Bamberg
Sandkerwa-Geschichte

Mit ner Kanone übers Kerwagelände im Bamberg

Partyalarm im Sand! Kerwafans von Nah und Fern rücken an, um eines der größten bayerischen Volksfeste zu zelebrieren. Dabei hätte man die Sandkerwa 1961 beinahe in den Sand gesetzt, wie die Chronik des Bürgervereins berichtet. Lust auf eine Zeitreise?
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Eine Kanone aus den Befreiungskriegen führten die Südtiroler Schützen (Foto) 1963 im Festzug mit.  Foto: Archiv Bürgerverein 4. Distrikt
Eine Kanone aus den Befreiungskriegen führten die Südtiroler Schützen (Foto) 1963 im Festzug mit. Foto: Archiv Bürgerverein 4. Distrikt
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"Aaa zapft isss!" Wieder ist der Sand im Ausnahmezustand, in der Hand zahlloser Partygänger. Bands heizen die Stimmung an, DJs mischen coole Sounds unter Volks. Vorbei sind eben die Zeiten, als Blasmusik noch den Ton angab und der Tanz der Nürnberger Wäschermadla auf der Regnitz als Attraktion gefeiert wurde. Wie drängten sich 1963 die Menschen, um zu sehen, wie die Mittelfränkinnen auf schaukelnder Bühne das Tanzbein schwangen!

Kurz vor dem Aus

Folgen wir den Spuren der Kerwa zurück in die 60er Jahre, als Bamberg eines der größten Volksfeste des Freistaates fast verloren hätte: Gebühren und Auflagen zwangen die Veranstalter in die Knie. So warnte der Bürgerverein schon im März 1961 Oberbürgermeister Mathieu, "dass unter den gegebenen schwierigen Verhältnissen das bewährte Bamberger Volksfest nicht mehr durchgeführt werden kann". Zumal' s in Wirtschaftswunder- Jahren nicht einfach war, geeignetes Personal zu finden. Das Warnschild einer Gaststätte "Heuer keine Bewirtung wegen Personalmangels" alarmierte den FT. Der Lösungsansatz der Redaktion: "Wir schlagen vor, rechtzeitig Bierautomaten aufzustellen, die Krüge bringen wir notfalls selbst von zu Hause mit. Damit ist gleichzeitig garantiert, dass man für eine Maß auch einen Liter bekommt."

Teure Toilettenwagen
Die Sandkerwa überlebte - samt der damit verbundenen Querelen zwischen dem Bürgerverein und der Stadt. Bitter beklagten sich die Veranstalter beim Stadtrat 1963 wegen einer Bürokratie, die "jede idealistische Mitwirkung zuschanden macht". Man habe es versäumt, die Toilettenanlagen an der Martinschule und der Unteren Brücke während der Kerwa zu öffnen. Toilettenwagen seien eine kostspielige Alternative, auf die Besucher gerne verzichten würden. Überhaupt "ist es bei uns nicht üblich, dass Männer für das Pissoir bezahlen müssen", so die Beschwerdeführer. Was stinkende Hinterlassenschaften von Protest-Pinklern nicht rechtfertigt, die sich damals in Hauseingängen zu später Stunden erleichterten.

Tradition hat in Bamberg auch der Kampf um die Sperrzeitenregelung. Vergeblich forderten Kerwa-Wirte und Veranstalter 1963 eine Verlängerung der "Polizeistunde" (wie's damals noch hieß) bis Mitternacht. Die Stadt blieb stur: So verstummte Punkt 23 Uhr die Musik, womit sich Festbesucher "nachweisbar nicht abfanden", wie die Chronik des Bürgervereins berichtet. Boykottierten sie anschließend die Kerwa oder sangen voller Wut aus vollem Hals bis in die Morgenstunden? Übers weitere Geschehen schweigt sich die Quelle aus.

Stanken Gästen nun die Wucherpreise der WC-Wagen, der Getränke, Speisen oder eben die Sperrzeiten: Zu wandelnden Zielscheiben wurden von jeher Abzeichenverkäufer. 1963 vermerkte der Bürgerverein, dass "störende Elemente" einige von ihnen so bedrohten, "dass eine Inschutznahme durch Abstellung eines Polizisten notwendig wurde".

"Völlig zerweicht"
Vermutlich hatten die "Elemente" zu tief ins Glas geschaut. Wie jener Festbesucher aus der Region, der sich alkoholisierte und prompt ins Volksblatt manövrierte: "Völlig zerweicht schleppten Passanten am Samstagfrüh um 4 Uhr einen 32-jährigen Arbeiter aus dem Landkreis zum Polizeirevier", berichtete die Redaktion am 26. August 1963. Dort habe man die "Leiche in der Zelle verwahrt".

Vielleicht verschlief der 32-Jährige hier den Festzug, in dem ein Relikt aus den Befreiungskriegen eine zentrale Rolle spielte: So schleppten Südtiroler Standschützen der Gruppe "Das letzte Aufgebot" eine Kanone durch Sandgebiet, die vom Aufstand des Andreas Hofer 1809 geblieben war. Dreimal hatte er die Tiroler siegreich zum Kampf gegen Napoleons Truppen geführt, was das schwere Geschütz rechtfertigt, das die Gäste bei der Sandkerwa auffuhren.


Schweinskotelett für 1,60 DM
Die Bambergerin, die heute die Geschicke des Festes lenkt, erblickte übrigens 1963 das Licht der Welt: Ulrike Heucken. Fritz Kropf wurde in jenem Jahr zum zweiten Mal Fischerstecherkönig, nachdem sich Josef Kropf senior bei der Premiere des Wettkampfes den Titel erstmals gesichert hatte - gefolgt von Gabriel Kropf und Baptist Kropf 1954. Zu einer Zeit, als der Grieß-Garten noch im Kirchweih-Kalender mit 'nem Schweinskotelett für 1,60 DM, Saft-Gulasch und Eisbein in Aspik für jeweils 1 Mark warb.

 
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