Nürnberg
Frieden

Liebe im Hass: Der Retter der Kinder

Akribisch erforscht der Bamberger Franz Bauer das Wirken des Tschechen Premysl Pitter in Prag und Nürnberg.
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"Pitter-Kinder": tschechische, deutsche und jüdische Mädchen und Buben vor dem Schloss Kamenitz, das zum Kinderheim wurde.
"Pitter-Kinder": tschechische, deutsche und jüdische Mädchen und Buben vor dem Schloss Kamenitz, das zum Kinderheim wurde.
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D ie Brille ist auf seine Nasenspitze gerutscht. Hellwache Augen blitzen, als Franz Bauer zu erzählen beginnt. Über diesen großen europäischen Humanisten, Pazifisten, Pädagogen, evangelischen Prediger Premysl Pitter (1895-1976), der international höchste Wertschätzung genießt, in seiner tschechischen Heimat aber kaum bekannt ist.

"Pitter ist ein Wegbereiter der tschechisch-deutschen Versöhnung", weiß der pensionierte Oberstudiendirektor Franz Bauer nur zu gut. Ist der heute 86-jährige Wahl-Bamberger doch selbst ein Vertriebener aus dem Sudetenland. Und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, wie einst Premysl Pitter über alle Grenzen hinweg die Hände auszustrecken.

Frieden, Vertrauen, Versöhnung schaffen nach den so leidvollen Erfahrungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg, das bedeutet für den vitalen Mann jedoch mehr als Aufarbeitung von Zeitgeschichte: "Lehren daraus zu ziehen, ist aktueller denn je", meint Franz Bauer mit Blick auf eine Welt, die aus den Fugen zu geraten droht.
Premysl Pitter schenkte bedingungslose Liebe, als die Welle des Hasses jedwede Menschlichkeit hinwegspülte: "Er handelte konsequent aus christlichem Glauben heraus", erklärt Franz Bauer. In einer Phase des blutigen und aufgeheizten Nationalismus der 1930er Jahre errichtete Pitter das "Milic-Haus" in Prag für verwahrloste Kinder aus sozial schwachen Familien - ähnlich wie es einst Don Bosco in Turin getan hat. Bereits 1934 nahm Pitter auch Kinder deutscher Emigranten auf. Während des Krieges - beobachtet von der Gestapo - unterstützte er jüdische Familien, sorgte im "Milic-Haus" für deren Buben und Mädchen. Einer Verhaftung entging er, weil ein höherer SS-Offizier ihn nach dem Verhör gehen ließ: "Eine Fügung im Leben von Premysl Pitter", meint Franz Bauer.

Bereits im Januar 1945 gründete Pitter einen Ausschuss zur Hilfe für jüdische Kinder, wenn diese aus den Konzentrationslagern zurückkämen. Er begab sich selbst unmittelbar nach Kriegsende ins Ghetto von Theresienstadt, fand zusammengepferchte, unterernährte Kinder. Typhus drohte. Und so holte Pitter am 22. Mai 1945 Kinder aus Theresienstadt in das Schloss Oleschowitz, in dem er ein Kinderheim errichtete. Weitere beschlagnahmte Schlösser in der Umgebung von Prag wurden ihm für die Betreuung von hunderten Kindern zur Verfügung gestellt, etwa Kamenitz, Stirin und Lojovitz.

Und dann gelangte Pitter am 26. Juni 1945 in ein Internierungslager, in dem Sudetendeutsche vor der Vertreibung eingesperrt waren: "Vor uns öffnete sich die Hölle... Mehr als tausend Deutsche, meist Frauen und Kinder,... mussten auf der bloßen Erde sitzen... Die Säuglinge lagen da mit runzeligen Gesichtern, bloß noch Haut und Knochen, wie zwergenhafte Greise", schrieb Pitter später darüber.

