"Ich habe jahrelang vor zwei Uhr morgens kein Auge zugetan," bekennt der heute 51-jährige Günter K. (Name von der Redaktion geändert) im Gespräch mit unserer Zeitung. Mitte der 70er Jahre war Günter Internatsschüler im katholischen Aufseesianum in Bamberg, besuchte als Zwölfjähriger das Gymnasium. Wenn Bettruhe herrschte, war auch Heimleiter G.S. unterwegs. Zunächst außerhalb des Heims. Einmal in der Woche zum Beispiel zur Kartelrunde beim Erzbischof, dessen Sekretär er einige Jahre war. Meist wurde es zwei Uhr morgens, ehe G.S. mit seinem alten Audi 100 mit dem klappern den Auspuff - ein Geräusch, das Günter immer noch in den Ohren hat - zurückkehrte und im Hof parkte.

Dann das Klappern der Schuhabsätze des Priesters. Das hallte jede Nacht weithin in den Gängen des Aufseesianums. Der Heimleiter machte seine Runde, sah überall nach dem Rechten.

In der Mansarde des Gebäudes war die Oberstufe untergebracht. War hier alles ruhig, ging G.S. durch das Stockwerk, in dem die Mittelstufe untergebracht war. Zuletzt kam die Unterstufe an die Reihe.
Eines Tages, Günter war gerade eingeschlafen, spürte er plötzlich etwas unter seiner Bettdecke. Jemand machte sich an seinem Penis zu schaffen. Günter wachte auf, fuhr hoch, schlug in seiner Angst wild um sich. Neben dem Bett stand der Heimleiter, versuchte ihn einigermaßen zu beruhigen, ehe er wieder verschwand.

Das Erlebte ließ den damals Zwölfjährigen nicht mehr los.

Täglich erlebte er, wie sich der Heimleiter in der Unterstufe "umschaute". Während er selbst in Zukunft in Ruhe gelassen wurde, berichteten seine Freunde, dass es bei manchen Schülern nahezu täglich zu solchen Annäherungen kam.

Bei Günter K. entwickelte sich ein schreckliches Gefühl der Angst, der Bedrohung und des Ausgeliefertseins. Günter vertraute sich einem Freund an. Gemeinsam beschlossen sie, über die Vorgänge einem Präfekten zu berichten. Der konfrontierte den Heimleiter auch mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen, die dieser allerdings rundweg abstritt. Die beiden Freunde weihten darauf ihre Eltern in die Geschehnisse ein. Der Vater des Freundes von Günter K., ein in der Region angesehener Geschäftsmann, drohte daraufhin der Heimleitung mit Anzeige, sollte es nicht zu Konsequenzen kommen.

Die Kirchenleitung reagierte.

Nach den Sommerferien hatte der Heimleiter plötzlich seinen Posten aufgegeben und befand sich weit weg in Rhodesien. Der so aus der Schusslinie genommene Priester sollte nie wieder auftauchen.
Für viele Schüler des Aufseesianums endete damit eine Tortur. Was blieb, waren die Folgen. Und die sind oft noch heute spürbar. Es habe Probleme in seiner Ehe gegeben, nicht zuletzt wegen seiner Jugenderlebnisse und damit einhergehenden besonderen sexuellen Phantasien, bekennt Günter K. freimütig. Und die Kirche? Anfang der 90er Jahre ist er ausgetreten. "Seit 12, 13 Jahren bin ich allerdings wieder spirituell unterwegs." Hat die Kirche geholfen? "Ich hatte ein Gespräch mit Dr. Beirer, dem Bistumsbeauftragten für Missbrauchsopfer. Der hat mir einen Psychotherapeuten empfohlen, der mir wirklich geholfen hat. Die Kosten hat allerdings nicht die Kirche übernommen. Das hat alles die Kasse gezahlt."

Und eine finanzielle Entschädigung?

