Bamberg
Gedenken

Holocaust-Gedenken: "Wir dürfen niemals vergessen"

Mehr als fünf Millionen Menschen mussten im Holocaust unschuldig ihr Leben hingeben. An sie und ihr Schicksal wurde am Mittwoch in der Israeltischen Kultusgemeinde Bamberg erinnert. Unter der Holocaust-Überlebende Siegfried Heilig.
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Martin Arieh Rudolph (rechts), Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Siegfried Heilig. Als Sinto musste Heilig auch nach dem Zweiten Weltkrieg viel Diskriminierung über sich ergehen lassen. Fotos: Johanna Eckert
Martin Arieh Rudolph (rechts), Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Siegfried Heilig. Als Sinto musste Heilig auch nach dem Zweiten Weltkrieg viel Diskriminierung über sich ergehen lassen. Fotos: Johanna Eckert
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Nathan Fleischmann, Grete Bing, Otto Lessing, Clara Becker, Isidor Walter - Namen von Frauen und Männern, stellvertretend für Hunderte andere, die während des Zweiten Weltkriegs in Bamberg lebten und den Schandtaten des Holocaust zum Opfer gefallen sind. Sie alle standen bei der Gedenkstunde am Mittwoch im Gebetsraum der Israelitischen Kultusgemeinde im Mittelpunkt. Der Name jedes Opfers wurde vorgelesen.

In Zusammenarbeit mit der Gemeinde hatte Daniel Manthey, Vorsitzender der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg, zum Gedenken eingeladen. Bereits im Jahr 1996 wurde vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus proklamiert. Ein Tag, der die Geschichte schon lange prägte: Denn am 27. Januar 1945 wurden im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau die wenigen Überlebenden von Soldaten der Roten Armee befreit.

Dieser Tag macht es möglich, "uns anhand der Ereignisse der Vergangenheit mit der Gegenwart zu beschäftigen", sagte Daniel Manthey. Denn menschenverachtende Ideologien und eine rechtsradikale Szene gebe es auch heute noch. Gerade das Internet trage derzeit zu einer schnellen Verbreitung von Hetze und Hass bei. Es brauche Mut und das Wissen, nicht alleine damit zu sein, um gegen rechtes Gedankengut vorzugehen und der Menschlichkeit somit eine Chance geben zu können. Manthey dankte der Polizei der Stadt Bamberg, die auch an diesem Abend für die Sicherheit der Gäste der Gedenkstunde Sorge trug.

Eines ist mit Blick auf die Vergangenheit klar: Das, was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern. "Doch haben wir die Verpflichtung, alles zu tun, dass solche Schrecken nicht wieder kommen", machte Bürgermeister Wolfgang Metzner (SPD) in seinem Grußwort deutlich. Dazu gehöre auch das Nicht-Vergessen. "Wir dürfen niemals vergessen, wohin ein fahrlässiges Schweigen der Bevölkerung geführt hat. Das Gedenken ist heute wichtiger denn je. Das Gedenken der Leiden der Opfer ist unverzichtbar. Noch heute leiden viele Menschen darunter", veranschaulichte Martin Arieh Rudolph, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg.

Einer, der den Holocaust überlebt hat und dem es bis heute noch schwer fällt, über sein Schicksal zu reden, ist der mittlerweile 80-jährige Siegfried Heilig, der am Mittwoch in Bamberg zu Gast war. 1934 wurde er als Sohn einer Sintifamilie in Magdeburg geboren, die sich den Lebensunterhalt mit einer Schießbude und einem Marionettentheater verdiente. "Als Kind habe ich sehr viel mitgemacht", schilderte Heilig seinen Zuhörern würdevoll. Er wurde von Lehrern und Mitschülern körperlich misshandelt und unerwünscht immer in die letzte Reihe platziert.

Als 1943 alle Sinti in Magdeburg für die Deportation nach Auschwitz verhaftet wurden, blieb er, zusammen mit seinen Eltern und dem Bruder, nur durch die Geistesgegenwart der Großmutter, unerkannt und konnte so der "Todesfabrik Ausschwitz", wie es Martin Arieh Rudolph in Worte fasste, entkommen. Auf der sich anschließenden Flucht biss er vor Hunger in Baumrinde, Sauerampfer und verfaulte Kartoffeln. Geschlafen hat er oft im Schweinestall, "denn dort war es etwas wärmer als in der Scheune", erzählte Siegfried Heilig, der auch als Vertreter des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern fungiert und als Zeitzeuge seine Erlebnisse immer wieder mit jungen Menschen teilt. Noch heute besucht er jährlich seinen Heimatort Magdeburg und Ausschwitz. Er legt dort Kränze und Kerzen in Gedenken an seine Angehörigen nieder.


Diskriminierung dauert an

Die Diskriminierung der Sinti verfolgte Siegfried Heilig sein Leben lang. Genau dieses Schicksal spiele sich derzeit Tag für Tag in der Rückführungseinrichtung im Bamberger Osten ab. "Dort leben die Menschen bis zur Abschiebung. Unter ihnen sind auch Roma. Die ethnische Zugehörigkeit wird jedoch nicht beachtet. Serbien gilt als sicherer Drittstaat, aber nach wie vor sind sie von der Teilhabe ausgegrenzt", erklärte Martin Arieh Rudolph. Für ihn steht fest: "Die Diskriminierung muss ein Ende haben." Er forderte das Engagement für eine freiheitliche, demokratische und vorurteilsfreie Zukunft der gegenseitigen Akzeptanz ein.

Musikalisch wurde die Gedenkstunde von Veronika Böhm (Violine) und Carl Gollnast (Klavier) vom E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium umrahmt.
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