Bamberg

So landet ein Kind im Müll: Sozialstudie

Was soll mit einem 15-jährigen, vergewaltigten Mädchen geschehen, das ein Neugeborenes wegwirft? In ihrem Roman "Abfall" stellt Nicole Eick die Verantwortung der Gesellschaft auf den Prüfstand.
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Nicole Eick mit ihrem Buch: Die verschiedenen Arbeitsfelder, auf denen sie als Sozialpädagogin tätig war und ist, hat sie darin miteinander verwoben. Foto: Helke Renner
Nicole Eick mit ihrem Buch: Die verschiedenen Arbeitsfelder, auf denen sie als Sozialpädagogin tätig war und ist, hat sie darin miteinander verwoben. Foto: Helke Renner
Kathrin ist dick, da fällt die Schwangerschaft kaum auf. Und sie will das Kind nicht, das da in ihrem Bauch wächst. Denn gezeugt hat es ihr Stiefvater Karl, Charly genannt, der immer über die 15-Jährige herfällt, wenn die Mutter zum Putzen geht. Das Baby muss weg, niemand soll es zu Gesicht bekommen, auch Charly nicht, der sich schon auf "Frischfleisch" freut. Also bringt Kathrin das kleine Mädchen, das später den Namen Karla bekommt, auf der Toilette zur Welt und wirft es anschließend in den Müll. Dort findet es der Tippelbruder Kalle, der die Container im Freienhausener Stadtteil Hochfeld regelmäßig nach Brauchbarem durchsucht. Er rettet dem Säugling das Leben, bringt ihn ins Sudhaus, die Anlaufstelle für soziale Außenseiter.

Es ist das geballte Grauen, das Nicole Eick ihren Lesern gleich auf den ersten Seiten ihres Buches "Abfall" zumutet. Zu Recht, denn sie weiß: Die Realität ist genau so - wenn nicht sogar noch grausamer. Die Autorin kennt all die Geschichten, die sie in ihrem Roman zu einer zusammengefasst hat. Sie hatte nach ihrem Sozialpädagogik-Studium in Bamberg unter anderem bei der Schwangeren-Konfliktberatung von Donum Vitae in der Domstadt gearbeitet und hier die Mädchen vor sich sitzen, die selbst noch Kinder waren. Sie kennt die Angst der Frauen, die einem gewalttätigen Partner nicht Einhalt gebieten können und all die Folgen, die das auch für Kinder hat.


Nahe bei den Personen

"Ich wollte möglichst nahe bei den Personen in meinem Buch sein. Deshalb lasse ich sie selbst erzählen", sagt Nicole Eick. In der Tat, das macht die Geschichte noch eindringlicher. Die Frage, welchen Wert ein Menschenleben hat, untersucht die Autorin anhand von drei parallel laufenden Frauengeschichten."Jede der drei Frauen beschäftigt sich auf andere Weise mit dem Thema." Da ist Kathrin, die für ihre Mutter Luft, für den Stiefvater Dreck und für die Mitschüler die "blöde Sau" ist. Sie hasst sich selbst und kann darum auch ihr Kind nicht lieben.


Die Suche nach Liebe

Und da ist Maggy, die Chefin vom Sudhaus. Auch sie war schwanger, verlor ihr Kind und später auch den Mann. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Familie, verguckt sich in den Praktikanten Oli - und scheitert. Dass sie dennoch von ihm ein Kind bekommt und es selbstbewusst mit ihm aufzieht, ohne mit dem Mann zusammenzuleben, macht Mut. Auch das hat Nicole Eick erlebt.

Schließlich Irene Ruppricht, die Kommissarin. Sie leitet die Sonderkommission Karla und sucht nach der Frau, die ihr Kind einfach weggeworfen hat. Es ist Polizeiarbeit, aber Irene Ruppricht treibt noch etwas anderes um: Findet sie die Täterin nicht, dann wird das Kind weder Mutter noch Vater kennen. Erinnerungen an die eigene Kindheit kommen hoch. Und es wird ein wenig verständlich, warum die Polizistin so spröde und auf ihre Arbeit fixiert ist, keine Gefühle zulässt.

Die Personen, um die Nicole Eick ihre Geschichte verdichtet, sind allesamt Kinder eines Umfeldes, das sie zu dem macht, was sie sind. Für Kathrin, ihre Mutter, den Stiefvater und die Mitschüler der 15-Jährigen ist es der Stadtteil mit seinen Wohnblocks und Hochhäusern, den "Bienenstöcken", wie die Autorin sie nennt. Es ist der Teufelskreis aus Hartz IV, Alkohol und Perspektivlosigkeit, den Maggy und Oli mit dem Sudhaus-Angebot zu durchbrechen versuchen. Sie schaffen es hier und da. Doch Kalle wird der obdachlose Tippelbruder bleiben, Billyboy der Stricher und Kathrins Mutter die Putzfrau, die sich immer wieder mit Männern einlässt in ihrer Sucht nach Liebe.


Scheinheiligkeit

All dem steht die scheinheilige Welt der Moralprediger gegenüber - bei Nicole Eick verkörpert durch Britta und Robert Sünkel, die seit Jahren erfolglos versuchen ein Kind zu adoptieren. Dass sie für das feine Freienhausen die Einrichtung eines Moseskörbchen initiieren, ist reiner Selbstzweck. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel. Wobei die Bezeichnung Moseskörbchen lediglich ein Euphemismus für Babyklappe ist.

"Ich bin selbst skeptisch, was die Babyklappe betrifft", betont Nicole Eick. Sie weiß, Frauen in Notsituationen können oft nicht rational handeln. "Mit der Einrichtung von Babyklappen ist die Zahl der Kinderaussetzungen nicht zurückgegangen."

Doch die Autorin will nicht moralisierend wirken. "Es soll über solche Dinge gesprochen werden", sagt sie zum Anliegen ihres Buches. Mehrere Jahre hat sie daran geschrieben. Das erste Kapitel existierte schon als Kurzgeschichte. Dann wollte sie selbst wissen, wie es weitergeht. "Es war, als ob ich die Personen selbst kenne." Das Schwierigste sei die Suche nach einem Verlag gewesen.

Dabei ist Nicole Eick keine literarische Debütantin. Sie hat bereits Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Aber an einem Buch zu arbeiten, habe schon eine ganz andere Qualität. Die ihr gefällt. "Ich möchte am liebsten ganz lange mit meinen Geschichten zu tun haben." Deshalb denkt sie jetzt auch schon über ein neues Buch nach.

Biografie Nicole Eick wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Im Alter von elf Jahren begann sie bereits zu schreiben. Sie war zwölf, als ihr erster Roman fertig war. Er blieb unveröffentlicht. Nach dem Abitur studierte Nicole Eick Sozialpädagogik in Bamberg. Ihre beruflichen Stationen waren das Frauenhaus Coburg, die Schwangeren-Konfliktberatung Donum Vitae in Bamberg und schließlich der klinische Sozialdienst des Klinikums, wo sie heute noch als Leiterin tätig ist. Die Autorin arbeitet in der VHS-Schreibwerkstatt weiter an ihren Fähigkeiten und ist Mitbegründerin der Coburger Autorengruppe "Schreibsand".

Buch Nicole Eick: "Abfall", EWK-Verlag, Elsendorf 2012, ISBN978-3-938175-78-1, 356 Seiten, 23,80 Euro.
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