Er wolle nicht behaupten, dass er eine finanzielle Entschädigung zurückweisen würde. "Das ist aber gar nicht das Problem", so Günter K. "Ich hätte vom Erzbischof, der meinen und andere Fälle kennt, eine Entschuldigung erwartet, die auch persönlich bei mir ankommt. Die ist bis heute ausgeblieben. Dass er sich in der Öffentlichkeit entschuldigt hat, ist das eine, bei mir kam diese Entschuldigung nicht an."

Es gehe ihm heute in erster Linie um Versöhnung und Verzeihung. "Dazu müssten die Kirchenverantwortlichen echte Betroffenheit zeigen, und das Opfer dadurch in eine aktive Rolle drängen, die Verzeihung erst ermöglicht. Gerade auf diese aktive Rolle lege ich als Opfer größten Wert." Schließlich würden die Ereignisse im Aufseesianum bei ihm immer noch wie ein Stachel im Fleisch sitzen. "Eine Entschuldigung wäre da doch das Mindeste, oder?"

Erste Anzeigen im Jahr 2010


Das im Fall des G.S. um eine Stellungnahme gebetene erzbischöfliche Ordinariat erklärte, im Jahre 2010 hätten sich insgesamt vier "Beschuldiger " beim Erzbistum gemeldet, drei seien Betroffene der Vorfälle im Aufseesianum gewesen, die sich Anfang der 70er Jahre ereignet haben sollen. Nach Kontaktaufnahme des Missbrauchs- beauftragten der Erzdiözese mit den "Beschuldigern" habe das Bistum im Frühjahr 2010 Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen bei der Staatsanwaltschaft Bamberg gestellt. Die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren am 1.4.2010 eingestellt, da der Beschuldigte im Jahr 2000 verstorben war.

In den Akten der Erzdiözese fänden sich keine Hinweise darauf, dass gegen G.S. in den 70er Jahren Anzeige erstattet worden wäre.

Das konnte die Bamberger Staatsanwaltschaft auf Nachfrage bestätigen. Aktenkundig sei die Versetzung des Beschuldigten auf eine Stelle in der Auslandsseelsorge in Südafrika im Herbst 1976, wo er bis 1980 geblieben sei. Danach war der Beschuldigte in der Auslandsseelsorge in Mailand tätig, heißt es von Seiten des Ordinariats. Kein Wort dazu, warum es zu der plötzlichen Versetzung kam. Was auch daran liegen mag, dass die damaligen Diözesanverantwortlichen, die möglicherweise mit dem Fall befasst waren, bereits gestorben sind. In der Personalakte von G.S. findet sich jedenfalls keine einzige Silbe über die Vorgänge im Aufseesianum, weiß ein Insider.

Opferrolle lange abgelehnt


Lange Jahre wollte sich Günter K. nicht in der Opferrolle sehen. Ebenso lange wurde er immer wieder von Selbstmordgedanken gequält. Es fällt Günter K. deshalb auch nicht leicht, von diesen Vorgängen zu sprechen. Zu sehr und zu nachhaltig haben sie seinen Worten zufolge sein weiteres Leben belastet. Und das über Jahrzehnte. Dass er sich öffentlich über seine Erfahrungen äußern kann, liegt nur daran, dass er sich seit einem Jahr einer Therapie unterzieht, psychologische Hilfestellung erhält. Das lässt ihn Erlebtes leichter verarbeiten.
Verdrängen kann er die Erlebnisse in den 70er Jahren deshalb nicht. Er hofft aber, dass damit nach all den Jahren endlich Schluss ist und er noch ein einmal neu beginnen kann.

Hintergrund Aufseesianum

Das Aufseesianum ist eine staatlich verwaltete Stiftung, die in den 70er Jahren noch unter einer geistlichen Leitung stand.
Seit 1990 steht das Aufseesianum unter weltlicher Leitung. In dem Haus wurden seither Leitlinien entwickelt, um Verhältnisse wie früher zu vermeiden, erklärt Ulrike Linz, die das Aufseesianum seit fünf Jahren führt.
Hier werden die Schüler von Sonntagabend bis Freitagnachmittag betreut. Am Wochenende fahren sie nach Hause.