"5 vor 12" für die ehemalige Judenschule an der Nürnberger Straße meldete der Fränkische Tag im August - nun steht dem vom Verfall bedrohten Baudenkmal ein weiterer, unter Umständen zerstörerischer Winter bevor. Aber der Zeiger ist angehalten: Es zeichnet sich eine Lösung ab.Spargelbauer Alois Büttel, dem das frühere Bauerngehöft gehört, möchte es gegen Ackerland tauschen und fand dafür zusammen mit Bürgermeister Andreas Schlund (CSU) einen gemeinsamen Nenner. In der November-Sitzung des Gemeinderats sollen die nötigen Beschlüsse für die Verbriefung und Zukunftssicherung des Baudenkmals gefasst werden.

Das einstige Bauernhaus wurde bis 1938 als Judenschule und Lehrerhaus genutzt. Das heißt: Hier wohnten und unterrichteten die jüdischen Religionslehrer und Vorsänger Abraham Raum und David Kahn mit ihren Familien.
Am 14. November 1938 erreichte die Hirschaider Schulleitung ein Schreiben des Bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus betreffend die "Beurlaubung der jüdischen Schüler". Darin heißt es: "Bis auf weiteres sind sämtliche jüdischen Schüler und Schülerinnen von jedem Unterricht zu beurlauben. Wer Jude ist oder als solcher gilt, bestimmt sich nach § 5 d. I. Verordnung zum Reichsbürgergesetz v. 14. Nov. 1935".

Einen Monat später, am 13. Dezember 1938, wurde über die Judenschule eine "Vereinbarung" zwischen den Vertretern der Jüdischen Kultusgemeinde Hirschaid und der politischen Gemeinde unterzeichnet, in der der Markt Hirschaid das Vorkaufsrecht über das Anwesen der Kultusgemeinde, Hindenburgstraße 12 (heute Nürnberger Straße 12) erhielt. Gleichzeitig wurde "bis zur notariellen Verbriefung das Anwesen zur freien Verfügung" der Gemeinde überlassen.

Der damalige Kaufpreis von 3000 Reichsmark sollte nicht in Bar beglichen, sondern "zur lebenslangen Unterhaltung des in Hirschaid ansässigen Abraham Beck abgegolten werden." Der betagte Händler, genannt "Abala", starb am 26. Juli 1939 und wurde auf Kosten der Gemeinde Hirschaid auf dem israelitischen Friedhof in Buttenheim beigesetzt. Nach und nach erlosch das jüdische Leben in Hirschaid, wo im Jahr 1900 noch 61 Israeliten gezählt worden waren. Für jüdische Kinder war die zunächst nur für den Religionsunterricht gedachte Judenschule 1902 in eine "Elementarschule" umgewandelt worden. Sie wurde aber schon 1924 wegen zu geringer Schülerzahl wieder aufgegeben, der Religionsunterricht in dem Gebäude jedoch fortgesetzt.

1935 lebten noch 17 jüdische Familien in Hirschaid, zwischen 1936 und 1939 wanderten 30 Bürger mosaischen Glaubens aus - in die USA, nach Palästina oder Südafrika. In der Pogromnacht zum 10. November 1938 zündeten die Nazis die Hirschaider Synagoge an und beschlagnahmten das Schulhaus. Die letzten 28 Hirschaider Juden - zwischen fünf und 82 Jahre alt - wurden im Frühjahr 1942 nach Osten, in Konzentrationslager, deportiert. Keiner von ihnen hat überlebt. Im Jahr 2000 wurde der Synagogenplatz als würdiges Denkmal gestaltet, 2005 hat der Heimatforscher und Zeitzeuge Rudolf Panzer zum Gedenken an die 400 Jahre alte jüdische Gemeinde in Hirschaid die 240 Seiten umfassende Dokumentation "Jüdische Familien in der fränkischen Gemeinde Hirschaid" veröffentlicht (Quelle auch der historischen Informationen zur Judenschule in diesem Beitrag).

Nun könnte die Judenschule selbst zu einer Art "Gedächtnis" der Gemeinde Hirschaid werden. Denn Bürgermeister Andreas Schlund hofft, das Gebäude mit finanzieller Hilfe aus der Städtebauförderung, der Oberfranken- und der Landesstiftung sowie dem Entschädigungsfonds sanieren zu können, um darin das Gemeindearchiv einzurichten. Wegen der geringen Geschosshöhen ist das ehemalige Bauernhaus für Wohnzwecke oder als Arbeitsstätte kaum geeignet. Sehr wohl aber könnte es, nahe dem Rathaus gelegen, dazu dienen, alte Akten zeitgemäß geordnet zu verwahren. Auf die ehemalige Nutzung als Schule weist nichts mehr hin. Eventuell finden sich in einem Rückgebäude Überreste einer Mikwe, des rituellen Bades der Juden.

Die Nachbarsfamilie Büttel hatte das mit der Judenschule bebaute Grundstück in einem Tauschgeschäft mit der Gemeinde erworben, als sie anfangs der 1980er Jahre eine Fläche für den heutigen Möbelmarkt Neubert zur Verfügung stellte. Den rückwärtigen Teil konnten sie bereits mit einer Maschinenhalle bebauen. Nun soll noch eine Fläche für den Neubau eines Wohnhauses für Sohn Michael abgegrenzt werden, die Judenschule könnte wieder - ohne großen Umgriff - Eigentum der Gemeinde werden.

Alois Büttel hat erkannt, dass sein zunächst verfolgter Plan aussichtslos ist: Die Streichung des Objekts aus der Denkmalliste, eine Abbruch- und Baugenehmigung für einen Ersatzbau kämen den Behörden nicht in Frage. Schließlich siegte die Vernunft: Bürgermeister sowie Vater und Sohn Büttel verständigten sich über den Umfang eines neuerlichen Grundstückstausches. Die Gemeinde trennt sich von einer Ackerfläche in der Regnitzau und bekommt dafür die Judenschule zurück. Alois Büttel: "Das ist die sauberste Lösung." Bürgermeister Schlund will den noch vor drei Jahrzehnten schmucken Bau seiner kulturhistorischen Bedeutung entsprechend der Nachwelt erhalten. Dafür seien gemeinsame Anstrengungen erforderlich. Die nächsten Schritte müssten sein: Alle Löcher des Daches und der Fassaden schließen und den Müll aus den Räumen befördern.