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Interview

Interview mit Vural Ünlü: "Bayerns Türken sind religiöser"

Nach dem vereitelten Militärputsch scheinen Deutsche und Türken einander immer weniger zu verstehen.
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Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan halten am 31. Juli in Köln Fahnen hoch. Foto: Henning Kaiser, dpa
Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan halten am 31. Juli in Köln Fahnen hoch. Foto: Henning Kaiser, dpa
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Etwa 400 000 Türken leben in Bayern. Sie zu vertreten, beansprucht neben der religiösen Ditib und kleineren Sport- und Folkloreorganisationen auch die Türkische Gemeinde in Bayern. Der Verband versteht sich als weltlich-liberal. Vorsitzender ist der 44-jährige Medienmanager Vural Ünlü aus München.

Wie halten es die bayerischen Türken mit Staatspräsident Erdogan?
Vural Ünlü: Unabhängig vom vereitelten Militärputsch genießt Erdogan schon seit längerem eine hohe Unterstützung unter den Türken in Bayern. Bei der vergangenen Parlamentswahl haben seiner Partei etwa 60 Prozent ihre Stimme gegeben, mehr noch als in der Türkei.


Sind Bayerns Türken also besonders konservativ?
Man muss sehen, dass Menschen in der Diaspora grundsätzlich oft konservativer ticken, auch als Teil der kulturellen Identitätsfindung in der Fremde. Etwas Zweites kommt sicher noch hinzu: In den 60er und 70er Jahren sind vor allem konservative und fromme Menschen aus der ländlichen Türkei eingewandert. Liberale Bildungseliten waren klar in der Minderheit.

Hat sich daran nichts geändert?
Sicherlich ist die türkische Gemeinschaft in Bayern mit den Jahren vielfältiger geworden. Aber unterm Strich sind die bayerischen Türken eher religiöser, konservativer und richten ihre Satellitenschüsseln immer noch bevorzugt gen Osten aus.

Wie erklärt sich dieses Desinteresse an der deutschen Öffentlichkeit?
Obwohl türkische Haushalte Rundfunkgebühren zahlen, konsumieren sie nur in geringem Umfang deutsches Fernsehen. Offensichtlich machen die Öffentlich-Rechtlichen zu wenig Angebote, welche den Geschmacksnerv der Türken treffen. Eine mediale Einbindung wäre dabei gar nicht schwer.

Wie denn?
Schon ganz banal durch türkische Melodramen in den Spartenkanälen oder Mediatheken.

Treibt Erdogan Türken und Deutsche noch weiter auseinander?
In türkischen Medien laufen in einer Art Dauerschleife Rachegelüste gegen die Gülen-Bewegung und Diffamierungen gegen den als unsolidarisch eingestuften Westen. Die Reaktion aufseiten der deutschen Politik und Medien gegenüber Ankara ist ebenfalls robust.

Und die Deutsch-Türken mittendrin.
Sie werden von beiden Seiten zu bedingungsloser Loyalität aufgefordert. Die Mehrheit der Deutsch-Türken zieht den Kopf tief ein und nur wenige schlagen sich konsequent auf eine Seite.
Hat nicht schon die Armenien-Resolution des Bundestags das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken radikal verschlechtert?
Das stimmt. Aus zeitlicher und realpolitischer Perspektive war sie nicht hilfreich: Die Aussöhnung zwischen den Türken und Armeniern wurde erschwert, das Verhältnis zwischen den Türken und Deutschen vergiftet.

