Rein wirtschaftlich betrachtet steht die Bamberger Sozialstiftung mit ihren Kliniken und Altenheimen besser da als je zuvor. Im Jahr 2011 wurde mit ca. acht Millionen Euro ein Rekordgewinn erzielt.

Doch Xaver Frauenknecht, der Mann, der das Haus seit 2004 führt und vom Verlustbringer zum hochprofitablen Unternehmen gemacht hat, sieht sich überraschend Kritik aus dem Bamberger Stadtrat gegenüber. Die Grünen möchten, dass Frauenknecht abgelöst und die Position des Vorstands ausgeschrieben wird. "Wir glauben, dass die Superzahlen auf dem Rücken der Patienten und des Personals erreicht wurden. Es wurde in den letzten Jahren nicht auf das Menschliche geschaut, sondern viel verbrannte Erde hinterlassen", sagt Wolfgang Grader.
Gleichzeitig mit der Neuausschreibung der Spitzenposition fordert die GAL eine Neuorientierung der Sozialstiftung. "Die wirtschaftliche Hülle ist in Ordnung. Nun müssen wir in Zukunft darauf achten, dass wieder die Mitarbeiter und die Menschen im Mittelpunkt stehen", sagt Stiftungsrätin Ulrike Heucken.

In ihrer Kritik an den derzeit herrschenden Verhältnissen berufen sich die Grünen auf zahlreiche Rückmeldungen aus der Bevölkerung, aber auch auf den Brief "eines hohen Verantwortungsträgers des Klinikums an den Vorstand der Sozialstiftung". In dem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, ist von einer Zunahme der Patientenbeschwerden, von Verwechslung von Laborergebnissen und Medikamenten sowie Konfusion bei Blutentnahmen und insgesamt von "eklatanten Missständen" die Rede. Sie müssten in einer Krisensitzung mit den Chefärzten vorbehaltlos analysiert werden, heißt es in dem Brief.

Für die grüne Fraktionssprecherin Ursula Sowa sind das keine Einzelfälle. Sie spricht von "gravierenden strukturellen Problemen", die sich durch den harten Sanierungskurs der letzten Jahre entwickelt hätten: "Die Sozialstiftung ist nicht mehr sozial, sondern ausschließlich gewinnorientiert nach dem Grundsatz: Immer mehr, immer größer, immer neuer, immer technischer. Dabei geht die Menschlichkeit verloren", stellt Sowa fest.

Xaver Frauenknecht sieht die Dinge ganz anders. Die Sozialstiftung ist für ihn eine "Erfolgsgeschichte", die er gerne weiterführen würde. Beispiel Behandlungen. Seit 2004 wuchs die Zahl der stationären Patienten von 32 000 auf 44 000. Gleichzeitig hat sich die Zahl der ambulant behandelten Patienten von 28 000 auf 124 000 mehr als vervierfacht. Die Sozialstiftung ist zudem eine Jobmaschine: Fast 900 teils hochqualifizierte Arbeitsplätze wurden geschaffen, überwiegend in Pflege und ärztlichem Dienst. Und die Gewinne flossen vollständig zurück ins Haus. Seit 2004 wurden rund 149 Millionen Euro investiert. Man denkt über einen vierten Bettenturm nach. Das Magazin Focus, so kündigte Frauenknecht an, habe das Klinikum Bamberg unter 1000 Krankenhäusern als eines der 50 besten deutschen Krankenhäusern eingestuft. Eine Alternative zu einem gewinnorientierten Kurs sieht Frauenknecht im Unterschied zu den Grünen nicht. "Wir befinden uns als Gesundheitsunternehmen voll im Wettbewerb und können gar nicht anders, als marktgerechte Löhne zu zahlen." Nur mit einer Umsatzrendite über fünf Prozent sei die Sozialstiftung auf Dauer überlebensfähig. Andere Unternehmen würden 15 Prozent Umsatzrendite erwarten und dies durch Einsparungen beim Personal hereinholen.

