Bamberg
Stalking

Stalking in Bamberg: 242 Verstöße - Ex-Freund muss ins Gefängnis

242 Mal hat ein 52 Jahre alter Bamberger gegen eine Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz verstoßen. Jetzt soll er für 15 Monate in Haft.
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Eine Frau beobachtet auf diesem Symbolfoto durch eine Jalousie nach einem Stalking-Anruf die Straße vor ihrer Wohnung.  Foto: Jens Büttner, dpa
Eine Frau beobachtet auf diesem Symbolfoto durch eine Jalousie nach einem Stalking-Anruf die Straße vor ihrer Wohnung. Foto: Jens Büttner, dpa
"Der Kampf um sein Kind ist zu seinem Lebensinhalt geworden, und die Folgen nimmt er bewusst in Kauf." Was Landgerichtsarzt Walter Bogner in seinem Gutachten über den 52 Jahre alten Bamberger Peter L. (Name von der Redaktion geändert) dem Gericht mitteilte, war an insgesamt drei Verhandlungstagen auch für Laien leicht erkennbar gewesen: Der Angeklagte lässt sich selbst durch Anordnungen des Familiengerichts, polizeiliche Vernehmungen und Vorladungen zu drei Strafprozess-Terminen nicht von seinem Weg abbringen.


Elf Mal in die Amalienstraße

Dabei darf das Wort "Weg" durchaus wörtlich verstanden werden: Sein Weg nämlich führte den im Berggebiet wohnenden arbeitslosen Steuerungstechniker in den letzten Monaten oft mehrfach am Tag in den Hain, wo er sich vor dem Haus seiner ehemaligen Lebensgefährtin lautstark bemerkbar machte. Er passte die Frau und den gemeinsamen Sohn aber auch an anderen Orten ab - beispielsweise vor dessen Schule, so dass sich die Mutter gezwungen sah, das Kind in einem anderen Schulsprengel unterrichten zu lassen. Mit dem ständigen Auflauern und Telefonieren - bis zu elf Mal an einem Tag hat er die Ex-Freundin und das Kind belästigt - verstieß er gegen die richterliche Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz, den beiden nicht näher als 100 Meter zu kommen.


Listenweise Belästigungen

Zwischen dem 16. September 2016 und dem 13. März 2017 waren das insgesamt 242 unerlaubte Annäherungen, die vom Opfer auf Anraten der Polizei schriftlich dokumentiert worden sind. Die Fälle sind von der Staatsanwaltschaft auf vier verschiedene Anklagen aufgeteilt worden.

Die als Zeugin vernommene Polizeibeamtin sagte am Mittwoch auf Frage von Amtsrichterin Christine Schäl, der Fall sei auf ihrer Dienststelle "einzigartig", was die Häufung der Verstöße anbelange. Peter L. sei unbelehrbar. Er habe sich von keiner Anordnung, keinem Gerichtstermin abhalten lassen, weiterzumachen. Eine leichte Besserung sei erst ab Anfang April eingetreten, als die Polizei seine beiden Fahrzeuge - einen Ford Transit und ein Motorrad der Marke BMW - beschlagnahmt habe.

Laut Gutachter Walter Bogner verlief der Lebensweg des Angeklagten völlig unauffällig - bis zum Jahr 2014, als er plötzlich aufhörte, zu arbeiten. "Seitdem kämpfe ich um meinen Sohn", sagte er dem Arzt.
Der Sohn sei zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. Spreche er von ihm und der Situation, zitterten seine Hände. Der Angeklagte stehe subjektiv unter einer großen Belastung, er habe Schlafstörungen, bekomme den Kopf nicht frei. Er sei aber vollständig orientiert; die Folgen nehme er bewusst in Kauf. Den richterlichen Beschlüssen ordne er sich nicht unter‚ vielmehr sehe er sich selbst als das Opfer.

Staatsanwalt Christian Schorr erläuterte in seinem Plädoyer, dass jeder einzelne Fall für sich genommen nicht gravierend sei, "wohl aber die Häufung". Er beantragte eine Gesamtstrafe von einem Jahr und vier Monate und lehnte es ab, die Freiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen: Dass der Angeklagte zurzeit ein wenig Ruhe gebe, hänge allein mit der Beschlagnahmung seiner Fahrzeuge zusammen. Prinzipiell aber "wird das so weitergehen, weil er sich nicht im Griff hat".

Der Anwalt der als Nebenklägerin am Verfahren beteiligten Ex-Lebensgefährtin, Franz-Josef Schick, zitierte aus einem Artikel in der "Zeit": Seit dem Jahr 2007, als Stalking unter Strafe gestellt wurde, seien bei bundesweit 19 704 angezeigten Fällen nur 158 Täter verurteilt wurden. "Das heißt, 99 Prozent aller Stalker kommen davon. Das darf bei Peter L. nicht passieren!"


Angeklagter sieht sich als Opfer

Der Angeklagte habe vorsätzlich und bewusst Hunderte Male gegen richterliche Anordnungen verstoßen. Kurios dabei sei, dass er sich als Opfer sehe, obwohl er sein Kind einmal im Monat hätte treffen dürfen. Doch seit Januar 2016 habe er keinen dieser Termine mehr wahrgenommen. Schick schloss sich dem Antrag des Staatsanwalts an.

Rechtsanwalt Thomas Drehsen ist inzwischen der dritte Strafverteidiger von Peter L. Anders als seine Vorgänger scheint er den Angeklagten besser im Griff zu haben: L. folgte seinem Ratschlag, vor Gericht zu schweigen. Dessen Redebeiträge hatten in den beiden vorangegangenen Hauptverhandlungen jedes Mal zu leicht chaotischen Verhältnissen geführt.
Gegen die erdrückenden Fakten konnte aber auch Drehsen wenig ausrichten. "Ich kann nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass sich irgendwann die Wogen glätten." Einen Antrag stellte er nicht. Richterin Christine Schäl betonte, dass sie keine Familienrichterin sei, sondern allein darüber zu urteilen habe, ob Peter L. sich strafbar gemacht habe oder nicht. Und das habe er zweifelsohne, wie er es in der durch seinen Verteidiger abgegebenen Erklärung habe wissen lassen. Ihr Urteil folgte mit einem Jahr und drei Monaten Haft im Wesentlichen dem Antrag von Staatsanwaltschaft und Nebenklage. Für sie ist es "zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen, eine Bewährungsstrafe auszusprechen."
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