Es mutet wie ein Wunder an, ist zumindest wunderbar umgesetzt worden und kann nur begrüßt werden. Zeitgenössische Kunst im sakralen Raum, im Dom? Bereits zum dritten Male innerhalb einer Dekade trifft auf dem Domberg Kunst der Vergangenheit auf Kunst der Gegenwart. Bis in den frühen November hinein sind dort 35 Arbeiten eines guten Dutzend zeitgenössischer Künstler zu bestaunen. Der ehemalige Direktor des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, Bernd Goldmann, hat die Ausstellung mit viel Geschmack und großem Engagement kuratiert und etliche Ehemalige an die Regnitz zurückgeholt.

Eine Einladung an die Besucher, sich wieder mehr und intensiver mit den im Dom über Jahrhunderte hinweg beheimateten Kunstwerken zu befassen, sei das, sagte Erzbischof Ludwig Schick. Mit der Ausstellung "Gegenüber" setze man ein Zeichen, dass "Kunst nicht am Ende ist, sondern weiter geht, weiter geschaffen wird, auch religiöse Kunst". Kunst solle nicht provozieren, aber doch "provocare", etwas "in uns hervorrufen, etwas in uns neu wecken". Das Religiöse im Menschen, das Spirituelle, das Nachdenken über das, was Gott den Menschen gibt und schenkt, möge über die Auseinandersetzung mit der der Zeit gemäßen Kunst herausgeholt und herausgefordert werden.

So können auch die "angestammten Kunstwerke neu gesehen werden". Beispielsweise der Bamberger Reiter, dessen Blick sich mit dem der marmornen Skulptur "Awilda in Bamberg", einer jungen Schönen, 2012 von Jaume Plensa geschaffen und 201x146x48 Zentimeter groß, trifft. Oder auch der lachende Engel an den Pfeilern der nördlichen Chorschranken, dem der gleichfalls in diesem Jahr entstandene "bamberger engel" - gebrannter Ton, bemalt in leuchtendem Orange, Styrodur - ein Gegenüber ist und dem sich ein vergoldetes Mobile, ebenfalls von Volker März, anschließt ("5 stürzende engel", 2012).

Hommage an Pina Bausch


Da ist aber auch, in der Ostkrypta, das "Stundenbuch" von 2002 mit Versen des Predigers Salomon von Robert Schwarz, dem "Maler unter den Druckern" (Goldmann), da ist, nur wenige Schritte weiter und aus gebranntem Ton gefertigt, die Hommage an die unvergessene Tänzerin Pina Bausch, wiederum von Volker März, da ist Ben Willikens‘ "Raum 724 Black Last Supper", im Vorjahr entstanden, in Schwarz- und Grautönen gehalten. Damit greift Willikens, der gebürtige Leipziger, ein Thema auf, mit dem er sich schon vor Dekaden befasst hat. Der Abendmahlstisch ist ungedeckt, was den Betrachter bedrücken mag, vielleicht sogar bedrücken soll. Und zur Auseinandersetzung mit dem "angestammten" Mühlhausener Altar anregt.

Möglichkeiten, mit der alten wie der frischen Kunst in Dialog zu treten, bieten sich im Heinrichsdom derzeit zuhauf. In den "Dialog I" (des ehemals in Nürnberg am Meistersinger-Konservatorium lehrenden Hans-Ludwig Schilling) traten bei der Ausstellungseröffnung auch der nahezu genialische Saxophonist Christian Reinhard und Karl-Heinz Böhm an der Orgel.