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Peer Steinbrück nennt in Baunach die Dinge beim Namen

In Baunach würzt Peer Steinbrück sein leidenschaftliches Plädoyer für die Demokratie mit gelegentlichen populistischen Spitzen.
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Peer Steinbrück bei seinem Auftritt im Baunacher Bürgerhaus  Foto: Barbara Herbst
Peer Steinbrück bei seinem Auftritt im Baunacher Bürgerhaus Foto: Barbara Herbst
Beim Namen "Martin Schulz" nicht augenblicklich in Verzückung zu geraten, verlangt vielen Sozialdemokraten in diesen Tagen eine beinahe titanische Selbstbeherrschung ab. Die regelbestätigende Ausnahme davon scheint Peer Steinbrück zu sein.

Mit unbewegter Miene mahnte Steinbrück im ausverkauften Baunacher Bürgerhaus, den sich fast täglich überholenden Umfragewerten bloß nicht auf den Leim zu gehen: "Ich weiß, wovon ich spreche", sagte Steinbrück, dem 2013 die Verkündigung seiner Kanzlerkandidatur ebenfalls ein kleines Umfragehoch beschert hatte. Dessen Halbwertszeit indes war kurz, was ein seltsam havarierter Wahlkampf und ein enttäuschendes Ergebnis von gut 25 Prozent schonungslos dokumentieren.


Zustimmendes Gemurmel

Auch einer als Frage getarnten Aufforderung aus dem Publikum, ob er Schulz nicht in finanzpolitischen Fragen beraten wolle, wich Steinbrück mit der anstrengungslosen Grazie eines Muhammad Ali aus: "Ich dränge mich nicht auf. Wenn ich gefragt werde, muss man weitersehen."

Nimmt man allein Steinbrücks Auftritt in Baunach zum Maßstab, wäre Schulz in der Tat gut beraten, sich der Dienste Steinbrücks zu versichern. Dessen gescheiterte Kanzlerkandidatur hat offenbar weder seinem Selbstbewusstsein noch dem Bild, das die Menschen von ihm haben, etwas anhaben können. Seine Autorität verdankt der ehemalige Bundesfinanzminister dabei weniger seinem persönlichen Charisma als den ihm attestierten fachlichen Kenntnissen sowie der Lust, die Dinge unverstellt beim Namen zu nennen.

Auch das Baunacher Publikum begleitete die Ausführungen des ehemaligen Bundesfinanzministers mit zustimmendem Gemurmel, der Schlussapplaus war entsprechend groß.

Was die meisten nur als Gefühl artikulieren können, vermag Steinbrück intellektuell zu durchdringen und anschließend in allgemeinverständliche Worte fassen. Da ist zum einen die Ahnung, mitten in einer Zeitenwende zu stecken. Ja, sagt Steinbrück, das könne schon sein. Mit Schrecken verfolgt auch der 70-Jährige den "Einzug eines Narzissten ins Weiße Haus" und dessen Geringschätzung supranationaler Bündnisse. Neben Trump kritisierte Steinbrück auch den Russen Putin, den Ungarn Orban oder den Israeli Netanyahu für deren Rückzug in die Wagenburg einer zunehmend kulturell definierten Nation: "Sie können heute aber kein einziges drängendes Problem mehr im nationalstaatlichen Rahmen lösen."


Aufruf zu mehr Engagement

Sorge bereitet dem SPD-Politiker darüber hinaus die fundamentale Verachtung, die zunehmend nicht nur Bundes-, sondern bereits Kommunalpolitikern entgegenschlage.

Steinbrück verband diese Diagnose mit der Aufforderung, sich bei allem berechtigten Ärger wieder stärker für das Gemeinwesen einzubringen: "Wehe, wenn wir eines Tages nicht mehr genügend Menschen finden, die sich politisch engagieren." So präsentierte sich mit Steinbrück in Baunach ein leidenschaftlicher Verfechter der repräsentativen Demokratie, dem gleichzeitig aber der populistische Zungenschlag keineswegs wesensfremd ist.
Nicht ohne polemische Spitzen warf er beispielsweise Journalisten einen fatalen Hang zur Banalisierung in Tateinheit mit zunehmender politischer Ahnungslosigkeit vor. Steinbrück amüsierte sich über die verstiegene Lyrik der SPD-Parteiprogramme, nannte Politiker notorisch konturlos und "rundgelutscht" oder kritisierte die Bundesregierung mit einem kraftstrotzenden Bild für deren nachgiebige Haltung gegenüber Facebook: "Ich würde Facebook in den Schraubstock zwängen, bis es quietscht."

Dass Steinbrück seine Stärken überhaupt in derart hoher Dosis entfalten konnte, verdankte sich mithin auch einer klugen Regie der Veranstalter. Sie ließen Steinbrück nicht fantasielos aus seinem Buch "Vertagte Zukunft" lesen, sondern stellten ihm mit Sebastian Körber einen so versierten wie gewitzten Partner zur Seite. Der 36-jährige Stadtrat aus Forchheim saß von 2009 und 2013 für die FDP im Bundestag. Mit klugen Fragen und gelegentlichen Frotzeleien bereitete Körber Steinbrück den nötigen Boden für dessen Lektionen in Schlagfertigkeit, Expertise und Volksnähe.
In seiner Schrift "Lob auf Franken" hat der große Liberale Thomas Dehler seine Landsleute einmal als streitlustig, bärbeißig, aber auch humorvoll charakterisiert. Den knorrigen Hanseaten Steinbrück ernannte Körber in diesem Sinne zum Franken ehrenhalber. Der so Geehrte fühlte sich erkennbar geschmeichelt, was auch sonst?

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