Von "eklatanten Missständen", wie die Grünen darlegten, kann laut Frauenknecht keine Rede sein. Die in dem internen Brief angesprochenen Schwachpunkte seien mittlerweile geklärt und abgestellt worden. Dass in einem großen Haus Laborproben verwechselt worden seien, könne vorkommen, sagt Frauenknecht. Auch einen Fall, dass dem Begleiter eines Patienten Blut abgenommen wurde statt dem Patienten, kann Frauenknecht bestätigen.

Doch wie steht es mit den Vorwürfen, die Belegschaft sei hoffnungslos überlastet? Stimmt es, dass viele Mitarbeiter unter extrem gewachsenem Zeit- und Leistungsdruck leiden, wie die Grünen behaupten? Für Christian Ascherl von der Gewerkschaft Verdi gibt es keinen Zweifel, dass der Millionenertrag eines Unternehmens, das gar nicht auf Gewinn ausgerichtet sein müsse, ausschließlich auf dem Rücken der Mitarbeiter erwirtschaftet wurde. Die Ausgründung zahlreicher Gesellschaften habe zur Folge, dass viele Mitarbeiter nicht mehr nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes, sondern deutlich schlechter bezahlt würde. Vor allem geringer qualifiziertes Personal und vor allem Frauen seien davon betroffen, sagt Ascherl. Er fürchtet vor allem auch die Langzeitwirkung von Niedriglöhnen bei Beschäftigten der öffentlichen Hand: "Teilweise verdienen die Leute bei den Töchtern der Sozialstiftung unter neun Euro die Stunde. Selbst wenn sie damit bei einem Vollzeitjob gerade so über die Runden kommen, so bahnt sich hier doch Altersarmut an."

Bedauerlich findet es auch Personalratsvorsitzender Felix Holland, dass das Prinzip der Tarifbindung und des gleichen Lohnes für gleiche Arbeit durch Dienstleistungs- und Werkverträgen systematisch ausgehebelt werde. Was die Zufriedenheit der Mitarbeiter und der Patienten angeht, so formuliert Holland vorsichtig: "Das Verhältnis zwischen den wirtschaftlichen Zielen und den Arbeitsbedingungen ist nicht immer ausgeglichen. Das hat Einfluss auf die medizinische und die pflegerische Versorgung."

Unterstützung bekommt Frauenknecht von Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD): Er wirft den Grünen vor, angesichts einer erfolgreichen Bilanz völlig unangemessen schwere Geschütze aufzufahren: "Frauenknecht ist ein hervorragender Kapitän unserer Krankenhäuser. Er hat es geschafft, die Krankenhäuser trotz des allgemeinen Kostendrucks im deutschen Gesundheitswesen auf ein hohes Leistungsniveau zu führen. Das medizinische Angebot wurde verbessert, es wurde viel in den Standort Bamberg investiert." Der OB will mit Frauenknecht deshalb einen neuen Vertrag aushandeln und diesen dem Stadtrat Ende Juni zum Beschluss vorlegen. Obwohl auch Starke Verbesserungsbedarf beim Umgang mit dem Personalrat sieht, so hat er keine Zweifel, dass es eine Mehrheit für eine weitere Amtsperiode gibt: "Frauenknecht hat sehr gute Ergebnisse erzielt."

Dass die Grünen im Stadtrat eine Mehrheit finden, ist in der Tat unwahrscheinlich. Auf unsere Anfrage erklärte CSU-Chef Helmut Müller, dass die größte Fraktion die Arbeit Frauenknechts schätze, weil er der Stadt aus der Patsche geholfen habe. "Die Sozialstiftung hatte ein Minus von vier Millionen Euro und jetzt hat sie ein Plus. In dieser Situation können wir Frauenknecht nicht in die Wüste schicken."

Doch auch Müller räumt ein, dass der Erfolg der letzten Jahre eine Kehrseite hat. So sei der Umgang mit Mitarbeitern in der Sozialstiftung alles andere als sozial und stark verbesserungsbedürftig, schlussfolgert Müller aus vielen Gesprächen, die er mit Mitarbeitern und Patienten geführt habe. "Viele sagen mir, im Klinikum herrsche ein Klima der Angst."