Bamberg
Lebenshilfe

Ich entscheide, wie ich lebe

Als WG-Partner sind Josef Stromer und Gerald Göller ein Dreamteam. Dank der Lebenshilfe gelang den beiden Franken der Sprung in die Selbstständigkeit.
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Josef Stromer bei der Hausarbeit Foto: Lebenshilfe
Josef Stromer bei der Hausarbeit Foto: Lebenshilfe
Die Waschmaschine rumpelt. Ja, heute ist Waschtag in Josef Stromers und Gerald Göllers Männer-WG. Janina Prang ist vor einer Stunde gekommen und sitzt mit den beiden in der Küche. Man beredet Freizeitaktivitäten, den Job, die Finanzen ... Was auf den ersten Blick wie ein Plausch unter Freunden wirkt, ist jedoch der allwöchentliche Besuch einer Betreuerin bei zwei Menschen mit geistiger Behinderung: "Es ist schön jemanden zu haben, wenn es mal ein Problem gibt", sagt Josef Stromer. Und spricht damit sicher vielen, die das "Ambulant unterstützte Wohnen" (AuW) der Lebenshilfe begleitet, aus der Seele.


69 Männer und Frauen

Seit zwölf Jahren gibt es das Angebot mittlerweile, das Karoline Hiltensberger in Bamberg initiierte. Mit einem Pionier fing 2005 alles an. "Heute nutzen 69 Männer und Frauen die Einrichtung, um ein weitgehend selbstständiges Leben trotz ihrer Behinderung führen zu können", berichtet Jonas Ochs als Leiter des AuW. Mancher wohnt alleine, andere zu zweit wie Josef Stromer und Gerald Göller, deren "Männerwirtschaft" in der Zollnerstraße bestens funktioniert. So haben sich hier eben zwei Fußballfans gefunden, die auch anderweitig ähnlich ticken, wie der Besuch in ihrer WG zeigte.



Kein langes Kochen

Die Waschmaschine ist verstummt. Vor dem Abendessen wird die Wäscheleine noch bestückt. Man(n) teilt sich die Arbeit brüderlich. Und wer ist fürs Kochen zuständig? "Ich sicher nicht", sagt Josef Stromer. Der 42-Jährige, der wie Gerald Göller in einer der Lebenshilfe-Werkstätten arbeitet, schmiert sich lieber ein Brot, als stundenlang am Herd zu stehen. Sein Mitbewohner nickt. Man ist sich einig - auch in diesem Punkt.


Von den Eltern abnabeln

"Das Interesse am AuW ist groß, wir sind immer auf der Suche nach weiteren Wohnungen", berichtet Jonas Ochs. So ist es auch für Menschen mit geistiger Behinderung wichtig, sich von den Eltern abzunabeln. "Man geht für eine Weile auf Abstand, um auf einer anderen Basis dann wieder zusammenzufinden", sagt der Diplom-Pädagoge. Wobei sich die meisten erst mit Mitte 20 oder noch später zu diesem Schritt durchrängen. Und es gibt viele, die wie Josef Stromer ganz bei den Eltern bleiben. Er zog erst nach ihrem Tod in die betreute Zweier-WG, in der sich gerade Janina Prang verabschiedet und auf den Nachhauseweg macht: "Bis nächste Woche."



Mit den Eltern

Wer kommt für das Angebot der Lebenshilfe überhaupt in Frage? "Den individuellen Unterstützungsbedarf ermitteln wir in Aufnahmegesprächen, bei denen auch die Eltern oder andere Angehörige anwesend sind", berichtet Jonas Ochs. Nicht jeder Mensch mit einer geistigen Behinderung sei in der Lage, so eigenständig zu leben wie Stromer und Göller. "Wir bieten ja keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung wie Wohnheime oder eben Familien, sondern begleiten die Betreffenden maximal fünf Stunden pro Woche." Fünf Stunden, in denen Hilfe zur Selbsthilfe gegeben wird - ob es nun um Probleme im Beruf, Haushalt, in finanziellen Angelegenheiten, Behördengänge oder auch die Freizeitgestaltung geht.



"Ich freu mich schon auf den Sommer, da sind wir oft auf'm Keller", sagt Gerald Göller, bevor er sich nach dem Besuch von Janina Prang wieder in sein Zimmer verabschiedet. "Nach der Arbeit bin ich geschafft. Da brauch ich erst mal Ruhe", sagt der 37-Jährige. Mit Freunden trifft er sich eher später. Ja, auszugehen bis spät in die Nacht, gehört zu den Freiheiten, die der Franke genießt und nicht mehr missen möchte - ebenso wie sein WG-Partner. Auch in anderen Bereichen quatscht den beiden keiner mehr rein - es sei denn sie selbst suchen Unterstützung. Der Traum vom selbstbestimmten Leben ist für Josef Stromer und Gerald Göller Realität geworden.



Mehr Privatsphäre

Auch Paare profitieren übrigens vom Ambulant unterstützten Wohnen der Lebenshilfe, wie Jonas Ochs noch berichtet. Auf diese Weise hätten frisch Verliebte die Privatsphäre, die viele Menschen mit geistiger Behinderung im Elternhaus und anderen Einrichtungen vermissen. "Das einzige Problem derzeit: genügend Wohnungen für Interessenten zu finden", sagt der AuW-Leiter. "Wohnungsbesitzer dürfen sich gerne jederzeit bei mir im Büro melden."

Wohnungseigentümer, die Menschen mit Behinderung den Sprung in ein eigenständiges Leben ermöglichen möchten, können sich an AuW-Leiter Jonas Ochs unter Telefon 0951/18972940 oder 0170-4535951 wenden.
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