Bamberg
Familie

Liebevoller Karrierist, Hausmann, ganzer Kerl - Ideal und Wirklichkeit fränkischer Väter

Was bedeutet es, heute Vater zu sein? Wie wird Männlichkeit neu besetzt? Und was hat das alles mit dem Alltag fränkischer Familien zu tun?
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Hans-Joachim Türcke mit Jan und Hannah Foto: Ronald Rinklef
Hans-Joachim Türcke mit Jan und Hannah Foto: Ronald Rinklef
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Hans-Joachim und Sandra Türcke sind die Welt. Zumindest für den fast vierjährigen Jan und die neunjährige Hannah. "Die Kinder bringen einem bedingungsloses Vertrauen entgegen: Wenn der Papa da ist, dann läuft es", sagt Vater Türcke. So wichtig für jemanden zu sein, er zögert, überlegt, wie er das "unglaubliche Gefühl" beschreiben kann und wählt ganz schlichte Worte: "Als Eltern ist man die Welt. Das ist einfach das Schönste!"
Hans-Joachim Türcke aus Dörfles-Esbach ist einer dieser neuen Väter, die versuchen, Gleichberechtigung zu leben. Der 49-Jährige macht Hausaufgaben mit der Großen und fährt mit dem Kleinen im Kinderwagen durch die Siedlung. Er liebt es, wie oben auf dem Foto, mit ihnen die Kugelbahn zusammen zu bauen. Er zieht die Kinder um, putzt mit ihnen Zähne, liest ihnen vor, bringt sie ins Bett.
Und wenn Mama Sandra am Wochenende Zeit braucht, weil bei ihrem Job etwas liegen geblieben ist, sie Fenster putzen muss oder einfach mal mit einer Freundin Kaffee trinken will, dann schnappt er sich die Kinder und geht mit ihnen ins Schwimmbad. Aber seine bedeutendste Leistung als Familienvater ist vielleicht, dass er weiß, dass er kein Held ist: "Den weitaus größten Teil übernimmt Sandra."


Nicht nur Rosinen für die Männer

Hans-Joachim Türcke gibt zu, dass es trotz stressigem Job viel leichter ist, sich abends bei den Kindern in Geduld zu üben, als wenn er sich stundenlang um sie gekümmert hätte. Wenn der Kleine seinen Dickschädel kriegt und die Große bockt, sei er froh, dass er abends nur zwei Stunden mit ihnen habe. Er gesteht ein, dass seine Frau neben ihrer Teilzeitstelle unglaublich viel in der Familie leisten muss, weil er Vollzeit arbeitet. Väter übernehmen heute viel. "Aber ich kenne keinen Mann, der freiwillig Teilzeit arbeitet." Es gibt dafür verschiedene Gründe. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Frauen den größeren Teil tragen. Hans-Joachim Türcke weiß das. Und er weiß auch, dass dies von vielen als selbstverständlich angesehen wird, wogegen Männer, die prestigeträchtig einen schönen Ausflug unternehmen, von außen Anerkennung ernten. Fair ist das nicht. Der 49-Jährige versucht, sich nicht nur die Rosinen rauszupicken. Wenn die Kinder schlafen, machen er und seine Frau den Haushalt gemeinsam fertig. "Wenn man seine Rolle ernst nimmt, gehören diese Verpflichtungen dazu. Alles hinzukriegen gehört auch dazu, das ist so ein Bild in unserer Gesellschaft." Die Türckes bekommen es hin. Jeden Tag. Abends um zehn sind sie fertig.


Zeit füreinander

Super Vater, sexy Liebhaber, erfolgreicher Arbeitnehmer mit ordentlichem Verdienst - das Bild vom "neuen Mann" überfordert viele. "Es ist schon arg viel Märchen dabei", sagt Clemens Raab, Vater zweier Töchter aus Burgebrach. "Ich arbeite ganztags, meine Frau 70 Prozent Teilzeit." Auch er sagt: "Klar könnten auch die Väter 70 Prozent arbeiten. Aber meist ist das Gehalt der Männer heute eben doch noch höher." Außerdem fürchteten die Männer, dass sie nach einer Erziehungszeit oder durch Teilzeit den Anschluss verlieren "Nicht ganz zu Unrecht, man sieht, wie es den Frauen ergeht."
Dass man gemeinsam den Haushalt macht, gab es in seiner Kindheit nicht. "Den Vater hat man früh und abends gesehen und das war's." Clemens Raab lacht: "Mein Vater würde verhungern, wenn ihm keiner was kocht!" Aber auch heute würden sich viele Paare die Familienarbeit nicht teilen. Clemens Raab tut, was er kann. Auch er hat von früh bis spät "Programm". Wenn die Kinder schlafen, haben er und seine Frau Zeit füreinander. Oder für sich selbst. Manchmal wollen sie am Abend nur bei ihren Hobbys abschalten. "Ich mache was am PC, sie näht", sagt der 46-Jährige.


