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Bamberg
Verhandlung

Privatvideo von Heinz W. wird im Chefarzt-Prozess nicht gezeigt

Das Landgericht Bamberg hat entschieden, dass ein persönliches Video von Heinz W. nicht gezeigt wird.
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Der angeklagte ehemalige Chefarzt Heinz W. (Mitte) berät sich mit seinen Verteidigern.   Archivfoto: Anna Lienhardt
Der angeklagte ehemalige Chefarzt Heinz W. (Mitte) berät sich mit seinen Verteidigern. Archivfoto: Anna Lienhardt
Es ist ein Video, das der Angeklagte von sich zu Hause aufgenommen haben soll. Doch wenn es nach Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb geht, sollen die privaten Aufnahmen ihren Weg in den Verhandlungssaal des Bamberger Landgerichts finden - und Lieb ist mit seiner Forderung nicht allein.

Am Dienstag stellte Jürgen Scholl, Rechtsanwalt der Hauptzeugin in dem Verfahren, ebenfalls Beweisantrag - auf "Inaugenscheinnahme der Videoaufzeichnung". Darin spielt offenbar das "anale Einführen eines Buttplug" (zu deutsch "Analstöpsel") eine Rolle, zudem soll der Angeklagte bei "Manipulationen in seinem Geschlechtsbereich" zu sehen sein, wie es Scholl formulierte.

Doch die Zweite Strafkammer sagt "nein". Sie verspricht sich von dem Video keine neuen Erkenntnisse. "Wir erhalten keinen Einblick in die Gedanken des Angeklagten", sagte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt. Ferner sei die Wahrung der Persönlichkeitsrechte von Heinz W.
von Belang.

Der Oberstaatsanwalt sieht das anders: "Ich halte die Ablehnung des Beweisantrages für rechtlich nicht haltbar. Es geht darum, dass sich aus dem Video eine sexuelle Motivation ergeben würde." Rechtsanwalt Scholl schloss sich an. Auch bei seiner Mandantin seien Buttpluggs eingesetzt worden. Zum Thema Persönlichkeitsrechte sagte er: "Die Fotos und Filme meiner Mandantin wurden in voller Länge und mehrfach angeschaut."

Der ehemalige Chefarzt am Klinikum Bamberg hatte Fotos und/oder Videos, auch vom Intimbereich junger Frauen, angefertigt. Wie er beteuert, zu Dokumentations- und Forschungszwecken. Die Aufnahmen sind aus Sicht der Staatsanwaltschaft ohne das Wissen der Frauen entstanden. Sie wirft W. zudem sexuellen Missbrauch in zehn Fällen vor.

Der Angeklagte weist jegliche sexuelle Motive von sich. Bei dem eingangs angesprochenen Video handle es sich um eine Art "Selbstversuch", wie Richter Manfred Schmidt eine Aussage des Angeklagten wiedergab, die offenbar unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefallen war.


"Verschleppungsabsicht absurd"

Am Dienstag durften die Zuhörer die ganze Zeit dabei bleiben. Sie vernahmen den Unmut von W.s Verteidigung zum Vorwurf, sie ziehe den Prozess in die Länge. Rechtsanwalt Martin Reymann-Brauer hatte im Auftrag aller Anwälte der Frauen jüngst das Stichwort "Prozessverschleppung" eingeworfen. Verteidiger Klaus Bernsmann bezeichnete es als "absurd", eine "Verschleppungsabsicht" zu unterstellen. Er witterte zudem eine Absprache "mit Medienvertreterinnen".

Aus Sicht der Verteidigung rühre eine "erhebliche Verzögerung der Hauptverhandlung" daher, dass sich der Sachverständige - dessen Vernehmung am vorausgegangenen Prozesstag unterbrochen worden war - neuerlich angemessen vorbereiten müsse. Bernsmann wirft dem Chirurgie-Professor "fundamentale Fehlleistungen" vor und fordert, diesen zu ersetzen.

Heinz W. selbst spricht bei dem Sachverständigen von "blindem Belastungseifer, Befangenheit und dem Fehlen jeglicher Sorgfalt". W.s Verteidigung möchte einen anderen Gutachter ins Gericht holen, den sie für geeigneter hält. "Er wird auch Aussagen machen, wie klar und wie einverständnisfähig jemand sein kann, der sich an das Einverständnis möglicherweise nicht erinnern kann", sagte Bernsmann. Er deutete an, einen entsprechenden Antrag zu stellen.

Am gestrigen Verhandlungstag 55 wurde außerdem der Suchverlauf einer Internetrecherche des Angeklagten teilweise nachvollzogen. Dieser hatte offenbar nach Nebenwirkungen von Kontrastmitteln gesucht. Und: Der Befangenheitsantrag gegen den Beisitzenden Richter Ralf Schmidt wurde zurückgenommen.

Der Prozess wird am 15.06.16 um 9 Uhr fortgesetzt.

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