Bamberg
Kommentar

Nur eine Tür? Kommentar zum Denkmalstreit in Bamberg

Soll man über das Mentekel im Sand wenige Meter vor dem Schlenkerla den Mantel des Schweigens breiten? Handelt es sich bei dem umstrittenen Ergebnis einer Sanierung um einen einmaligen Ausrutscher oder steckt mehr dahinter? Ein Kommentar von Chefreporter Michael Wehner.
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Umstrittenes Ergebnis einer Sanierung: das neue Glasportal an der Fassade des ehemaligen Dominikanerbaus  Fotos: Ronald Rinklef
Umstrittenes Ergebnis einer Sanierung: das neue Glasportal an der Fassade des ehemaligen Dominikanerbaus Fotos: Ronald Rinklef
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Bambergs Denkmalseele kocht. Das ist klar. Aber gibt es nicht auch den Blick von Außenstehenden? Die sich verwundert fragen, warum die Bamberger so empfindlich, so unerbittlich kritisch auf das misslungene Detail einer Großbaustelle reagieren. In einer Zeit, in der landauf landab die Sorge viel bedeutenderen Dingen gilt, der Flüchtlingskrise etwa, dem Terror, der Auflösung bewährter Ordnungen.

Genau das ist das Doppelbödige an dem Aufruhr um eine Glastür. Es handelt sich eben nicht um eine skurrile Provinzposse. Und die Frage, ob das staatliche Bauamt, ob Universität, Architekten und schließlich das Landesamt für Denkmalpflege gut beraten waren, ein funktionstüchtiges historisches Holztor auszubauen und durch eine Flughafentür zu ersetzen, wie die Schutzgemeinschaft Alt Bamberg lästert - diese Frage hat auch nur oberflächlich mit gutem Geschmack zu tun.

Auch wenn manche sie gerne einführen würden: Es gibt keine Pflicht, vor den Bauten der öffentlichen Hand in Ehrfurcht zu erstarren. Kritik muss möglich sein. Erst recht, wenn es in dem Protest um eine sehr grundsätzliche, für Bamberg gewissermaßen existenzielle Auseinandersetzung geht. Darf man, darf ein Bauherr original erhaltene Details entfernen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen, wenn es ihm sinnvoll erscheint? Wenn es ihm Vorteile verschafft? Wenn er es will?

Wer sich in Bamberg umschaut, wird erkennen, dass es nur eine Antwort auf diese Frage geben kann. Diese Stadt mit ihrer einmaligen Denkmallandschaft ist geradezu das Gegenbeispiel zur andernorts herrschenden architektonischen Beliebigkeit. Bamberg lebt nicht nur von den großen Linien einer in Mittelalter und Barock geformten Baukultur, sondern auch von den qualitätvollen Details, die hier die Zeiten überdauert haben.

Vom Türknauf bis zur Dachlandschaft - seit den Fehlern der Nachkriegsjahre haben es die Bamberger mit der Muttermilch aufgesaugt, bisweilen murrend, bisweilen frohlockend, dass nur das ausgetauscht werden darf, was nicht erhalten werden kann. Eine Art Generationenvertrag: Indem der einzelne seine Interessen dem großen Ganzen unterordnet, bleibt das Stadtbild bewahrt - und alle profitieren davon.

Nur eine Tür? Man mag die Ziele des Bauherren sogar nachvollziehbar finden: Doch wenn der Sündenfall in der Sandstraße Schule macht, wird es bald mehr Sünden dieser Art geben. Man wird Argumente finden, um sich von vielem zu verabschieden, was den Charme dieser Stadt ausmacht: Auch Stuckdecken und Hausmadonnen können störend sein.

Leider wäre es naiv, zu glauben, dass der Substanzverlust in der Dominikanerstraße ein Zufall war. Der Blick auf die Villa Schröppel scheint Kritikern Recht zu geben, die einen Systemwandel befürchten. Ausgerechnet bei den professionellen Hütern alter Baukultur nimmt man es mit den Grundpfeilern der Denkmalpflege nicht mehr so genau. Wie soll man es verstehen, wenn Landesamt und Bauamt unisono erklären, dass der neue Zeitgeist bereit sei, Opfer zu bringen - an einer Stelle mit kaum zu steigernder Publikumswirkung? Gilt das Recht des Stärkeren nun etwa auch im Denkmalschutz? Geht es am Ende auch hier um Machbarkeit und Mittel?

In Bamberg hat man sehr genau registriert, dass die Gelder für das bewährte Bamberger Modell per Satzung gekürzt wurden, während der von Steuerzahlern zu leistende Aufwand für selbst kleinere öffentliche Denkmalsanierungen in irrwitzige Höhen schießt. Auch der neue Eingang zur Uni-Aula hat viel Geld gekostet.

Um es klar zu sagen: Niemand bezweifelt, dass gerade die Universität an vielen Stellen Bambergs Großes für den Erhalt der alten Bausubstanz geleistet hat. Doch das kann nicht bedeuten, dass man über das Menetekel in der Sandstraße den Mantel des Schweigens breitet. Es geht eben nicht nur um eine Tür.
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