Bamberg
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Protestcamp in Bamberg: Begegnungen am Flüchtlingszaun

Händeschütteln und Applaus: Am Eingang zur Aufnahmeeinrichtung kommt es zum friedlichen Kontakt zwischen linken Demonstranten und Balkanflüchtlingen.
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Szenen wie diese spielten sich am Donnerstag in der Bamberger Birkenalle ab. Flüchtlinge und Demonstranten gegen das Abschieblager sprechen durch den Zaun miteinander.   Fotos: Matthias Hoch
Szenen wie diese spielten sich am Donnerstag in der Bamberger Birkenalle ab. Flüchtlinge und Demonstranten gegen das Abschieblager sprechen durch den Zaun miteinander. Fotos: Matthias Hoch
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Es war eine juristische Entscheidung, doch sie hatte auch psychologische Auswirkungen auf diesen anfangs angespannten und am Ende doch lockeren Donnerstag.

Kurz bevor der Bayerische Verwaltungsgerichtshof das Nein der Stadt und des Verwaltungsgerichts Bayreuth aufhob, war die Stimmung im Lager des Protestcamps noch denkbar schlecht. Die Stadt verbreite haarsträubende Gefährdungsprognosen und diskreditiere die Anmelder, klagte Christian Oppl vom Protestcamp. "Dass hier unser berechtigter Protest so brutal abgewürgt werden soll, das zeigt uns, dass Methode dahinter steckt. Das Innenministerium steuert und will gezielt verhindern, dass eine so umstrittene Einrichtung kritisiert wird", mutmaßte Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat.


Als dann gegen 13.30 doch noch die Erlaubnis kam, zum 200 Meter entfernten ehemaligen Balkanzentrum vorzurücken und dort zu demonstrieren, schien sich der Frust rasch in eine positive Stimmung umzukehren. Skandierend und von rhythmischer Musik untermalt, zogen die etwa 100 Demonstrationsteilnehmer über die Pödeldorfer Straße in die Birkenallee. "Say it here and say it loud, refugees are welcome", riefen sie - und es dauerte nicht lang, bis sich auch hinter dem Zaun Leben regte. Nicht wenige der jetzt noch 218 hier lebenden Balkanflüchtlinge, viele darunter Familien mit Kindern, kamen an die Absperrung, schossen Fotos, filmten, was sie sahen und applaudierten dem Demonstrationszug. Zum Teil auch verließen sie das von Polizei bewachte Lager und mischten sich auf die andere Seite.

Trotz der unversöhnlichen Vorwürfe gegen die Abschiebepraxis in Bamberg blieb der Protest friedlich, was die Vertreter vieler vor Ort vertretenen Behörden freute. Auch die Polizei musste nie eingreifen. "Wir hoffen, dass das auch die nächsten Tage so bleibt", sagte Jürgen Stadter vom Polizeipräsidium.

Grund zur Wachsamkeit besteht nach wie vor. Nicht nur, weil es in Bamberg zuletzt immer wieder rechtsextreme Aktivitäten gab. Auch Vertreter der AfD hatten sich am Donnerstag am Veranstaltungsort blicken lassen und Flugblätter bei den Nachbarn verteilt.

Nach wie vor ungeklärt ist die Frage, ob die Gerichte auch weitere Widersprüche des Bündnisses gelten lassen, zum Beispiel für den großen Demonstrationszug am Samstag, ab 13 Uhr. Die Veranstalter fordert die Stadt jedenfalls dazu auf, die "Kriminalisierung des Camps" einzustellen und eine Übernachtungsfläche in der Stadt zur Verfügung zu stellen. Vorläufig können die rund 100 Teilnehmer aber auf privaten Flächen ihre Zelte aufschlagen.

Die Kritik, die in der Kundgebung gegen die Abschiebepraxis in Bamberg geäußert wurde, ist nicht neu. Sie entzündet sich an Themen wie Unterbringung, Verpflegung, Schulunterricht und der grundsätzlichen Einteilung in sichere und unsichere Herkunftsländer.

Unbestritten haben die meisten der in der Aufnahmeeinrichtung lebenden Menschen viel durchgemacht. Zum Beispiel Nisana Hasanovic aus Bosnien. Die 43-jährige alleinerziehende Mutter zweier Kinder lehnt an diesem Donnerstagmittag am Zaun und freut sich über den ungewohnten Zuspruch. Weil sie ihren Ablehnungsbescheid erhalten hat, muss sie jeden Tag mit der Abschiebung rechnen. Nach drei Jahren in Deutschland erwartet sie eine Zukunft ohne Wohnung und Einkommen. Sie sagt: "Ich habe nichts."
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