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Bamberg
Prozess

Messer gegen Polizei: Bamberger Gericht verurteilt Mann wegen Vollrausch

Das Strafverfahren gegen einen 56-Jährigen aus dem Landkreis Bamberg wegen versuchten Totschlags ist zu Ende.
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Symbolfoto: Christopher Schulz
Symbolfoto: Christopher Schulz
"Wir können nicht riskieren, dass wir Sie unbehandelt 'raus lassen und dann was passiert." Die Botschaft von Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt an den Angeklagten war unmissverständlich. Erich E. (Name von der Redaktion geändert) hat aus Sicht der Zweiten Strafkammer am Landgericht ein Alkoholproblem, das er angehen muss.

Andernfalls sehen sie bei dem 56-jährigen Angestellten die Gefahr, dass sich Vorfälle wie jene im Juni 2016 wiederholen. Sie hatten dem bislang unbescholtenen Mann einen Prozess wegen versuchten Totschlags in zwei Fälleneingebracht.

Wie Schmidt in der mündlichen Urteilsbegründung am Freitag rekapitulierte, hatte am 5. Juni alles ganz trivial begonnen: mit einem Anruf bei der Polizei, in dem sich Nachbarn über die laute Musik beschwert hatten, die aus E.s Wohnung drang. Stunden später rückte ein Sondereinsatzkommando an und verschaffte sich gewaltsam Zutritt, weil der Mann nicht aufmachen wollte.


Situation eskalierte

Die Richter gehen nach der Anhörung mehrerer Zeugen und eines Sachverständigen davon aus, dass der Angeklagte von drinnen alles verfolgt hat: Die Wohnungstür hat eine Milchglasscheibe. "Hätte er die weiße Fahne gehisst, wäre die Sache wohl schnell beendet gewesen", so Schmidt.

Stattdessen habe er schon die ersten Polizeibeamten gefährdet, indem er mit einem Messer durch die einen Spalt geöffnete Tür nach draußen ins Treppenhaus stach. Die SEK-Kräfte habe er auf die selbe Art und Weise attackiert, statt klein beizugeben. Richtig gefährlich für die Uniformierten sei die Situation durch die Örtlichkeit gewesen: Die Treppe führt direkt in die Wohnung von Erich E., so dass die Beamten unmittelbar vor seiner Tür stehen mussten. Ein Podest, auf dem sie hätten ausweichen können, gibt es in dem Haus nicht.

Die Kammer geht davon aus, dass der Angeklagte sich vor allem verteidigen wollte. Er habe durch den Einsatz der Messer aber Schlimmeres bis zum Tod der Polizisten in Kauf genommen. Deshalb sei ein Freispruch, wie von Verteidiger Helmut Gebhardt beantragt, nicht in Frage gekommen.


Richter folgen Staatsanwalt

Die Richter teilten vielmehr die Bewertung durch Oberstaatsanwalt Otto Heyder und blieben nur zwei Monate unter dessen Antrag: Er hatte auf drei Jahre Freiheitsstrafe wegen Vollrausches plädiert und die Unterbringung des Angeklagten in einem Bezirkskrankenhaus verlangt, wo E. eine Alkoholtherapie machen soll.

Denn: Der 56-Jährige litt einem Gutachten zufolge in der Tatzeit an einer alkoholbedingten Psychose. Er hatte - zurück gerechnet - wohl um die zwei Promille. Seine Steuerungsfähigkeit war nach Angaben des Sachverständigen aufgehoben. Die Auswertung von Telefonaten und Videos belegte, dass der Mann die Polizeibeamten gesehen hatte. Die Richter halten es für möglich, dass er sie in seinem Zustand aber für als Polizisten verkleidete Männer gehalten hat.

Die attestierte Schuldunfähigkeit führte dazu, dass E. nicht für ein Tötungdelikt und auch nicht wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt werden konnte. Für den Vollrausch müsse er sich aber verantworten. Der Vorsitzende Richter machte klar: "Es kann nicht sein, dass ein Täter dann straflos davon kommt." Es sei ja auch nicht immer so wie hier, dass niemand verletzt wird.


Angeklagter hat Alkoholproblem

Als E. am 5. Juni begonnen habe, Alkohol zu trinken, war er laut Schmidt schuldfähig. Von Zeugen aus seinem sozialen Umfeld wisse man, dass der Angeklagte sich unter Alkoholeinfluss verändere und unangenehm werden könne. Das habe dieser auch gewusst und trotzdem seinen Hang zum Alkohol nicht bekämpft. Unglaubwürdig nannte der Kammervorsitzende die Trinkmengen, die E. angegeben hatte. Es müsse viel mehr gewesen sein, als zwei Kästen Bier und eine halbe Flasche Hochprozentiges im Monat.

Nach dem Willen der Zweiten Strafkammer wird der Angeklagte, sobald das Urteil rechtskräftig ist, in einer Suchtklinik untergebracht. Die Dauer der Unterbringung wird auf die Freiheitsstrafe angerechnet, ebenso die schon verbüßten knapp acht Monate Untersuchungshaft. Gut möglich, dass E. nicht mehr in Strafhaft muss.

Der Industrieelektroniker war nahezu immer berufstätig und stand bis zu seiner Festnahme in Lohn und Brot. Die Arbeit stellte für ihn nach eigenen Angaben den wichtigsten Lebensinhalt dar.
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