Am Donnerstag wird der Film des Bamberger Filmemachers Ralph Kiening im Lichtspielkino gezeigt.

"Haben Sie auch eine liebliche Domina?", fragt Ingrid den Händler. Der greift dienstbeflissen ins Regal und zückt eine Flasche: "Die Welt dieses Weines ist aber trocken. Lieblich gibt's den gar nicht." "Dann ist es wohl auch nichts für mich", kontert die Kundin.

Die in einem Bamberger Geschäft gedrehte Szene hat Humor. Der Weinhändler weiß natürlich, wer da vor ihm steht: Ingrid U. - für Eingeweihte die Grande Dame der Sado-Maso-Szene. Keine professionelle Domina, sondern eine Erzieherin, Hausfrau und Mutter, die ihre Neigungen lange vor der sexuellen Revolution entdeckte. "Mein Mann und ich wussten gar nicht, was das ist oder wie das heißt. Alles begann 1960 mit harmlosen Fesselspielchen im Wald", erzählt Ingrid.

Erst jetzt - mit 72 Jahren - macht sie ihre Geschichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In einem als Dokumentarfilm angelegten, 70-minütigen Interview, das Ralph Kiening im Bamberger Jazzkeller und im Park von Schloss Seehof mit ihr führte; die DVD erscheint am 29. Juni. Kurz zuvor hat Ingrid auch ihre Kinder eingeweiht, die bislang nichts vom Doppelleben der Eltern wussten.


"Alles begann ganz brav"


Ein mutiger Schritt, den Kiening für wichtig hält: "Im Zeitalter des Internets können wir uns gar nicht vorstellen, wie das damals war." Was heute in kürzester Zeit möglich ist, erkundeten Ingrid und ihr inzwischen verstorbener Mann Schritt für Schritt in acht Jahren. "Alles begann ganz brav. Dann drängte er mich in die aktive Rolle. Das hat mir gefallen", berichtet die selbstbewusste Frau. Immer wieder betont sie, welch ein Geschenk es gewesen ist, diese Welt gemeinsam mit der großen Liebe ihres Lebens entdeckt zu haben.

Ingrid spricht offen: Dass sie erst mit 38 Jahren SM auch mit anderen Partnern erlebte; dass die Begegnung mit einem Sadisten zu ihren schlimmsten Erfahrungen gehört; dass sie ihre Sexualität lange bis auf ein Minimum reduzierte, weil die Bedürfnisse als krank hingestellt wurden; dass ihr Ehemann seine Neigung, daheim nur Damenkleidung zu tragen, erst auslebte, als die Kinder aus dem Haus waren.


Eine Peitsche für ihre Urne


Am Ende zeigt Ingrid eine Lederpeitsche - ihr "Lieblingsschmuckstückchen", das nach ihrem Tod in ihre Urne gelegt werden soll: "Es hat genau die richtige Größe!" Deutliche Worte, und doch ist das Gespräch zu keinem Zeitpunkt schlüpfrig oder obszön. "Wir haben nicht von ungefähr die FSK-Altersfreigabe ab 16 Jahren bekommen", freut sich Kiening, der keinen Aufklärungsfilm drehen, sondern "Meinung und Horizont" seiner Zuschauern erweitern wollte.

Über den Schweizer Musiker Carlos Peron, Mitbegründer der Band Yello, kam der 46-Jährige zu dem Filmprojekt, bei dem er nicht nur für Buch und Regie, sondern auch für die Musik verantwortlich zeichnet. Kamera, Schnitt und Produktion liegen in den Händen von Gerhard Stahl, Lehrbeauftragter an der Hochschule der Medien Stuttgart.


Morgen im Kino


Als Reminiszenz an den Drehort Bamberg wird der Film "Heute weiß es jeder" am Donnerstag um 20.30 Uhr im Lichtspielkino Bamberg zu sehen sein. Anwesend sind die Filmemacher Gerhard Stahl und Ralph Kiening sowie als Special Guest der Musiker Carlos Peron. Karten im Vorverkauf und an der Abendkasse.

Der in Bamberg und Höchstadt aufgewachsene Medienberater Kiening hat mit "Heute weiß es jeder!" seine erste Filmdokumentation herausgebracht. Als aktives Mitglied der SM-Szene und Begründer eines entsprechenden offenen Stammtisches in Bamberg weiß er, dass auch in der heutigen Zeit das Thema Grenzen berührt: "Ich habe schon zwei Arbeitsstellen verloren, weil ich mich zur Szene bekannte", berichtet der 46-Jährige. Nach der Filmarbeit steht er noch selbstbewusster zu seinen Neigungen: "Ich habe mich noch nie so unendlich frei gefühlt."

Der Begriff: Sadomasochismus ist laut Internet-Lexikon Wikipedia eine Form von Lust oder Befriedigung durch die Zufügung oder das Erleben von Schmerz, Macht oder Demütigung.