Berlin
Urzeit

Museum mit Biss

In Berlin kann man einen Tyrannosaurus Rex treffen. Das Skelett von Tristan Otto aus den USA ist ein Schatz für Forscher und Besucher zugleich.
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Ein kalter Schauer kann einem beim Anblick dieses Riesenmauls über den Rücken laufen.  Fotos: Günter Flegel
Ein kalter Schauer kann einem beim Anblick dieses Riesenmauls über den Rücken laufen. Fotos: Günter Flegel
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S chon mal was von Solanum tuberosum gehört oder von Musca domestica? Aber sicher. Das sind die wissenschaftlichen Namen der Kartoffel und der Stubenfliege - die außerhalb der Wissenschaft aber kaum ein Mensch kennt. Anders bei einem Wesen, das im Gegensatz zu Fliegen und Kartoffeln niemand zuhause hat: Den Tyrannosaurus Rex kennt jedes Kind, da braucht es für T.-Rex nicht einmal ein deutsches Wort.

Seit einem Jahr kann man dem bekanntesten Dinosaurier aller Zeiten in Deutschland nahe kommen, und er hat sogar einen richtigen Namen: Das Naturkundemuseum in Berlin zeigt bis Ende 2018 Tristan Otto, eines der vollständigsten T-Rex-Skelette und eines von nur zweien in Europa. Die rund 50 T-Rex-Exemplare, die bislang entdeckt wurden, stammen aus Gesteinsformationen in Nordamerika. Deshalb haben US-Museen ein Quasi-Monopol auf den Dino-Promi.
Die bemerkenswerte Ausstellung in Berlin erweckt das gefräßige Monster, zu dem Steven Spielberg in "Jurassic Park" den Dino gestempelt hat, zum Leben. Das gut erhaltene Skelett des Raubsauriers ist seit Ende 2015 der Magnet im Naturkundemuseum. Fast 900 000 Besucher haben die durch natürliche Vorgänge geschwärzten Knochen, die das Monster noch unheimlicher machen, bereits bewundert.

Die Fossilien wurden 2012 in Montana auf einem Privatgrundstück in Hell Creek gefunden. Die Region ist bekannt für viele Funde aus der Kreidezeit. Die Überreste wurden von dem dänischstämmigen Niels Nielsen, einem Banker aus London, und seinem Geschäftspartner Jens Peter Jensen gekauft. Um dem Ungetüm etwas von seinem Schrecken zu nehmen, tauften es die Eigentümer auf die Namen ihrer beiden Söhne: Tristan Otto. Ob der Dino tatsächlich Männlein oder Weiblein war, ist aber noch nicht klar.

Nielsen und Jensen suchten sich Berlin als vorübergehende Heimat für ihr sperriges Haustier aus. Sie überließen den Knochenhaufen dem Naturkundemuseum kostenlos mit der Auflage, dass das Team um Museumsdirektor Johannes Vogel das Skelett nicht nur in eine Vitrine stellt; sondern nutzt, um mehr über die Dinosaurier und ihre Welt herauszufinden.

Das Ergebnis ist eine Dino-Schau, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Aus Tristan Ottos 170 erhaltenen Original-Knochen und Ergänzungen wurde ein Gerippe komplettiert, das das 66 Millionen Jahre alte Urtier sprungbereit zum Leben erwachen lässt. Wer das sparsam beleuchtete Separee für Tristan betritt, zuckt zusammen: Er blickt in ein klaffendes Riesenmaul mit 15 Zentimeter langen Zähnen.

Doch Vogel und seine Mitarbeiter wollen mehr als den kalten Schauer. Tristan wurde so konstruiert, dass einzelne Knochen jederzeit entnommen werden können. Sie wandern unter anderem in die Computertomografen der Klinik Charité. Die neuesten Forschungsergebnisse fließen ständig in die Ausstellung ein, werden wie Hologramme auf transparenten Bildschirmen präsentiert. Denn viel weiß man bisher nicht über diese Urzeit-Riesen. Knochen sind nicht sehr gesprächig.
Eine Fundgrube für die Naturwissenschaftler ist der Schädel des T.-Rex. Er ist nahezu vollständig erhalten. Das ist weltweit einzigartig. Auf dem Skelett sitzt allerdings eine Nachbildung aus dem 3-D-Drucker. "Der originale Schädel wäre zu schwer für die Konstruktion", erklärt der Direktor. Zu Lebzeiten sorgte Tristan Ottos langer Schwanz für ein Gegengewicht. In Berlin hat man aus der Not eine Tugend gemacht: Tristan Ottos echtem Kopf kann der Besucher in einer eigenen Vitrine auf Augenhöhe begegnen.

