Bamberg
Kundgebung

"Rote Hilfe"-Demo: Protest trifft auf Frühlingswonne in Bamberg

30 Aktivisten demonstrieren in Bamberg gegen Polizeigewalt. Bei schönem Wetter bleibt alles ruhig. Am Ende jubeln die Teilnehmer sogar über die Polizei.
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Protestieren und das schöne Wetter genießen: Blick auf die Demonstranten am Samstag. Foto: Barbara Herbst
Protestieren und das schöne Wetter genießen: Blick auf die Demonstranten am Samstag. Foto: Barbara Herbst
Thomas Schreiber, Direktor der Polizeiinspektion Bamberg-Stadt, sieht es sportlich. "Das wird ein ganz normaler Kundgebungsaufzug", sagt er am Samstagvormittag. "Der ist zwar sehr lang, aber gut, es ist schönes Wetter und wir wollen ja alle fit bleiben."

Am Plätzchen gegenüber dem Bahnhof versammeln sich derweil die Teilnehmer der Demonstration. Transparente werden entrollt, für Solidarität und gegen Repression, ein Lieferwagen schiebt sich auf den Bürgersteig. Der Großteil der Demonstranten hat die 30 noch weit vor sich. Dreadlocks sind zu sehen, viele tragen Jogginghosen. Vielleicht um im Fall des Falles schneller rennen zu können? Mitglieder der linksradikalen MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland) werden von den Veranstaltern gebeten, ihre Parteiwerbung wegzupacken.


2400 Anzeigen pro Jahr

Roter Hilfe und Antifa geht es heute weniger um die Bundestagswahl oder die AfD als um den Umgang der Polizei mit Aktionen wie ebendieser: Demonstrationen. Ein Mitveranstalter der Kundgebung, spricht von rund 2400 Anzeigen, die pro Jahr wegen Polizeigewalt gestellt werden. Auch im Vorfeld des heutigen Samstags habe es Kontrollen gegeben, in seinen Augen Schikane. "Was wir Tag für Tag erleben, glaubt einem fast keiner. Darauf wollen wir aufmerksam machen."
Die Zahl müsste ungefähr stimmen, auch wenn sie über die Ursache der Gewaltanwendung nichts aussagt. Der Großteil der Strafanträge gegen Polizeibeamte bleibt folgenlos. Thomas Schreiber stellt sich der Problematik: "Das ist eine Anschuldigung, die man immer führen kann. Der Staat übt Gewalt aus, vielleicht nicht immer so, wie er sollte. Wenn es eine Anzeige gibt, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Das ist gar kein Thema."
Hier, in Bamberg, fühle sich davon aber niemand angesprochen. Im Rahmen der Voraufsicht seien freilich Kontrollen durchgeführt worden, normale polizeiliche Maßnahmen.


Die Kritik und die Realität

Am Samstag besteht die Aufgabe der Polizei darin, den Zug zu sichern, der durch die Luitpoldstraße und am Gericht vorbei durch die Fußgängerzone und bis zum Gefängnis führt. So ergibt sich eine fast absurde Schere zwischen der Kritik der Demonstranten und der Realität der Demonstration. Vom Lieferwagen dröhnt mittlerweile ein Punk-Song: "Ich hab keine Angst! Wenn ihr verhindern wollt, dass Menschen auf die Straße geh'n. Wenn ihr versucht, uns unser Recht auf Protest zu nehmen..." Eigentlich ist gerade das Gegenteil der Fall.

Etwa 30 Aktivisten kommen letztlich zusammen und machen sich um 12.15 Uhr auf den Weg in Richtung Innenstadt. Die Organisatoren haben Vorträge vorbereitet: "Ich will nicht einsehen, dass Nazis staatlich geschützt werden", sagt einer von ihnen. Vor dem Gericht geht es um das umstrittene Rechtsmittel der Beugehaft. Schreiber und Kollegen lassen sich auf einer Bank die Sonne ins Gesicht scheinen. Frühlingswonne statt Schikane. Die Demonstranten sind auch eher ins persönliche Gespräch vertieft.


Unter Beobachtung

Der Verein Rote Hilfe, der nun einen Bamberg-Ableger gründet, unterstützt linke Aktivisten, die im Rahmen ihrer politischen Arbeit festgenommen werden mit juristischem Beistand. Als Korrektiv ist sie Teil einer gesunden Demokratie. Unter anderem die nach wie vor präsenten Sympathien für RAF-Terroristen bringen ihr allerdings den Status einer vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation ein.

Auch am Samstag gellen die Rufe nach "Revolution!" durch die Straßen Bambergs. Die Kaffee trinkenden Bürger stört das wenig. Sie sind höchstens irritiert. "Da werd' ich nicht schlau draus", stellt eine Frau in der Luitpoldstraße fest. Eine andere bemerkt: "Das sind ja mehr Polizisten als Demonstranten."

Gefahr für die bundesrepublikanische oder auch nur die Bamberger Grundordnung besteht an diesem Tag nicht. Auch eine Gefangenenbefreiung ist nicht vorgesehen. Es geht die Geschichte um, dass ein Sympathisant der Gruppe wegen der Demonstration in eine Einzelzelle verlegt worden sei.


Einfach nicht hinhören

Nochmal Nachfrage bei Thomas Schreiber: Fühlt man sich da eigentlich angegriffen, wenn ständig Songs über "Bullenschweine" aus den Lautsprechern plärren? "Das höre ich gar nicht mehr", sagt der. "Das gehört zur Berufsbeschreibung."

In der Sandstraße müssen seine Kollegen dann doch noch eingreifen. Zwei Neonazis klassischer Ausprägung - kurzgeschorenes Haar, schwarze Jacken mit Deutschland-Schriftzug - wollen den Demonstrationszug stürmen: Geblähte Nüstern, stierer Blick. Echter Volkszorn.

Die Polizisten erspähen die beiden, bevor es zu einer Kollision von Links und Rechts kommt. Sie werden in einen Hauseingang bugsiert. Die Demonstranten freuen sich und skandieren laut: "Ihr habt den Krieg verloren!" Die "Polizeigewalt" trifft an diesem Tag aus ihrer Sicht die Richtigen.
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