Unterhaid
Aktion

Mit einem Auto zurück ins Leben

Seit einem Jahr ist die 41-jährige Meike praktisch im eigenen Körper gefangen - gelähmt und unfähig zu sprechen, wobei sie geistig voll da ist.
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Meike kommuniziert ausschließlich über die Augen. Foto: privat
Meike kommuniziert ausschließlich über die Augen. Foto: privat
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Meike ist witzig. Meike ist intelligent. Meike ist stark. Nur: Es dauert, bis man das mitbekommt. Weil Meike einen auf den ersten Blick verunsichert. Warum? Weil sie einen unvermittelt mit einem Krankheitsbild konfrontiert, das weithin unbekannt ist: "Locked-in-Syndrom". Das bedeutet, dass die 41-Jährige geistig voll da ist, aber vollständig gelähmt und ohne die Fähigkeit, sich sprachlich mitzuteilen.

Wie gesagt sprachlich. Ansonsten hat es sich die junge Frau im letzten Jahr mühsam einen Weg erarbeitet, auf dem sie Gedanken und Gefühle übermitteln kann: Sie lässt die Augen sprechen - senkt sie ihre Lider heißt das nein, hebt sie diese ist das ein Ja.

Bis zum 23. Dezember des vergangenen Jahres führte die agile Frau, deren blonde Naturlockenpracht auffällt, ein ganz normales Leben. Um intensiv für ihre beiden Jungs (heute sieben und zehn Jahre alt) da sein zu können, arbeitete sie in Teilzeit als Arzthelferin. Sie hatte sich letztes Jahr nach vielen durchgearbeiteten Tagen nach langer Zeit erstmals auf einen Urlaub zwischen den Jahren gefreut. Dann geschah es, mitten bei der Arbeit: Plötzliche Übelkeit, epileptische Anfälle, Bewusstlosigkeit. Die Arzthelferin wurde ins Krankenhaus gebracht, drei Tage Koma auf der Intensivstation und irgendwann die Diagnose Locked-in-Syndrom. Die Folgen einer Art Schlaganfall im Stammhirns übersetzt es Meikes Vater Otmar Platzer für den Laien.

Während der Feiertage war die Besetzung im Krankenhaus wohl eher schwach gewesen, bemüht Meikes Mutter Annemarie eine Erklärung. Sonst hätte man womöglich eher reagieren, noch was retten können.

Weihnachten 2015 war jedenfalls für die gesamte Familie gelaufen. Und seitdem ist nichts mehr so, wie es war.
Nach dem Klinikaufenthalt folgte die Früh-Reha, seit Ende Juli lebt die 41-Jährige wieder bei ihren Eltern. Keiner aus der Familie wollte sie in ein Heim geben. In das in Eltmann am Hang gelegene Zuhause zurückzukehren war unmöglich. Da blieb das barrierefreie Haus der Eltern in Unterhaid, in dem auch Schwester Susanne (44) und deren Mann leben. Im einstigen Carportbereich entsteht derzeit ein behindertengerechtes Einzimmer-Apartment.

Meike kann mittlerweile wieder selbständig atmen und beginnt, pürierte Kost aufzunehmen. Dennoch ist sie an 24 Stunden am Tag auf Hilfe angewiesen. Die Woche ist genau nach den Besuchen der unterschiedlichsten Therapeuten getaktet. Sie bestimmen den Tagesablauf der gesamten Familie. Die ist durch die Fürsorge für Meike noch enger zusammengerückt.

Auch wenn Meike es überhaupt nicht leiden kann, wenn über sie und nicht mit ihr gesprochen wird, drücken Eltern und Schwester doch immer wieder ihre Bewunderung aus, mit welcher Kraft Meike an sich arbeitet. "Ich hatte früher nie mitbekommen, dass sie so stark ist", staunt ihre jüngere Schwester. Betreut wird Meike rund um die Uhr von einer der Visit-Pflegerinnen, ihre Arme und ihr Sprachrohr. "Hören tut sie ja selbst außerordentlich gut", schmunzelt ihre Schwester Susanne stolz. Meike grinst.


Ein Sprachrohr

Sie lässt über Sprachrohr Patricia wissen, wie sehr sie normal behandelt werden möchte, nicht besonders laut oder gar in Kindersprache angeredet. Auch soll man das in die Öffentlichkeit tragen, damit die weiß, welchen Umgang sich Locked-in-Syndrom-Patienten wünschen.

Dass sie sich sehnlichst wünscht, wieder gesund zu werden, wieder Gewalt über ihren Körper zu haben, steht außer Frage. Aber gibt es da möglicherweise Materielles, das sie sich zu Weihnachten gewünscht hat? Sie würde gerne wieder am normalen Leben teilhaben, mal in die Stadt fahren, schauen wie es da ist.

Doch kann Meike nicht einfach so in regulären Autos sitzen. Sie benötigt ein Transportmittel mit Rollstuhlsicherung, so wollen es die Vorschriften. Deswegen kostet eine Fahrt im Spezial-Taxi jedes Mal 100 Euro.

Das ist allerhöchstens einmal pro Monat drin. Für Spontaneität bleibt da wenig Raum. Das Auto der Eltern kann nicht umgerüstet werden, die Schwester fährt einen Firmenwagen und Bruder Tobias (35) wohnt außerhalb. So kam Visit-Chefin Sabine König auf die Idee mit einer Spendenaktion. Die läuft über den Verein Frank & Frei e.V., wo unter dem Stichwort Meike Geld überwiesen werden kann. Ein Rollstuhlauto wäre nicht nur die Chance auf mehr Lebensqualität, sondern vor allem auch ein Weg, die Kinder wieder öfter zu sehen, sagt Meike. Rasend schnell hat sie das Patricia über das Buchstabenblatt mitgeteilt. Jetzt werden Meikes Augen feucht.
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