Bamberg
Theaterpremiere

Hoffnung, sogar am Abgrund

Erst gefeiert, dann verdammt: An Oscar Wildes tiefen Fall erinnert das Brentano-Theater, das seine Briefe aus dem Gefängnis aufleben lässt.
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Martin Neubauer erinnert an Oscar Wildes tragische Geschichte.  Foto: pr
Martin Neubauer erinnert an Oscar Wildes tragische Geschichte. Foto: pr
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Als Lachnummer

Von einem Tag zum anderen avancieren Celebrities, die zuvor noch glorifiziert wurden, zur Lachnummer: Ein Gesellschaftsspiel, das sich von jeher größter Beliebtheit erfreute. Ein Beispiel aus dem späten 19. Jahrhundert greift das Brentano-Theater auf. So erinnert Martin Neubauer an einen Skandal, der Oscar Wilde 1895 auf dem Höhepunkt seines Ruhms ereilte und in den Abgrund riss.



An den früheren Liebhaber

Im Blickpunkt steht "De Profundis": Ein offener Brief, den der irische Schriftsteller während seiner Inhaftierung in verschiedenen englischen Zuchthäusern an seinen früheren Freund und Liebhaber Lord Alfred Douglas - genannt Bosie - schrieb. Zum Theatermonolog arbeitete Neubauer die Gedanken eines Verfolgten aus dem Kerker um. Und zeigt dabei, wie Menschen durch leidvolle Erfahrungen mitunter auch reifen.



Ein Skandalautor

"Oscar Wilde konnte zu Recht von sich sagen: ,Ich war ein Mann, der Kunst und Kultur seiner Zeit symbolisierte'", sagt der Leiter des Brentano-Theaters. Kometenhaft war im prüden viktorianischen England der Aufstieg des aus Dublin stammenden Schriftstellers. Nach seinem Studienabschluss war Wilde in London zum Skandalautor geworden, dessen Sprachgewandtheit und extravagantes Auftreten die Gesellschaft bewunderte. "Wilde galt als Dandy, Flaneur und Lebemann." Man akzeptierte ihn in dieser Rolle. Dann aber ließ sich der Dichter, der eine Kinderbuchautorin geheiratet hatte und zum Familienvater geworden war, auf eine unheilvolle Liebe ein: zum "jungen, schönen und narzisstischen Alfred Lord Douglas, der fortan seine Gefühlswelt beherrschte".


Gnadenlose Hetzjagd

Eine gnadenlose Hetzjagd auf den zuvor so geschätzten Lyriker, Romanautor und Dramatiker begann, nachdem Wilde - die gesellschaftliche Bedeutung seines Ruhms überschätzend - einen Prozess anstrengte. Wegen Verleumdung hatte er den Vater seines Liebhabers verklagt, der während des Verfahrens aber im Prostituiertenmilieu Beweise für Wildes praktizierte Homosexualität fand. Eine Katastrophe für den damals 40-Jährigen. Zwei Jahre Gefängnis und Zwangsarbeit waren die Folge. "Der vom Leben verwöhnte Schriftsteller lernte brutal die Abgründe des Daseins kennen", sagt Martin Neubauer.





Aus der Tiefe

In einer Zelle, in der kaum Sonnenlicht durch die trüben vergitterten Scheiben fiel, begann Wilde "De Profundis" ("Aus der Tiefe") zu schreiben: einen langen, erschütternden Brief an den um 16 Jahre jüngeren "Bosie". "Erst nach Wildes Tod erschien dieses geistige Testament als 300 Seiten starkes Buch, in dem der Schriftsteller menschliche Größe offenbarte". Der Mann, den viele zuvor als Dandy abgewertet hatten, nahm sein Leid an. "Natürlich bin ich für viele Dinge verurteilt worden, die ich nicht begangen habe. Für noch mehr Dinge, die ich im Leben begangen habe, bin ich nie vor Gericht gekommen", heißt es beispielsweise in "De Profundis".



Am Abgrund

So geht es in Neubauers Herbstprogramm vor allem eben auch um den Wandel eines Menschen, der nach einem Leben voller Erfolge am Abgrund steht. Wilde erholte sich eben auch nicht mehr von den unmenschlichen Zuständen im Zuchthaus und floh gleich nach der Entlassung vor der gesellschaftlichen Ächtung nach Paris, um nie wieder britischen Boden zu betreten. In Armut und Isolation verbrachte der Schöpfer von Romanen wie "Das Bildnis des Dorian Gray" seine letzten drei Lebensjahre.
Im Gefängnis aber hatte sich Wilde verändert und Erkenntnisse gewonnen, die sein Brief - ohne erhobenen Zeigefinger - der Nachwelt übermittelt: "Nicht in der Quantität liegt demnach das Glück, sondern in der Qualität. Nicht im oberflächlichen Genuss und Rausch, sondern in tiefen menschlichen Begegnungen und ethischem Handeln", so Neubauer. "Über ,De Profundis' lernt man das Innerste des Dichters kennen. Wir begegnen einem Mann voller Selbstzweifel, einem Sinn- und Gott-Suchenden, einem Verwundeten und dabei immer Liebenden." Wobei die Sprachkraft des großen Dramatikers in jeder Zeile spürbar sei.


Das Leid verdrängen

"Für das Brentano-Theater stehen Abende an, die an ,grundbohrende' Programme wie zuletzt Dostojewskis ,Großinquisitor' anknüpfen", meint Martin Neubauer. Gerade in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gäbe es ja die Tendenz, Unschönes und Leid zu verdrängen. "Wilde aber ruft uns zu: ,Schaut hin! Wo das Leid herrscht, da ist geweihte Erde.' Denn es hat, sieht man ihm ins Auge, verändernde Kraft." Und während die Menschen heute "mehr denn je nach Unterhaltung, Ablenkung und flüchtigen Späßen lechzen, bekannte der große Humorist unter den Literaten einmal: ,Das schlimmste Laster ist die Seichtheit'."



Legendärer Humor

Nicht mal im Gefängnis hätte Wilde seinen legendären Humor verloren. "So wird der Brief auch immer wieder unterbrochen, indem sich der Häftling Wilde in den einstigen glorreichen Erzähler verwandelt und seine satirisch pointierten Geschichten vorträgt." Dann wieder funkle "einer der wunderbarsten Erzähler der Literaturgeschichte".


Alle Theaterabende - Auf einen Blick

Oscar Wildes "De Profundis" - ein Theatermonolog mit Martin Neubauer ist ab 30. Oktober im Brentano-Theater, Gartenstraße 7, zu erleben. Der Premiere am Sonntag, 30. Oktober, 17 Uhr, folgen weitere Vorstellungen am Dienstag, 1. November, 17 Uhr, Sonntag, 6. November, 17 Uhr, Dienstag, 8. November, 20 Uhr, Sonntag, 13. November, 17 Uhr, Freitag, 18. November, 20 Uhr, und Dienstag, 22. November, 20 Uhr. Plätze können sich Interessenten vorab unter der Nummer 0951/54528 reservieren lassen.
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