"Die Emanzipation ist schief gelaufen"

"Die Männer werden viel mehr in die Verantwortung genommen", sagt Christiane Kömm, Vorsitzende des Familienbundes Bamberg. "Dadurch haben viele auch ein super Verhältnis zu ihren Kindern. Sie haben gelernt, dass das nur geht, wenn sie Zeit mit ihnen verbringen. Und dass Arbeit nicht alles ist." Kömm beschäftigt sich gerade mit der Rolle der Männer, denn diese sind bei der Jahrestagung am 19. November Thema (siehe Infobox links). "Die Emanzipation ist schief gelaufen", sagt sie. Weil es immer nur um die Erwerbsarbeit gehe und Haus- und Erziehungsarbeit zu wenig anerkannt werde. Aber auch, weil die Männer bei der Emanzipation nicht mitgenommen worden seien. Die Beteiligung der Männer an der Hausarbeit hat nicht im gleichen Maße zugenommen wie die Berufstätigkeit der Frauen. "Als Familienbund ist uns wichtig, dass Ehe gelingt - aber es ist doch klar, dass viele Ehen in die Brüche gehen, wenn sie alles alleine machen muss." Es sei schwierig, mit dem "Alltagsgebrummel", die Liebe nicht sterben zu lassen. "Männer haben es auch nicht leicht. Das Arbeitspensum ist enorm, bei vielen ist der Sonntag zum häuslichen Arbeitstag verkommen: Da wird die Wäsche gemacht." Die gesellschaftlichen Herausforderungen könnten Männer und Frauen nur gemeinsam lösen.


Wie sexy ist ein Kerl mit Wischmop?

Für die Männer ist es schwierig, ihre Rolle zu finden. Wie männlich ist ein Kerl mit Tragetuch für's Baby? Wie sexy ein Mann mit Wischmop und Filzpantoffeln? Leicht führen Weichei-Klischees zu einer Art Gegenbewegung, zu Überkompensation der Männlichkeit. Gewaltbereitschaft und die Sehnsucht nach starken Führerfiguren sehen Soziologen auch als Folge orientierungsloser Männlichkeit. "Wir merken immer mehr, dass Jungs ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Sie sind schulisch hinterher, auch mehr suchtgefährdet. Wenn das so weitergeht, müssen wir in 30 Jahren die Jungs emanzipieren", sagt Kömm.
Männer sind keine Übermenschen. Sie bekommen nicht alles gleichzeitig hin. Aber sie sind bereit, ihren Part zu übernehmen. Politik und Wirtschaft müssen unterstützen. Und die Mütter müssen die Väter auch lassen. Auch wenn sie wilder spielen und wie Hans-Joachim Türcke den Kleinen dabei bis fast zur Decke hochwerfen. Oder wenn sie bei der Zusammenstellung der Kinder-Outfits modische Katastrophen produzieren. Zieht Mama den Nachwuchs sofort um, muss sie sich nicht wundern, wenn Papa beim nächsten Mal nicht hilft.


Superpapas und Nörgelmamas

Ricarda Jürgens kennt Frauen, die Familie so sehr als ihr Territorium betrachten, dass die Männer keine Chance haben, die hohen Ansprüche zu erfüllen. Viel häufiger sei aber, dass Väter (wenn überhaupt) nur die prestigeträchtigen Aufgaben übernehmen. Die Alleinerziehende ärgert sich sehr, wenn die Frauen dieser Männer dann sagen: "Ich bin ja quasi auch alleinerziehend". Genau wie Türckes und Raabs findet auch die Mutter aus Bamberg es zugleich schön und schwer, ein Kind großzuziehen. "Das bringt einen an die Grenzen und darüber hinaus." Ihr Mitleid mit den Männern hält sich in Grenzen. "Männer, die sich kümmern, werden sehr positiv aufgenommen, Mütter, die ihre Männer mehr in die Pflicht nehmen wollen, gelten schnell als typisch nörgelnde Frau."
Ricarda Jürgens wünscht sich mehr gesellschaftliche Akzeptanz, mehr Unterstützung durch die Politik, flexiblere Arbeitgeber. Und einen selbstbewussten Umgang der Männer mit ihrer neuen Rolle: "Ich wünsche mir richtige Männer, die Kuchen für den Basar backen oder zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist - die dabei aber Mann bleiben, die sexy bleiben."
Hier geht's um die Teilzeitquote aller fränkischen Landkreise (mit interaktiver Grafik zum durchklicken) - und zur Umfrage, worum sich Männer nicht (so oft) kümmern.
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