Gerade der Kopf macht es möglich, dem Besucher aus der Urzeit des Planeten nicht nur buchstäblich auf den Zahn zu fühlen. Tristan Otto war demnach etwa 20 Jahre alt, als er/sie den Löffel abgab. Es war also ein ausgewachsenes Tier, das zu Lebzeiten bei 3,63 Metern Höhe und zwölf Metern Länge etwa sieben Tonnen wog.
Im Gebiss Tristans fällt ein überlanger Zahn auf. Anomalien im Kieferknochen legen nahe, dass der Dino unter einer chronischen Entzündung im Mund litt, die heftige Schmerzen verursacht haben dürfte. Entweder verhungerte Tristan Otto, weil er nicht mehr beißen konnte, oder er starb an der Entkräftung durch die Entzündung oder an Bissen seiner Artgenossen. Viele andere Blessuren, die an seinen Knochen dokumentiert sind, steckte der Räuber besser weg.

Nicht erst dank Tristan wissen die Wissenschaft und der Rest der Welt, dass die Ungetüme in der Kreidezeit alles andere als Kreide gefressen hatten. Großes Tier = großer Hunger, doch ob ein T.-Rex lebende Beute fangen konnte, ist fraglich. Er konnte Essbares nämlich eigentlich nur mit seinem Gebiss packen, kaum mit den zu kurzen Armen.

Die Forschung geht heute davon aus, das der T.-Rex Aasfresser war oder kleineren Sauriern die Beute abjagte. Die Schädelknochen von Tristan Otto lassen darauf schließen, dass der Saurier einen großen Riechapparat hatte. Vermutlich war er mit der feinen Nase in der Lage, einen gedeckten Tisch aus 40 Kilometern Entfernung zu erschnüffeln und auf zwei schnellen Beinen in Windeseile zu erreichen.

Rund um Tristan Otto erfährt der Besucher des Museums fast alles über die Welt der Dinosaurier. Die Echsen beherrschten 170 Millionen Jahre lang die Erde. Die ersten Vertreter tauchten 235 Millionen Jahre vor unserer Zeit auf, vor 65 Millionen Jahren sind sie schlagartig ausgestorben - zusammen mit vielen anderen Tierarten, weil der Einschlag eines Meteoriten im heutigen Golf von Mexiko eine globale Klimakatastrophe verursachte.
Fossilien von Dinosauriern findet man überall auf der Welt, die zu Lebzeiten der Echsen ganz anders aussah als heute: Die vertrauten Kontinente existierten nicht, es gab einen einzigen Superkontinent namens Pangaea. Gab es auch Dinosaurier in Deutschland? Jawohl, wobei auch hier die Einschränkung gilt, dass Europa zur Zeit der Dinosaurier noch nicht auf der Landkarte erschienen war. Selbst die Alpen sind im Vergleich zu Tristan Otto jung, ihre Auffaltung begann vor 35 Millionen Jahren.

Auch Bayern ist Dinoland. Hier wurden bedeutende Funde gemacht, meist aus der Frühzeit der Urechsen (Archosaurier) und von Übergangsformen zwischen Reptil und Vogel (Archaeopterix/Eichstätt). Der Nürnberger Arzt Friedrich Engelhardt fand bereits 1834 rätselhafte Knochen in einer Tongrube. Das Fossil heißt Plateosaurus engelhardti (210 Millionen Jahre alt). Die bekannten Saurierfährten bei Euerdorf im Landkreis Schweinfurt hat vor 240 Millionen ein Ur-Urahn von Tristan Otto hinterlassen.

Und heute? Wer Tristan Otto ganz nahe kommen will, sollte sich mal dieses Urvieh genauer anschauen: Gallus gallus domesticus: Das Haushuhn steht Tristan und Konsorten genetisch näher als jedes andere Tier der Jetzt-Zeit! Am Ende hat der garstige T.-Rex gar nicht gebrüllt wie im Film, sondern gegackert wie ein Huhn. Vielleicht bringen Vogel und sein Team die Knochen in Berlin ja tatsächlich zum Reden ...


INFO:

Naturkundemuseum

Adresse
Das Berliner Naturkundemuseum befindet sich in der Invalidenstraße, nahe des Hauptbahnhofs. Geöffnet ist täglich außer am Montag von 9.30 bis 18 Uhr, samstags, sonntags sowie an Feiertagen ab 10 Uhr. Eine Ticketbuchung online wird empfohlen (www.naturkundemuseum.berlin/de).

Ausstellung Das Museum zeigt einen weiteren Super-Saurier, Brachiosarus, das größte Dino-Skelett der Welt. Aktuell ist die Sonderausstellung "Kometen" zu sehen, die die Rosetta-Mission dokumentiert. Mit 30 Millionen Objekten, darunter 130 000 ausgestopften Vögeln , ist die Sammlung des Museums eine der größten weltweit. gf
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