Hirschaid
Amtsgericht

Rollerfahrer tot: Ausnahme-Urteil für betrunkene Hirschaiderin

Die 33-Jährige bekommt eine zweijährige Bewährungsstrafe. Hauptgrund für das milde Urteil: Die Ehefrau des Verstorbenen.
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Nach dem schweren Unfall zwischen Hirschaid und Altendorf vor einem Jahr starb der Fahrer des Rollers unverschuldet. Foto: Ferdinand Merzbach
Nach dem schweren Unfall zwischen Hirschaid und Altendorf vor einem Jahr starb der Fahrer des Rollers unverschuldet. Foto: Ferdinand Merzbach
Es ist schwer an diesem Tag, nicht mitzuweinen. Jener Montag, an dem die Betroffenen im Bamberger Amtsgericht aufeinander treffen: Eine 33-jährige Hirschaiderin und die Familie des Mannes, dessen Leben die Angeklagte auf dem Gewissen hat - "wegen einer alkoholtypischen Falscheinschätzung der Situation", wie es Richterin Marion Aman beschrieb. An die Unfallverursacherin gewandt sagte die Vorsitzende: "Der Herr (...) ist tot. Er konnte kein Weihnachten und kein Silvester mit seiner Familie feiern."

Er konnte es nicht, weil er vor gut einem Jahr zur falschen Zeit am falschen Ort war: Der damals 70-Jährige war auf seinem Roller zwischen Hirschaid und Altendorf unterwegs. An diesem Tag, dem 26. Januar 2016, springt kurz vor 18 Uhr Hanna B. (Name geändert) in ihren BMW. Bis eben hat sie noch mit einer Freundin telefoniert, die von ihrem Heiratsantrag erzählt hat. Hanna B. trinkt etwa drei Gläser eines spanischen Perlweins, begonnen habe sie damit nach einem stressigen Tag auf der Arbeit, wie sie selbst sagt.

Dann fällt ihr plötzlich ein: Um 18 Uhr hat sie einen Facharzttermin in Hirschaid. Ihr Blutalkoholwert beträgt 1,05 Promille, wie sich später herausstellt. "Die Angeklagte war betrunken und setzte sich trotzdem ins Auto. Das ist massiv strafschärfend", betont Staatsanwälting Susanne Hansen in ihrem Plädoyer. Sie weißt auf die Nähe zur absoluten Fahruntüchtigkeit hin, die bei 1,1 Promille liegt.

Auf der Staatsstraße 2244 will Hanna B. einen Rollerfahrer überholen, sieht alkoholbedingt einen entgegenkommenden Mercedes zu spät. Die 33-Jährige lenkt wieder nach rechts, entgeht zwar der Kollision mit dem anderen Auto, jedoch streift sie den 70-jährigen Rollerfahrer, der schwer stürzt.

Er stirbt am 13. Februar im Klinikum Bamberg an "Multiorganversagen", wie der rechtsmedizinische Sachverständige vor Gericht erklärt. Durch den Sturz habe das Unfallopfer unter anderem einen mehrreihigen Rippenbruch erlitten und sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen. Der Sachverständige sieht eine Kausalität zwischen dem Unfall und dem "schweren Trauma gegen die linke Körperseite". Zum Thema Alkoholkonsum erläutert er: "Bereits ab 0,3 Promille führt Alkohol zu Beeinträchtigungen. Man nimmt sein Umfeld nicht mehr richtig wahr. Zudem erweitern sich die Pupillen, man leidet unter einer erhöhten Blendeempfindlichkeit." Und dann kommen die Schlagworte "alkoholtypische Fehleinschätzung", "Enthemmungssymptomatik" und "gesteigerte Risikobereitschaft". Die Hirschaiderin hätte "keine Möglichkeit gehabt, die Geschwindigkeit des Rollerfahrers richtig einzuschätzen".

Hanna B. selbst hat sich bei der Familie des Opfers entschuldigt und ein Geständnis abgelegt. Ihr Anwalt Thomas Gärtner spricht davon, dass sie zusammengebrochen sei, als sie vom Tod des Rollerfahrers erfahren habe. Sie leide unter Depressionen und befinde sich in psychotherapeutischer Behandlung. "Sie muss mit der Schuld zurechtkommen, dass durch sie ein Mensch zu Tode gekommen ist."

Richterin Aman verurteilte die Mutter zweier Kinder zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Außerdem bleibt der Führerschein von Hanna B. weitere 18 Monate eingezogen, sie muss ihre eigenen Gerichtskosten und die der Familie des Opfers übernehmen. Außerdem beträgt die Bewährungszeit vier Jahre, es sind 200 Stunden gemeinnützige Arbeit bei "Lifeline" zu leisten und Hanna B. muss 5000 Euro an das Bamberger Frauenhaus zahlen. Schmerzensgeld sowie eine Auszahlung der Versicherung hat die Familie des Geschädigten bereits erhalten.

Die Richterin stellte klar, dass der Gesetzgeber grundsätzlich bei einer Trunkenheitsfahrt mit Todesfolge keine Bewährungsstrafe mehr zulässt. Dennoch gebe er gleichwohl die Möglichkeit zu Einzelfallentscheidungen. Ausschlaggebend war in diesem Fall laut Richterin Aman die Haltung der Witwe des Rollerfahres: Sie hatte zu Beginn der Verhandlung über ihren Anwalt Christian Brabant verlauten lassen: Sie und ihre Familie möchten nicht, dass die beiden Kinder von Hanna B. im Alter von drei und 13 ohne ihre Mutter aufwachsen müssen.

Kommentar:

Enthemmte Gesellschaft

Wieder ist das Leben eines vollkommen Unschuldigen ausgelöscht - weil die Unfallverursacherin betrunken war. Sie hatte mit einer Freundin auf deren Verlobung angestoßen, war dadurch bereits alkoholbedingt enthemmt und ist noch ins Auto gestiegen. Auf der Straße folgt die fatale Fehleinschätzung der Situation. Fälle wie dieser sind leider typisch. Wo bleibt die Eigenverantwortung? Jeder, der Alkohol zu sich nimmt, muss sich knallhart bewusst machen, dass er sich betäubt. Zwar in unterschiedlichem Ausmaß, doch der Körper reagiert. Zu oft verlassen sich Menschen auf ihre eigene Einschätzung. Wer "etwas trinkt", sollte überhaupt nicht mehr hinters Steuer. Gleichwohl ist der generelle Umgang mit dieser Droge zu lax: Viel zu etabliert ist das Genussmittel in unserer Gesellschaft. Gibt es etwas zu feiern, wird darauf angestoßen. Nach einem langen Arbeitstag winkt das Feierabendbierchen. Kommt Besuch, wird selbstverständlich ein feines Tröpfchen angeboten. Wer dagegen dem Alkohol größtenteils entsagt, muss sich dafür immer häufiger rechtfertigen. Verkehrte Welt.

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