Bamberg
Literaturfestival

Rüdiger Safranski denkt in Hallstadt über die Zeit nach

Seine Lesung vor den Toren Bambergs war für den E.T.A.-Hoffmann-Biografen Rüdiger Safranski fast ein Heimspiel.
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Rüdiger Safranski bei seinem Auftritt im Hallstadter Kulturboden  Foto: Matthias Hoch
Rüdiger Safranski bei seinem Auftritt im Hallstadter Kulturboden Foto: Matthias Hoch
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Weder stockte die Zeit, noch zog sie sich unerträglich lange hin. Die nicht selten sogar körperlich schmerzende Erfahrung des reinen Zeitvergehens blieb am Donnerstagabend den Besuchern des Hallstadter Kulturbodens deshalb auch erspart; mit gleichem Recht ließe sich aber sagen: Es blieb ihnen verwehrt.

Denn erst in der Langeweile, diesen Schluss jedenfalls formuliert der Philosoph und Bestsellerautor Rüdiger Safranski in seinem aktuellen Buch "Zeit", kommt die Zeit zu sich und lässt sich fassen.
Dann zieht sich die Zeit wie Kaugummi, dann reiht sich eine schier endlose Sekunde an die nächste. Gemessen an den körpersprachlichen Signalen, die gelangweilte Menschen auszusenden pflegen, ist am Donnerstagabend indes nur wenigen Menschen die Zeit unerträglich lang geworden. Lediglich ein einziger Zuschauer verließ vor der Zeit den Saal, nur wenige widmeten ihre Aufmerksamkeit lieber dem Smartphone als dem Geschehen auf der Bühne.

Dort saß, stand und las Safranski. Vor allem aber dachte er nach, über die Zeit und die Frage, was sie mit uns und wir mit ihr machen: "Das Spiel mit der Zeit hat mit erfüllter Zeit zu tun, und die erfüllte Zeit kann auf das gelten, was man Ewigkeit genannt hat", heißt es bei Safrans-ki einmal. Derart eigentümlich und oft auch paradox ist die Zeit, dass sie nervenschwächere Zeitgenossen um den Verstand bringen kann. Nicht so Safranski. Den stößt Paradoxes, Widerspenstiges und gern auch Exzentrisches nicht ab, das alles zieht ihn erst so richtig an.


Liebe und Wissen

Dass auch sie Exzentrisches einmal beherbergt hat, setzt die Stadt Bamberg mit angemessenem Stolz und Sorgfalt in Szene. Die Stadt ist voll mit Erinnerungen und Respektbekundungen an den Dichter und Musiker E.T.A. Hoffmann.

Aber wohl keiner hat sich mit einer vergleichbaren Empathie und Geisteskraft durch das Leben Hoffmanns gewühlt wie Safranski. "Ich liebe Hoffmann wirklich", sagte er in Hallstadt.
Seine aus Liebe und staunenswertem Wissen gespeiste Biografie gilt noch heute, 33 Jahre nach ihrem Erscheinen, als unübertroffenes Standardwerk. Die Fügung nun, dass Safranski vor den Toren eben jener Stadt Station machte, in welcher der Dichter zwar keine glücklichen, aber umso leidenschaftlichere Jahre verlebte, wusste am Donnerstag die Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft für sich zu nutzen. In Gestalt ihres Geschäftsführers Bernhard Schemmel zeichnete sie Safranski mit der E.T.A.-Hoffmann-Medaille aus.

An Hoffmann fasziniere ihn, ließ Safranski Schemmel und sein Publikum wissen, die mit großer Virtuosität gelebte Doppelexistenz: hier der Musiker und Literat, dort der Jurist. Hier der vernunftgesteuerte Pragmatismus, dort der bis in den Wahnsinn gesteigerte Kunst-
enthusiasmus: "Wir brauchen eine extremistische Kunst und eine vernünftige Politik", entwickelte Safranski eine Überlegung des deutschen Soziologen Max Weber weiter. Wer vertraut war mit Webers Theorie von den ausdifferenzierten Wertsphären, dürfte sich aufs Angenehmste an die eigene Studienzeit erinnert fühlen. Wer von Weber das erste Mal hörte, durfte sich indes um einen neuen Gedanken beschenkt fühlen.


Raffen und verdichten

Das ist das Wunder seiner Kunst: Safranskis Schreiben und Sprechen sind fast voraussetzungslos, eine das eigene Ego schmeichelnde Bildungshuberei ist ihm wesensfremd. Und noch die unzugänglichsten Theorie- und Philosophiegebirge schrumpfen unter seinen Händen zu überschaubarer Größe. In jahrelanger Arbeit rafft Safranski, verdichtet und schiebt die Geröllmassen beiseite, bis der rote Faden seinen Lesern endlich klar vor Augen steht.

So nimmt Safranski die Angst vor dem vermeintlich Überfordernden, so weckt er die Lust am eigenen Denken. "Rüdiger Safranski ist der Biograf des deutschen Geisteslebens überhaupt", rühmte ihn ohne jede Übertreibung FT-Kulturredakteur Rudolf Görtler. Der assistierte Safranski auf der Hallstadter Bühne mit klugen Fragen und raffte seinerseits mit souveräner Umsicht immer dort, wo Safranskis wieder einmal die ganze Welt in einen einzigen Gedanken stopfen wollte. "Muss man sich das Paradies als eine Welt ohne Uhren vorstellen?", führte Görtler den 72-Jährigen noch einmal zurück auf das Feld der Zeit. "Wir sollten das Paradies nicht romantisieren", warnte Safranski. Man würde sich wohl ganz fürchterlich langweilen, so ganz ohne Uhren und die Sinne reizenden Ereignisse. Schon Immanuel Kant habe einen ganz ähnlichen Verdacht formuliert.
Das wissen die Besucher jetzt also auch. Nur wie sich Langeweile anfühlt, das wissen sie nach diesem Abend mit Rüdiger Safranski nicht.


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