Welche Motive unterstellen Sie dem Bundestag?
Deutschland ist zu Recht sehr stolz, wie es seine Vergangenheit aufgearbeitet hat und sich dem Holocaust stellt. Daraus hat sich eine Art moralisches Sendungsbewusstsein entwickelt, das auch andere Länder zu einer schonungslosen Beschäftigung mit ihrer Geschichte zwingen möchte. Diese kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann jedoch nur von innen wachsen. Es war abzusehen, dass der Druck durch das deutsche Parlament in einem nationalistisch geprägten Klima kontraproduktiv wirken würde.
Verstehen Sie die Irritationen, wenn einige Zehntausende Türken in Köln für Erdogan auf die Straßen gehen?
Der deutsche Rechtsstaat kann auch dies aushalten, solange alles gesetzeskonform abläuft. Es muss möglich sein, dass auch Türken in Deutschland demonstrieren. Aber es fehlt vielen Erdogan-Anhängern an Einfühlungsvermögen: Völlig deplatziert waren die "Allahu Akbar"-Rufe und die Forderung nach einer Einführung der Todesstrafe.

Darf man von der türkischen Community ein klares Bekenntnis zum Rechtsstaat erwarten?
Selbstverständlich muss Verfassungstreue eingefordert werden. Nur lassen Sie uns bitte die vielen besonnenen Türken nicht in Sippenhaft nehmen für die tobsüchtigen Erdogan-Anhänger, die momentan unser Image prägen. Eines wird zudem gern übersehen: Viele in Deutschland lebenden AKP-Wähler mögen zwar mit Erdogans Vision einer autokratischen Demokratie für die Türkei sympathisieren. Aber sie wollen diese keineswegs in Deutschland eingeführt wissen. Die meisten sind sehr glücklich über ihre bürgerlichen Freiheiten hierzulande.

Täuscht der Eindruck, dass Erdogan die Türken in Deutschland seit längerem aufwiegelt und so auch deren Integration erschwert?
Erdogan hat mit seinen Lobbyorganisationen ein gewisses Mobilisierungspotential in Deutschland. Aber gerade Ditib will ja jetzt die Nabelschnur zur türkischen Religionsbehörde kappen und mit der Zeit deutlich mehr in Deutschland ausgebildete Imame einsetzen. Ich halte das für richtig.

Wie wichtig ist der Doppelpass?
Der Doppelpass ist die Eintrittskarte für politische Teilhabe. Dass viele Deutsch-Türken jedoch nicht den türkischen aufgeben wollen, hat auch noch einen anderen Grund: Er dient vielen als eine Art Rückfalloption, im Fall des Falles wieder in die Türkei ausreisen zu können.

Von welchem Fall sprechen Sie?
Wenn sich das gesellschaftliche Klima weiter verschärft. Die Angriffe auf Ausländer und Flüchtlinge nehmen zu, parallel dazu ist mit der AfD eine islamophobe Partei aufgetaucht. Das bereitet vielen Türken Sorgen.

Welche Diskriminierungserfahrungen machen Türken heute?
Klassische Erfahrungen erleben wir auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Ein fremdländischer Name, eine dunklere Hautfarbe wirken immer noch stigmatisierend. Das ist beschämend, entspricht aber leider der Realität.

Hat sich daran nichts verbessert?
Dass inzwischen mehr Türken ihr Abitur machen, immer weniger die Schule abbrechen und viele türkischstämmige Unternehmer Arbeitsplätze schaffen, sind vielversprechende Entwicklungen. Fairerweise muss man auch sagen, dass gerade den bayerischen Türken mehr Möglichkeiten offenstehen als in anderen Bundesländern.

Warum?
Das ist der hervorragenden Wirtschaftslage zu verdanken. Integration funktioniert am besten über einen guten Arbeitsmarkt. Zudem ist es der CSU in Zusammenarbeit mit weitsichtigen Stadtplanern in den oft sozialdemokratisch dominierten Metropolen gelungen, ethnische Ballungsräume, man könnte auch salopp von Gettos sprechen, zu verhindern.

Die offenbar segensreiche Arbeit der CSU nehmen aber längst nicht alle Türken so wahr.
In der Vergangenheit wählten neun von zehn Türkischstämmige SPD oder Grüne. Dort haben sie mehr Sympathie gespürt. Das wird sich aber ändern, auch weil insbesondere die Grünen mit der Armenien-Resolution viel Sympathie verspielt haben.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.