Bamberg
Flüchtlinge

Demo in Bamberg: "Schluss mit dem Flug in den Tod"

Rund vier Stunden dauerte die Demonstration gegen die Rückführungen von Afghanen in ihr Heimatland am Samstag in Bamberg.
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Bis zu 800 Demonstranten wiesen am Samstag auf das brisante Flüchtlings-Thema hin. Foto: Andreas Thamm
Bis zu 800 Demonstranten wiesen am Samstag auf das brisante Flüchtlings-Thema hin. Foto: Andreas Thamm
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An die vier Stunden lang stand am Samstag die Abschiebung von Flüchtlingen nach Afghanistan im Fokus. Im Zuge eine Demo widmeten sich (nach Angaben der Veranstalter) rund 800 Menschen diesem Thema. Nach Schätzungen der Polizei sollen zeitweise bis zu 600 Teilnehmer die Kundgebung unterstützt haben. Veranstalter waren "Freund statt Fremd" gemeinsam mit dem Netzwerk für Bildung und Asyl. Die GAL und der Bayerische Flüchtlingsrat trugen den Aufruf mit.

Ahmad Mohamadi ist erst 21 Jahre alt, wirkt aber deutlich älter. Seit fünf Jahren lebt der Afghane in Bamberg, er spricht flüssiges Deutsch. Anfang des Jahres musste er sich von einem Landsmann verabschieden, der ebenfalls in Bamberg untergekommen war: Atiqullah, einer von fünf "Bamberger" Afghanen, die abgeschoben wurden. Zwei Wochen später wird Atiqullah bei einem Anschlag in Kabul verletzt.


"2016 war das schlimmste Jahr für Afghanistan"

"Jetzt will er wieder fliehen", sagt Ahmad Mohamadi im Rahmen der Demonstration am Samstagnachmittag in Bamberg, "vielleicht wieder nach Deutschland, wo er sicher war." Viele Afghanen hätten Angst vor demselben Schicksal. "2016 war das schlimmste Jahr für Afghanistan." Es ist gleichzeitig das Jahr, in dem die Bundesrepublik damit beginnt, Menschen genau dorthin abzuschieben.

Afghanistan ist ein Bürgerkriegsland. Im Jahresbericht der Vereinten Nationen ist von 11 418 getöteten Zivilisten im Jahr 2016 die Rede, ein neuer Höchststand. Folgerichtig spricht das Auswärtige Amt eine Reisewarnung aus: "In ganz Afghanistan besteht ein hohes Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden", steht da. Ganz Afghanistan. Laut Innenminister Thomas De Maizière existieren "sichere Gebiete".


Breite Front

Eine breite bürgerliche Front widerspricht dieser Auffassung am Samstagnachmittag in Bamberg. Zur Demonstrationen gegen Abschiebungen nach Afghanistan hatte der Verein "Freund statt Fremd" gemeinsam mit dem Netzwerk für Bildung und Asyl aufgerufen. Weitere Gruppen, darunter Amnesty International, die GAL Bamberg und der Bayrische Flüchtlingsrat, schlossen sich dem Aufruf im Vorfeld an.

Etwa 300 bis 400 Demonstranten versammeln sich gegen 13 Uhr am Bahnhof, darunter viele, vor allem junge Afghanen, die selbst fürchten müssen, einen Ablehnungsbescheid zu bekommen. Die Zahl der abgelehnten Asylanträge steigt.

Martin Jansen von Freund statt Fremd nennt die seit Dezember vergangenen Jahres stattfindenden Abschiebungen "eine schwerwiegende Verletzung grundlegender ethischer Werte, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Sie seien nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch schlicht illegal. Schließlich steht im Aufenthaltsgesetz der Bundesrepublik: "Ein Ausländer darf nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem ihm ernsthafter Schaden droht."


Textintensives Thema

Das Thema ist textintensiv. Neben Jansen und Mohamadi spricht zudem Yunus Ziyal, noch bevor sich der Demonstrationszug überhaupt in Bewegung setzt. Der Rechtsanwalt erzählt von einem "Ablehnungshagel" seit Anfang des Jahres. Dabei werde von den Entscheidern nicht länger differenziert: "Es trifft Minderjährige, Familien und vollständig Integrierte." 300 000 Euro koste eine Abschiebmaschine. Ziyal findet: "Das ist auch ökonomisch völlig sinnlos und ein Kniefall vor Wählern von AfD und CSU."

Dann, endlich walzt die Menge los, allen voran das Transparent mit der Aufschrift "Afghanistan ist nicht sicher. Abschiebung stoppen." "Schluss mit dem Flug in den Tod" und "Abschiebung nach Afghanistan ist Mord", ist auf anderen zu lesen.

Das Thema ist längst emotional aufgeladen. Viele Bamberger haben afghanische Flüchtlinge kennengelernt, zum Teil über die ehrenamtliche Arbeit. Sie wollen nicht einsehen, dass ihnen die Rückführung droht.

Die Demonstration führt über die Luitpoldbrücke und durch den engen Heinrichsdamm. Auf der Kettenbrücke wächst sie weiter an, bevor es in die Fußgängerzone geht. Am Maxplatz folgen weitere Reden.

Katharina Rackerseder vom Bayerischen Flüchtlingsrat weist darauf hin, dass einige Bundesländer, zum Beispiel Schleswig-Holstein, bereits einen Abschiebungsstopp beschlossen haben. Die abschiebungsfreudige Haltung der bayrischen Landesregierung sei "zynisch, menschenverachtend", und "wahlkampfpolitischer Opportunismus."

Obst, Gemüse und Blumen am Grünen Markt bleiben trotz der vorbeidemonstrierenden Menschenmenge unbeschadet. In der Langen Straße rufen die Veranstalter Passanten vom Wagen aus auf, sich anzuschließen. Die Organisatoren sprechen von mittlerweile 800 Demonstranten.


Drei Kilometer lange Strecke

Über drei Kilometer legen diese am Nachmittag insgesamt zurück. Durch die Kapuzinerstraße und zum Markusplatz, wo die Menge wieder ein wenig ausdünnt, dann zurück zum Gabelmann, dort findet die Abschlusskundgebung statt. Fast vier Stunden dauert die Demonstration insgesamt. Es ist den Veranstaltern gelungen, eine breite Öffentlichkeit zu mobilisieren. Einmal mehr zeigt Bamberg damit ein freundliches Gesicht.


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