnahme zeigt, erkennt man am Trikot die groben Strukturen.

Alles fing damit an, dass Ingrid ein Solo-Turnierkleid zerschnitten hatte. "Das hat ihr nicht mehr gefallen - und mir hat sie die Teile hingelegt. Ich möge es doch mal so und so ändern, hat sie gesagt", erinnert sich Anna-Elisabeth Hahner. Bedenken der Mutter, sich damit nicht auszukennen, fegte das Mädchen vom Tisch. "Tja, und damit war ich Kostümschneiderin", sagt die Demmelsdorferin, die seit vielen Jahren die Auftrittskleidung der Scheßlitzer Garden anfertigt, wäscht und in Ordnung hält.

Treibende Kraft ist immer noch die Tochter. Sie macht die Entwürfe, kauft die Stoffe, hilft beim Nähen, kümmert sich bei den Anproben um die perfekte Passform und vieles mehr. "Die besten Ideen kommen mir auf der Baustelle", sagt die Ingenieurin, die vorwiegend im Ausland tätig ist. "Zettel und Stift hat man ja immer dabei."

Ihren Urlaub plant sie so, dass sie bei der Vorbereitung der Faschingssaison Hand anlegen kann. So wie jetzt, im November. Ingrid Hahner verwendet hauptsächlich Stoffe aus den USA und aus England. "Was bei uns 100 Euro kosten würde, kriege ich dort für 15". Nur wenig lässt sie schicken. Den Großteil sucht sie vor Ort selbst aus.


Die Designerin greift auch mal daneben

Dass gelegentlich auch ein Fehlgriff dabei ist, gibt sie lachend zu: "Jaaa! Da war ich manchmal schon von irgendwas total angetan - und zu Hause ... oh weh, hat das nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber es gibt nichts, aus dem man nicht doch noch was anderes machen könnte."

Unkompliziert anzuziehen muss das Kostüm sein und dehnbar das Material. Haltbarkeit ist wichtig. Glitzern und funkeln soll es. "Bezahlbar glitzern und funkeln", meint Ingrid Hahner. In das pinkfarbene Kostüm der Jugendgarde schlüpfen die Tänzerinnen nur hinein. Der Body wird im Schritt zugeknöpft.

Der Hauptteil des Kostüms besteht aus Lycra (dem Stoff, aus dem Badeanzüge gemacht sind). Seine Flexibilität hat den Vorteil, dass nur in drei Größen geschneidert werden muss. Dennoch wird die komplette Garde vermessen und die Mädchen müssen mehrmals zur Anprobe.

Mit der Feinarbeit ins Sachen Passform nehmen es Anna-Elisabeth und Ingrid Hahner sehr genau. "Da muss vieles geändert werden. Die eine hat vielleicht einen längeren Rumpf, die andere kürzere Arme."

Paillettenstoff in vier Farbtönen ist im Jugendgarde-Kostüm vernäht. Und keinen sieht man direkt. Er ist unter der Spitze verborgen und schimmert durch. Doppelte Arbeit für die Zwei an der Nähmaschine. Lohnt sich so ein Aufwand? Ingrid Hahner erklärt warum: "Pailletten sind scharfkantig und können sich verhaken. Das muss nicht sein."


Zwei Lagen Organza

Erst wenn der Body gut sitzt, wird der Rock angenäht. Zwei Lagen Organza sorgen für einen Pettycoat-Effekt. Auch hier steckt die Raffinesse im Detail. Die untere Lage (in neongelbgrün) hat, von oben betrachtet, die Nähte "falsch herum". Beim Tanzen jedoch, wenn das Mädchen das Bein hebt, sieht man die "ordentliche", die Schau-Seite.

Die große hautfarbene Fläche lässt jede Menge Platz für Veränderungen. Denn auch das ist eine Leidenschaft von Mutter und Tochter: aus Vorhandenem etwas Neues machen. Allerdings erfordert das manchmal fast so viel Aufwand, wie ein Kostüm neu zu nähen. Ingrid Hahners Augen funkeln mit den Strass-Steinen des Kleides auf dem Wohnzimmertisch um die Wette. "Diese ganze freie Rückenpartie, da lässt sich wahnsinnig viel machen. Ideen habe ich genug!"


Näharbeit im Koffer

Wenn sie weit weg von Deutschland ist, hat sie Bastel-Arbeit im Koffer. "Die Ärmel zum Beispiel sind federleicht, die packe ich ein und bemale sie nach Feierabend, dort, wo ich gerade bin. Den Kopfschmuck mache ich auch so nebenbei, zur Entspannung."

14 Kleider sind fertig, vier in Produktion. 14 ist auch die Zahl der Tänzerinnen in der TSV-Jugendgarde, die 2015 die bayerische, die deutsche und die Europameisterschaft gewonnen hat. Der Gruppe gehören jedoch 20 Mädchen im Alter von zwölf bis 18 Jahren an.

Nicht jeder Symphoniker spielt jedes Konzert - und nicht jede Sportlerin kann bei jedem Auftritt dabei sein. Sollten mehr Tänzerinnen zur Verfügung stehen als Plätze in der Choreographie, entscheidet die Trainerin (Christine Goppert). Das ist im Tanzsport nicht anders als im Fußball.

Bei der Kostümgestaltung haben die Macherinnen das letzte Wort. "Die Mädchen schicken Bilder und Vorschläge und es wird beratschlagt. Aber letztlich sind wir's, die es umsetzen müssen", sagt Ingrid Hahner, die für ihre Entwürfe immer das im Blick behält, was im Tanzsport und der Rhythmischen Sportgymnastik gerade angesagt ist.
Aufwändig ist die Herstellung der Kostüme und aufwändig die Pflege. "Jedes einzelne wird von Hand gewaschen", erzählt Anna-Elisabeth Hahner. "In der Badewanne. Ich stehe die ganze Zeit daneben und muss aufpassen, dass die Farben nicht verlaufen. Das hatten wir nämlich auch schon mal.

Dann wird kurz angeschleudert und das Kleid auf dem mit Handtüchern ausgelegten Wäscheständer ausgebreitet." Sie schmunzelt: "Würde man es auf dem Bügel trocknen, könnte es so lang wie die Tänzerin werden, denn ein schwerer, nasser Rock zieht das dehnbare Gewebe zu sehr auseinander."


Ein ganzes Zimmer für die Kostüme

Während der Faschingssaison sind die Kostüme bei den Tänzerinnen, den Rest des Jahres im Hause Hahner. In mit Namen beschrifteten Kleiderhüllen füllt die Auftrittskleidung vierer Scheßlitzer Garden ein ganzes Zimmer. Die Kleider werden auf links gedreht und die Zwicker des Bügels am Rockteil angebracht.

Premiere hatte das neue Jugendgarde-Outfit an Silvester, als die Gruppe für Auftritte in zwei Hotels im Bamberger Raum gebucht war. Ingrid Hahner ist von der asymmetrische Musterung ihrer Kreation, einem sogenannten Polka-Kleid, immer noch ganz begeistert. "Wenn damit zwei Gruppen aufeinander zutanzen, sieht der Zuschauer gewissermaßen zwei völlig verschiedene Kostüme". Fern-Wirkung eben.

Wer freut sich am 11.11. nicht schon auf die Kultsendung "Fastnacht in Franken"? Hier geht's zu unserem Quiz:



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