Einer spontanen Erstaktion folgten in den nächsten zwei Jahren weitere Taten: Neben den jüdischen Kindern sowie Kindern anderer Nationalitäten fanden auch deutsche Kinder Schutz und Hilfe in den zu Kinderheimen umfunktionierten Schlössern.
"Premysl Pitter hat mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben, er war ein Mensch, der uns nicht durch Predigen und viel Reden, sondern durch seine Güte und Liebe gewonnen hat", sagt Jehuda Bacon, ein jüdisches "Pitter-Kind", in einem Interview. Der israelische Künstler, 1929 in Mährisch-Ostrau geboren, erinnert sich an den "ungeheuren Hass gegen alle Deutschen sofort nach dem Krieg. Deutsche wurden geschlagen oder es geschah Schlimmeres. Und da kommt so ein Pitter, geht in so ein Lager, nimmt die schlimmsten Fälle heraus und verlangt auch für sie, wie für alle anderen Kinder, besseres Essen und bessere Kleidung."

Ein deutsches "Pitter-Kind", Brigitte Zarges, sagt: "Wenn wir uns alle darum bemühen, in seinem Sinne dafür zu sorgen, dass unsere Kinder ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn haben, dann haben wir begriffen, was Onkel Premysl uns Kindern gegeben hat."

Unerschütterlichen Mut hat Pitter auf jeden Fall auch bewiesen. Denn die damals Herrschenden warfen ihm vor, er schmuse mit den Deutschen und verschwende tschechisches Geld für deutsche Feindkinder. Nach der Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 wurde seine Erziehungsarbeit erheblich eingeschränkt. 1951 erfuhr er, dass er in die Urangruben nach Joachimsthal eingeliefert werden solle. Pitter floh in die DDR, landete nach Zittau und Leipzig in Westberlin, danach in England. Dort begann er seine Mitarbeit beim BBC, beim Sender Freies Europa und später auch beim Römischen Rundfunk.
Im Dezember 1952 schickte ihn der Weltkirchenrat zum pastoralen und sozialen Dienst ins Valka-Lager nach Nürnberg, ein Barackenlager im Stadtteil Langwasser vor allem für Emigranten aus dem Ostblock. Unter den etwa 4500 "heimatlosen Ausländern" waren allein 1300 Tschechen. Pitter empfand diese Jahre nach eigenem Bericht als eine "schwere Belastung".
Er fand Kontakt zur Ackermann-Gemeinde, einer Gemeinschaft in der katholischen Kirche, die von Heimatvertriebenen aus Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien 1946 gegründet worden war mit dem Ziel einer guten deutsch-tschechisch-slowakischen Nachbarschaft. Franz Bauer, der selbst über drei Jahrzehnte Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde im Erzbistum Bamberg war, vermutet, dass er Premysl Pitter damals begegnet sein könnte, "ohne zu wissen, wer er ist".

Nach akribischem Studium der Rundfunkreden, Schriften und Biografien Pitters kennt Franz Bauer diesen Mann gleichen Geistes so gut, dass er in ganz Deutschland Vorträge über ihn halten kann. Flüssig kommen ihm Pitters Fragen nach Schuld und Vergebung über die Lippen. Bauer zitiert den Tschechen: "Man kann sich der Mitschuld nicht entziehen, indem man seine Verantwortung auf andere abwälzt." Oder Pitters weitsichtiges Resümee: "Die Lösung der mitteleuropäischen Probleme ist nicht in besserer Grenzziehung zu suchen, sondern in der Überwindung der Grenzen. Es gibt zwischen unseren Völkern praktisch keine gerechte Grenzziehung, und trennende Grenzen sind nicht gottgewollt."

Nach Auflösung des Valka-Lagers emigrierte Premysl Pitter 1962 in die Schweiz. 1964 ehrte ihn der Staat Israel für die Rettung jüdischer Kinder mit dem Titel "Gerechter unter den Völkern". 1974 verlieh ihm Bundespräsident Gustav Heinemann das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. 1995 erklärte die UNESCO den 100. Geburtstag Pitters - er starb am 15. Februar 1976 - zum "Weltkulturjubiläum". Die Ackermann-Gemeinde hat ihm eine Stele errichtet, vor der Kirche St. Rupert auf dem ehemaligen Gelände des Valka-Lagers in Nürnberg.


Ausstellung: Die Ackermann-Gemeinde Bamberg eröffnet am Donnerstag, 9. März, um 17 Uhr im Begegnungszentrum Friedrichstraße 2 die Ausstellung "Premysl Pitter - Europäischer Humanist". Die Bild- und Texttafeln sind bis zum 31. März in der benachbarten Sparkasse am Schönleinsplatz zu sehen.
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