Bamberg
Literatur

Nora Gomringer gewinnt den Bachmann-Preis

Die Leiterin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia siegt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Die Jury lobt ihren Text "Recherche" über den Tod eines Dreizehnjährigen.
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Nora Gomringer freut sich am Sonntag über ihren Sieg beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Foto: Gert Eggenberger/dpa
Nora Gomringer freut sich am Sonntag über ihren Sieg beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Foto: Gert Eggenberger/dpa
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Als Dichterin hat Nora Gomringer bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Mit einem Text über die Suche nach den Ursachen für den Tod eines Kindes hat die Chefin der Villa Concordia nun auch die Jury des renommierten Bachmann-Preises überzeugt.Die Juroren im österreichischen Klagenfurt zeichneten die in Neunkirchen/Saar geborene 35-jährige Autorin am Sonntag für ihren  Text "Recherche" über den Tod eines Dreizehnjährigen aus, der in einem Hochhaus vom Balkon gestürzt ist. Gelobt wurde die vielstimmige "Verstörungskomödie" als Werk voller Anspielungen mit ständigem Perspektivwechsel. Die Stimme Gomringers sei "stark, klug und präsent".

Der Sonntagnachmittag hat Nora Gomringer um 25 000 Euro reicher und ein bedeutendes Stück bekannter gemacht. Der Ingeborg-Bachmann-Preis, den die 35-Jährige aus Bamberg für ihren Text "Recherche" zugesprochen bekommen hat, zählt zu den wichtigsten und an Prestige reichsten Preise der deutschsprachigen Literatur. Der Preis und die damit einhergehende Aufmerksamkeit katapultieren Gomringer in die erste Liga der deutschen Literatur.

Als Nora Gomringer am Sonntagnachmittag ihr Handy abnimmt, steht sie auf dem Dach eines Hauses, irgendwo in Klagenfurth. Dort wartet sie auf einen Hubschrauber, der sie anschließend zu Dreharbeiten auf ein Schloss fliegen soll. Was genau sie dort machen soll, hat sie nie gewusst oder schon wieder vergessen. Es hat etwas mit ihrem Bachmann-Preis zu tun, das immerhin sei ihr gesagt worden. Es sind die ersten Momente nach dem großen Triumph - und vielleicht die vorerst letzten - ,in denen Nora Gomringer so etwas wie durchschnaufen kann.

Ist die Welt schon eine andere?
Nora Gomringer: Nein, sie ist noch dieselbe, aber ich bin jetzt einfach unglaublich kaputt. Die vergangenen Tage hier in Klagenfurth waren brutal anstrengend.

Was hat dermaßen an den Kräften gezehrt?
Es ist zum einen wahnsinnig heiß hier in Klagenfurth, aktuell 40 Grad und mehr. Und der ganze Bachmann-Wettbewerb geht natürlich mächtig an die Nerven. Das Lesen, die Kritik und die mediale Einschätzungen. Zudem überträgt sich auch die Anspannung der Mitstreiter und und auch der Jury auf einen selbst.

Das alles wird vor den Triumphgefühlen aber keinen Bestand haben.
Von Triumphgefühlen kann keine Rede sein. Mich plagt vielmehr das schlechte Gewissen meinen Mitstreiter gegenüber.

Das ist doch nicht Ihr Ernst.
Doch. Den Sieg hätten viele verdient, und am Ende bin ich es geworden. Das fühlt sich so unwirklich an. Besonders tut es mir für Teresa Präauer leid, die mit mir im Stechen stand. Sie hätte es verdient, sie war meine Favoritin. Ich glaube, es für sie eine große Katastrophe, dass sie nicht gewonnen hat.

Haben Sie Präauer schon getröstet?
Nein, sie ist gleich weggegangen. Was hätte ich ihr auch sagen sollen?

Kam der Sieg völlig überraschend?
Mir war schon bewusst, dass ich ganz gute Papiere habe. Mein Stück und die Lesung kamen gut an am Donnerstag, das war mit natürlich klar. Aber am Samstag ist dann alles verschwommen, ich konnte meines und auch die anderen Stücke nicht mehr sinnvoll einordnen.

Wie wird der Sieg Ihr Leben verändern?
Vorrang vor allem hat meine Arbeit als Leiterin der Villa Concordia in Bamberg. Das Wichtigste ist, dass es den Stipendiaten gut bei uns geht. Sie sollen unter meinem Sieg nicht leiden müssen. Das wäre schrecklich.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.




Zu den ersten Gratulanten gehörte gestern Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU): "Ich freue mich, dass der Lyrikerin Nora Gomringer dieser hoch geschätzte Literaturpreis zuerkannt wurde. Die Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia gehört zu den Künstlerinnen, die ein breites Spektrum in ihrem eigenen künstlerischen Werk abdeckt und sehr kreativ ihr eigenes vielseitiges Können in die Förderung und Begleitung von anderen Künstlern einbringt. Mit Nora Gomringer wurde eine ebenso kraftvolle wie sensible und kluge Autorin ausgezeichnet, die mit ihrer unverwechselbaren Handschrift und ihrer großen Präsenz eine starke Stimme in der zeitgenössischen Literatur ist".

Die Autorin ist bereits mehrfach preisgekrönt, so erhielt sie unter anderem 2011 den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache. Damit wurde damals ihr Engagement für den "Poetry Slam" honoriert, bei dem kürzere Texte vor Publikum vorgetragen und bewertet werden.
Weitere Preisträgerin in Klagenfurt wurde die Österreicherin Valerie Fritsch (26), die mit ihrer Geschichte "Das Bein" über einen einbeinigen Vater und seinen Sohn sowohl die Jury (Kelag-Preis, 10 000 Euro) wie auch die Zuschauer überzeugte (Publikumspreis, 7000 Euro). Die Rumänin Dana Grigorcea (35), die in Zürich lebt, gewann für eine Familiengeschichte aus der Zeit des Diktators Nicolae Ceausescu den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis. dpa


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