Bamberg

"Die Schulen brauchen etwas Ruhe"

Schulamtsdirektorin Barbara Pflaum geht Ende des Jahres in Ruhestand und wird heute von Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz verabschiedet.
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Barbara Pflaum in ihrem Arbeitszimmer, das sie Ende des Jahres verlassen wird. Foto: Barbara Herbst
Barbara Pflaum in ihrem Arbeitszimmer, das sie Ende des Jahres verlassen wird. Foto: Barbara Herbst
"Uhren kann man nicht immer nur aufziehen. Man muss sie auch mal laufen lassen." Barbara Pflaum zitiert sinngemäß den Schul- und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi, wenn sie nach ihrem größten Wunsch für die Zukunft der Schulen gefragt wird. Und sie schickt eine Frage hinterher: "Warum müssen wir immer so viel Hektik machen?"

Die Schulamtsdirektorin, die zum Ende des Jahres aus ihrem Amt an der Spitze der Staatlichen Schulämter im Landkreis und in der Stadt Bamberg ausscheidet und heute von Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz verabschiedet wird, wünscht sich für alle Kollegen, nicht immer ständig "in Atem gehalten" zu werden, sondern in Ruhe umsetzen zu können, was sie selbst für richtig erachten. Allein für die Umstellung auf die beiden neuen Lehrpläne in den Grund- und Mittelschulen sei viel Energie erforderlich. "Man muss den Lehrern die Chance geben, das auch gut umzusetzen."


"Bloß keine Panik"

Ihr zweiter Wunsch ist es, den Übertritt ans Gymnasium stressfreier zu gestalten. Eine Reihe an festen Vorgaben - beispielsweise die Zahl der zu benotenden Schularbeiten in der vierten Klasse - bewirke leider das Gegenteil. Der Lehrer sollte stattdessen stärker als Berater für die weitere Schulkarriere fungieren, damit jedes Kind die Ausbildungsform findet, die am besten zu ihm passt. Den Eltern empfiehlt sie, "bloß keine Panik" zu bekommen, wenn ihrem Kind nicht das Gymnasium, sondern die Mittelschule empfohlen wird.

Das inzwischen sehr durchlässig gewordene Schulsystem biete gute Chancen für alle. Das zeige sich allein an der Tatsache, dass etwa die Hälfte der Studierenden heute nicht mit einem klassischen Abitur vom Gymnasium kommen, sondern von anderen weiterführenden Schulen wie den Fachober- oder den Berufsoberschulen. Große Unterstützung gebe es inzwischen auch von der Wirtschaft, die Schülern mit Schnuppertagen und Praktika helfe, den für sie passenden Beruf auszuwählen.


Mittelschule hat sich stabilisiert

Barbara Pflaum bricht hier eine Lanze für die Mittelschule, die es zu erhalten und zu stärken gelte - sowohl als Schulart als auch an den bisherigen Standorten. Sie freut sich, dass viele Eltern mittlerweile vom Wert der Mittelschule überzeugt sind und deren Ansehen in den letzten Jahren gewachsen ist. Sie begrüßt auch, dass sich die frühere "Elternarbeit" in eine "Erziehungspartnerschaft" gewandelt hat. Auf der Basis gegenseitigen Respekts und mit Lehrern, die sich mehr und mehr als Berater verstünden, ließen sich die Zukunftschancen von Schülern am besten ausloten.

Und was macht nun eine Schulrätin genau? "Meine Aufgabe war es, die richtigen Menschen an den richtigen Platz zu bringen", fasst Barbara Pflaum zusammen. Sie war als fachliche Leiterin des vierköpfigen Teams von Schulräten unter anderem für die Aufsicht der Schulen und die Schulberatung zuständig sowie laut Geschäftsverteilungsplan für die Grund- und Mittelschulen in der Stadt und den Unterricht für ausländische Kinder.

Sie musste für genügend Personal an den Schulen sorgen und dabei die Balance zwischen Pädagogik und Ökonomie halten. Bei dem derzeitigen Lehrermangel war das eine der schwierigsten Aufgaben, denn die seit Jahrzehnten zu beobachtende Wellenbewegung beim Angebot an Grund- und Mittelschullehrern hat gerade wieder einmal ein tiefes Tal erreicht. "Wir machen zur Zeit Kopfstände." Es stünden zwar 40 Namen auf der Reserveliste, aber bei 40 Schulstandorten in Stadt und Land mit insgesamt 60 Grund- und Mittelschulen sei das trotzdem sehr knapp. Bei der Personalzuteilung ist ihre Behörde von der Zuweisung der Regierung abhängig. Sie könne nur appellieren, dem Lehrermangel schnellstmöglich zu begegnen. Laut Pflaum werden bereits arbeitslose Gymnasiallehrer eingestellt und Umschulungsmaßnahmen angeboten.

Die Schulamtsdirektorin kommt selbst aus einer Lehrerfamilie. Ihr Vater unterrichtete als Einzellehrer an der Wildensorger Volksschule 60 Schüler in acht Jahrgangsstufen! Sie wusste also, was sie erwarten kann, als sie 1974 ihre erste Stelle in Priesendorf antrat. Mit 22 Jahren war sie damals nur neun Jahre älter als ihre Schüler. Als Mitglied eines sehr kleinen Kollegiums musste sie gleich bei der Erstellung von Stunden- und Busfahrplänen mitarbeiten, wurde früh mit organisatorischen Arbeiten betraut. In Priesendorf, aber auch später an der Domschule, wo sie ab 1977 arbeitete, lernte sie, wie wichtig gegenseitige Unterstützung ist. Als ihre beiden Kinder geboren waren und sie diese in der Großfamilie gut versorgt wusste, entschied sie sich "gegen den Trend" und beschloss, ohne Pause weiterzuarbeiten.


Selbst entscheiden

Barbara Pflaum will keineswegs als "Verfechterin dieser einen Seite" angesehen werden, sondern nur zum Ausdruck bringen, dass jede Frau im Hinblick auf Beruf und Familie selbst entscheiden muss, was für sie gut und richtig ist. "Für mich war das Weiterarbeiten ein guter Weg." Ab 1990 leitete sie ein Grundschulseminar, um, wie sie schmunzelnd zitiert, den angehenden Lehrern "theoretisch-fundierte Praxis" zu vermitteln. Als die Kinder groß und aus dem Haus waren, stellte sie sich einer neuen Herausforderung: 2009 wechselte sie ins Schulamt und wurde 2012 dessen fachliche Leiterin. Mit drei Kollegen teilte sie sich die umfangreichen Aufgaben.
Was würde Barbara Pflaum in einem noch höheren Amt anders machen? "Wenn ich Kultusministerin wäre, finge die Schule um 9 Uhr an. Seit 42 Jahren lebe ich gegen meine Natur." Das wird nun anders werden, wenn jene Dinge, die bisher zu kurz gekommen sind, mehr Raum gewinnen: Lesen, Reisen, Gartenarbeit und bestimmt noch einiges andere, von dem sie sich überraschen lassen möchte.
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