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Mehr Zeit für Familienpflege? Eine fränkische Bilanz

Seit diesem Jahr haben Berufstätige per Gesetz mehr Möglichkeiten, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Doch Arbeitgeber wie Arbeitnehmer meiden das Thema.
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Wer einen kranken Angehörigen pflegen möchte, hat unter anderem das Recht, seine Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche zu reduzieren. Er kann das bis zu 24 Monate lang tun, allerdings nur bei Arbeitgebern mit mehr als 25 Beschäftigten. Symbolfoto: Oliver Berg, dpa
Wer einen kranken Angehörigen pflegen möchte, hat unter anderem das Recht, seine Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche zu reduzieren. Er kann das bis zu 24 Monate lang tun, allerdings nur bei Arbeitgebern mit mehr als 25 Beschäftigten. Symbolfoto: Oliver Berg, dpa
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Oft kommen die Schwierigkeiten über Nacht. "Mein Vater hatte einen Schlaganfall. Wie soll ich das denn jetzt alles hinbekommen?" Die Frage eines Arbeitnehmers, eine Frage, die in Deutschland immer häufiger auftaucht, jeweils mit unterschiedlichen Ausprägungen.


Kaum Gebrauch

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege naher Angehöriger nicht länger ignoriert werden kann. Zu Beginn des zurückliegenden Jahres traten einige Verbesserungen im Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz in Kraft. Unter anderem besteht seitdem ein Rechtsanspruch gegenüber dem Arbeitgeber, die wöchentliche Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 15 Stunden zu reduzieren - wenn auch nicht in kleinen Betrieben.

Zwölf Monate später zeigt sich, dass von den neuen Regeln zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf noch kaum Gebrauch gemacht wird. "Die Nachfrage nach dem Angebot der Familienpflegezeit ist bei unseren Mitarbeitern sehr verhalten", heißt es zum Beispiel beim Auto- und Industriezulieferer Schaeffler in Herzogenaurach auf unsere Anfrage.

Bei der Huk-Coburg-Versicherung, die in Coburg rund 5000 Menschen beschäftigt, haben bisher laut Pressesprecher Holger Brendel immerhin drei Mitarbeiter ein Pflegeunterstützungsgeld beantragt. Ein Mitarbeiter nutze die Möglichkeit der Familienpflegezeit.


"Sexy ist das Thema nicht"

Über das hausinterne Intranet hatte der oberfränkische Versicherer seine Mitarbeiter zu Jahresbeginn über die neuen gesetzlichen Möglichkeiten informiert. Doch das ist nicht überall so. "Das Thema muss erst einmal in die Köpfe der Unternehmen", sagt Stefan Becker von der Hertie-Stiftung. Becker sieht viele Parallelen zur Diskussion über die Kinderbetreuung vor mehr als zehn Jahren.

Sascha Dorsch, Personalreferent beim mittelständischen Arzneimittelhersteller Dr. R. Pfleger in Bamberg, spricht von einer Hemmschwelle - auch bei den Beschäftigten. "Sexy ist das Thema nicht. Anders als zum Beispiel die Geburt eines Kindes", beschreibt er die Situation. Bei der Firma Dr. Pfleger ist man dennoch schon einen Schritt weiter.

Vor dem Hintergrund, dass aufgrund der Demografie die Wahrscheinlichkeit immer höher wird, dass Arbeitnehmer pflegebedürftige Angehörige haben, hat das Unternehmen ein Konzept entwickelt, um die Betreffenden besser zu informieren. Unter anderem wurden Führungskräfte sensibilisiert, und den Mitarbeitern stand für zwei Stunden in der Woche während der Arbeitszeit eine Pflegeberaterin zur Verfügung.


Ein Viertel ist ausgeschlossen

Das Familienpflegegesetz hält Dorsch dennoch für zu starr und bürokratisch. "Bei uns gibt es Jahresarbeitszeitkonten, die auf- und abgebaut werden können", verweist er auf eine Alternative.

Kritik an den gesetzlichen Regelungen kommt auch vom Sozialverband VdK. Ulrike Mascher, VdK-Präsidentin und VdK-Landesvorsitzende in Bayern, verweist darauf, dass ein Viertel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von der Familienpflegezeit sowieso ausgeschlossen ist, weil der Rechtsanspruch nur in Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten besteht.

"Zum anderen kommt ein Darlehen zur Überbrückung der Pflegezeit eines Angehörigen für die allermeisten Menschen nicht in Frage", gibt Mascher zu bedenken. "Wer möchte schon mit Schulden belastet aus der Pflegezeit gehen?"


Kündigungsschutz hilft wenig

Der VdK fordert, dass häusliche Pflege denselben Stellenwert wie Kindererziehung bekommt. Eine ganz andere Hemmschwelle sehen Experten, wenn es um die Durchsetzung des Rechtsanspruchs auf Freistellung geht. Selbst wenn für die Zeit der Pflege oder Familienpflege Kündigungsschutz besteht. Aber wie reagiert der Arbeitgeber danach? Diese Verunsicherung bei den Beschäftigten bleibt auch nach den Neuregelungen bestehen.

Angehörige pflegen - Das ermöglicht das Gesetz


Kurzfristig zehn Tage frei
Wenn sich ein akuter Pflegefall ergibt, können Beschäftigte bis zu zehn Tage ohne Ankündigungsfrist der Arbeit fernbleiben, um die Pflege eines Angehörigen zu organisieren. Das Recht gilt unabhängig von der Größe des Unternehmens. Auf Antrag bei der Pflegeversicherung des Angehörigen gibt es Pflegeunterstützungsgeld.

Vollständige oder teilweise Freistellung bis zu sechs Monate Um einen Angehörigen in häuslicher Umgebung zu pflegen, können Beschäftigte bis zu sechs Monate teilweise oder ganz aus dem Job aussteigen. Dieser Rechtsanspruch besteht allerdings nur bei Arbeitgebern mit mehr als 15 Beschäftigten.

Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 15 Wochenstunden für bis zu 24 Monate Die neue Familienpflegezeit gibt einen Rechtsanspruch, die Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden pro Woche zu reduzieren - und zwar bis zu zwei Jahre lang. Verpflichtet dazu sind aber nur Arbeitgeber mit mehr als 25 Beschäftigten.

Zinsloses Darlehen Beschäftigte, die die Pflegezeit bis zu sechs Monate oder die Familienpflegezeit bis zu 24 Monate in Anspruch nehmen, erhalten in dieser Zeit auf Antrag ein zinsloses Darlehen. Der Antrag ist beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zu stellen. Das Darlehen wird in monatlichen Raten ausgezahlt.
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